Verehrte Körper, verführte Körper. Die Olympischen Spiele der Neuzeit und die Tradition des Dionysischen

Was haben Olympische Spiele der Gegenwart mit dem griechischen Gott Dionysos zu tun? Wenn man sich etwas näher ansieht wofür dionysisch steht, kann man sich der Beantwortung der Frage nähern. Als dionysisch wird betrachtet, was sich durch rauschhafte Ekstase, elementare Sinnlichkeit, Emotionalität und Irrationalität ausdrückt. Fügt man jetzt noch ein Verständnis der von Coubertin wiedererweckten olympischen Idee als Surrogat für die an Bedeutung verlierenden Religionen hinzu ("religio athletae"), ist das Bild olympischer Events als eine gemeinschaftsbindende Art der "Aufführung" moderner Sportereignisse nicht mehr fern. Aus der Sicht der Theaterwissenschaft widmet sich der vorliegende Band diesem Phänomen mit seinen in Form und Funktion an dionysisches Theater erinnernder moderner Ausprägung. Dazu wurden eine Reihe typischer Erscheinungsformen einer entsprechend kritischen Analyse unterzogen: - Coubertins Theorie vom Olympismus - die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona - die für die Olympischen Spiele 1936 von Leni Riefenstahl gedrehten Olympiafilme und - die Fernsehinszenierungen der Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Diese wurden nach verschiedenen Gesichtspunkten untersucht, zu denen u.a. zählen: - formale Gemeinsamkeiten zwischen dionysischer Kunst und den Olympiainszenierungen - Beziehungen zwischen den erreichten Gemeinschaften und dem historisch geprägten Kollektivideal - welches Körperbild wird vermittelt und wird dieses politisiert - werden von den Medien spezifische Mittel gewählt, um die Sinne der Zuschauer anzusprechen und gehört zu diesen Mitteln die Schönheit des Körpers der Sportler. Die Beantwortung dieser Fragen im Rahmen dieser als Dissertation erfolgreich abgeschlossenen Untersuchung bietet interessante Einblicke in die rituellen Zeremonien, die mit Olympischen Spielen verbunden sind. Es wird sehr deutlich, dass die Olympischen Spiele der Gegenwart auf dem Konzept eines Fests der Körper für die Sinne fußten und gegen den Rationalitätsmythos gerichtet waren. Gleichzeitig waren und sind die Botschaften der olympischen Idee nie unpolitisch und richteten sich auch diesbezüglich auf den Körper mit seinen heute so betonten Schönheits- und Fitnessidealen. Und letztlich fördern die olympischen Feste und Zeremonien auch die trügerische Illusion einer heilen olympischen Welt, die zusammensteht, gemeinsam feiert und fair um den Sieg kämpft. Die Realität im Sport und in der Welt um ihn herum zeigt doch erhebliche Abweichungen von diesem olympischen Ideal.
© Copyright 2004 Theatron - Studien zur Geschichte und Theorie der dramatischen Künste, Bd. 43. Published by Niemeyer. All rights reserved.

Bibliographic Details
Subjects:
Notations:social sciences
Published in:Theatron - Studien zur Geschichte und Theorie der dramatischen Künste, Bd. 43
Language:German
Published: Niemeyer 2004
Edition:Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 2004.- 293 S.
Series:Theatron - Studien zur Geschichte und Theorie der dramatischen Künste, 43
Document types:book
Level:intermediate