Die Förderung des Spitzensports im internationalen Vergleich
WD 10 - 3000 - 097/08
Die Systeme des Hochleistungssports der erfolgreichsten Nationen bei Olympischen Spielen zeichnen sich schon seit längerer Zeit durch ein hohes Maß an Komplexität aus. Gleichzeitig lassen sich Neuausrichtungen oder Anpassungen bei den Modellen der Spitzensportförderung ausmachen. Diese Politikänderungen, zumeist inkrementale Änderungen bestehender Programme, manchmal aber auch eine fundamentale Abkehr von bisher praktizierten Politiken, können als Prozesse kollektiven Lernens interpretiert werden. Immer wieder erweisen sich dabei die Sportfördersysteme einzelner Staaten als beispielgebend für die Reformen in anderen Sportnationen. In diesem Sinn versuchen die meisten Staaten, leistungssportliche Eliten systematisch auszuwählen und zu fördern. Die Reformbemühungen bezogen sich vor allem auf die Entwicklung der Infrastruktur für den Spitzensport, die Formen der Betreuung für Training und Wettkampf, Ausbau und institutionelle Optimierung von Sportwissenschaft und Sportmedizin; Verbesserung der Wettkampfmöglichkeiten für die Athleten als Vorbereitung für die internationalen Großereignisse.
Ein erfolgreiches Spitzensportsystem ist durch das Zusammenspiel einer Reihe von Faktoren gekennzeichnet Dazu gehören kontextuelle Bedingungen (Kultur, finanzielle Ausstattung), prozessuale Faktoren (z. B. unterstützende Verwaltungsstrukturen, effektive Talentsichtung, Monitoring bei den einzelnen Athleten) sowie spezifische Faktoren (Programme und Ausstattung in den einzelnen Sportarten). Dabei weisen die eingesetzten Mittel zur Sportförderung inzwischen ein ähnliches Spektrum auf, wobei Fördermaßnahmen durchaus in unterschiedlichen Kombinationen und Gewichtungen eingesetzt und hinsichtlich ihrer institutionellen Formen und gesellschaftlichen Wertschätzungen eine Reihe von Unterschieden aufweisen. Festzustellen ist ein Trend hin zu einem relativ homogenen Modell der Spitzensportentwicklung. Als Ursachen für diese zunehmende Konvergenz gelten vor allem die Globalisierung des Sports, die zunehmende Kommerzialisierung und die verstärkte Inanspruchnahme des Sports durch die Politik ("Governmentalisation"). Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass die jeweiligen Eigenarten der nationalen Sportsysteme, insbesondere ihre institutionelle Konfiguration, nur wenig Modifikationen erfuhren. Die nationalen Systeme der Leistungssportförderung sind auch immer in das jeweilige politische System des Landes integriert. So ist beispielsweise davon auszugehen, dass Strukturanpassungen in der Spitzensportförderung Frankreichs nur im Rahmen des zentralistisch organisierten Gemeinwesens erfolgen werden. Ersichtlich wird, dass trotz aller Internationalität, durch die sich der Hochleistungssport auszeichnet, spezifische Nationalkulturen des Sports existieren, die durch eigenständige Traditionen und spezifische Merkmale gekennzeichnet sind. Die jeweiligen historisch gewachsenen Sportsysteme zeigen deshalb in der Regel ein relativ starkes Beharrungsvermögen, gleichzeitig verändern sich die jeweiligen gesellschaftlichen Zielsetzungen und Wertvorstellungen nur langsam (Pfadabhängigkeit). So spielt zumeist das Bildungs- und Erziehungssystem einer Nation eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Sportsystemen, auch das Militär ist vielfach von Bedeutung. Das gleiche gilt auch für das Verhältnis von Sport und Wirtschaft. Institutionelle Angleichungsprozesse, wie sie in Politik und in der Wirtschaft ebenfalls feststellbar sind, finden schon seit längerer Zeit auch in den Hochleistungssportsystemen der erfolgreichsten Nationen statt (HOULIHAN; GREEN 2008). Dabei lassen sich immer wieder Phasen feststellen, in denen eine besonders deutliche Reformorientierung sichtbar wird. So markieren etwa die Olympischen Spiele von Atlanta (1996)
eine Wende in der Förderorientierung vieler Nationen. Insbesondere gewann in diesem Zeitraum die materielle Stimulierung des Spitzensports und der Spitzensportler an Bedeutung. Die Möglichkeiten, Olympiamedaillen mit fünf- bzw. sechsstellige Beträgen, Geschenken in Form von Autos oder Häusern oder gar Pensionen aufzubessern,
sind gegen Ende der neunziger Jahre stark ausgeweitet worden und wurden nunmehr gezielt bei der Motivbildung eingesetzt. Gleichzeitig hat sich - neben der Internationalisierung des Wettkampfbetriebes - eine weitere Anpassung des Sports an einen internationalen Standard in den letzten Jahren nahezu dramatisch verstärkt: Das trainingsmethodische Know-how wird nun zunehmend über ausländische Trainer importiert. Der Einsatz ausländischer Experten ist geradezu zu einer Normalität im internationalen Spitzensport geworden..
Politisch-administrative Einflussmöglichkeiten ergeben darüber hinaus mit zusätzlichen Maßnahmen, die hinsichtlich Rekrutierung und Talentförderung (vor allem im
Rahmen des Bildungssystems), Training sowie der sportwissenschaftlichen und -medizinischen Begleitung zu einer höheren Effektivität gelangen. Für das Sportförder
system in Deutschland stellt sich aber die Frage, welche Effektivität (Grad der Zielerreichung) und welche Effizienz (Input-Output-Relation und Frage des Nutzens der alternativen Verwendung eingesetzter Mittel) es unter den aktuell gegebenen Ausprägungen politischer und bürgerlicher Freiheitsrechte erreicht. Wie PITSCH und EMRICH (2008) betonen, lag - gemessen an den sozio-ökonomischen Normalbedingungen - das Erfolgsniveau der deutschen Athleten bei den Olympischen Sommerspielen von 2004 (ebenso wie die Werte von 1996 und 2000) deutlich über dem erwartbaren Normalwert.
Die heißt: Die Grundbedingungen für den Spitzensport in Deutschland lassen die empirisch vorfindbaren sportlichen Erfolge eigentlich nicht erwarten. Auch bezogen auf die Winterspiele 2002 und 2006 liegt Deutschland erheblich über dem vorhergesagten Wert. Die Autoren kommen zum Schluss, dass die verbreitete Einschätzung (die gewöhnlich mit einem mangelhaften Erfolgsniveau begründet wird, das Fördersystem in Deutschland sei dringend reformbedürftig), sich nicht bestätigen lasse. Offen bleibt deshalb zunächst, inwieweit eine weitere Steigerung des Erfolgsniveaus durch die Intensivierung der vorhandenen Fördermaßnahmen gelingen kann, da die Gründe für das deutliche Überschreiten des Normalausstattung bisher nur wenig erforscht sind
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| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Organisationen und Veranstaltungen |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Berlin
Deutscher Bundestag
2008
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| Schriftenreihe: | Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages |
| Online-Zugang: | https://www.bundestag.de/resource/blob/413694/6f605b353e7190f4129b99e459b5eacf/WD-10-097-08-pdf-data.pdf |
| Seiten: | 1-40 |
| Dokumentenarten: | elektronische Publikation |
| Level: | mittel |