Das Internationale Olympische Komitee: Handlungsstrukturen, Entscheidungsverhalten und mögliche Reformoptionen; eine Untersuchung auf Grundlage der neuen politischen Ökonomie

In dieser Arbeit wurde eine politökonomische Analyse des IOC vorgenommen. Dabei wurde von der Hypothese ausgegangen, dass ausgewählte Elemente der Neuen Politischen Ökonomie und der Neuen Institutionenökonomie einen Erklärungsbeitrag für das Entscheidungsverhalten der IOC-Mitglieder liefern können. Den Ausgangspunkt bildete die im zweiten Kapitel vorgenommene methodische Verortung der Untersuchung in den Bereich der Erfahrungswissenschaft. Das Grundgerüst der Vorgehensweise bildete die situationslogische Methode als sozialwissenschaftliche Anwendung des deduktiv-nomologischen Erklärungsschemas, bei der aus einer allgemeinen Handlungstheorie und einem gegebenen Handlungsrahmen typische Handlungsmuster der beteiligten Akteure deduktiv abgeleitet werden. Im dritten Kapitel erfolgte die Darstellung der erklärenden Theorie in Gestalt von Ansätzen der Neuen Politischen Ökonomie und der Neuen Institutionenökonomie, die zur Untersuchung von Interaktions- und Koordinationsproblemen in Entscheidungskollektiven auf die ökonomische Sichtweise menschlichen Verhaltens zurückgreifen. Daran anschließend wurde im vierten Kapital die Spezifikation des situativen Handlungsrahmens, zunächst in Gestalt des institutionellen Gefüges des IOC, vorgenommen. Weiterhin erfolgte eine Konkretisierung des aus den Athleten, den Bewerber- bzw. Ausrichterstädten, den Fernsehsendern und den Sponsoren bestehenden Akteursumfelds des IOC. Die Darstellung von Entscheidungsträgern, -strukturen und -prozessen machte deutlich, dass im Rahmen des olympischen Geschehens demokratische, hierarchische und marktliche Steuerungsmechanismen nebeneinander Anwendung finden. Bei der im fünften Kapitel zunächst durchgeführten Institutionenanalyse zeigte sich, dass das IOC trotz des Fehlens eines expliziten demokratischen Vertretungsauftrags aufgrund der strukturellen Analogie der Entscheidungsfindung mit dem Instrumentarium der Neuen Politischen Ökonomie untersucht werden kann. Auf dieser Grundlage wurden theoriegeleitet Prognosen über idealtypische Verhaltensweisen der Akteure abgeleitet, die angesichts der vor allem durch umfassende Kompetenzen und weitreichende diskretionäre Entscheidungsspielräume gekennzeichneten Handlungssituation zu erwarten sind. Dabei erfolgte eine Fokussierung auf die drei zentralen Entscheidungsbereiche des IOC: die Vergabe der Olympischen Spiele, deren Programm, sowie das Problem des Dopings. Die daran anschließende Untersuchung des historischen Entscheidungsverhaltens des IOC hat gezeigt, dass wesentliche Verhaltensmuster der IOC-Mitglieder theoretisch erklärt werden können. Einschränkend wurde dabei auf das Problem hingewiesen, dass angesichts der Einzigartigkeit des Handlungsumfelds der IOC-Akteure nur eine "intra-institutionelle" Analyse vorgenommen werden konnte, was die Aussagefähigkeit der gewonnenen Erkenntnisse nicht unerheblich einschränkt. Trotzdem erscheint die Aussage gerechtfertigt, dass das Paradigma der Neuen Politischen Ökonomie auch im institutionellen Kontext des IOC empirischen Gehalt besitzt. Weiterhin wurde deutlich, dass das Verhalten der Akteure weniger durch institutionelle Beschränkungen als vielmehr durch das Sanktionspotential außerhalb des IOC stehender Akteursgruppen determiniert wird. Erst wenn diese - in der Sprache der situationslogischen Methode - Vervollständigung der Situationsbeschreibung vorgenommen wird, lassen sich empirisch gehaltvolle Prognosen zum Verhalten der IOC-Mitglieder ableiten. Theorien, die einen Erklärungsbeitrag für Phänomene der Realität leisten, besitzen auch technologisches Potential, erlauben also Prognosen darüber, wie sich das Verhalten der Akteure beeinflussen lässt, wenn durch eine Variation der institutionellen Gegebenheiten ihre Handlungsrestriktionen verändert werden. Vor diesem Hintergrund wurden im letzten Teil des fünften Kapitels Möglichkeiten für alternative institutionelle Arrangements skizziert, mit deren Hilfe das Entscheidungsverhalten der IOC-Mitglieder im Sinne eines vorgegebenen Zielsystems beeinflusst werden könnte. Die in diesem Zusammenhang vorgeschlagene Institutionalisierung eines indirekt demokratischen Entscheidungsprozesses muss dabei von Maßnahmen flankiert werden, die dem Kontroll- und Steuerungsproblem von Wähler-Gewählten-Beziehungen begegnen. Weil im Hinblick auf das IOC als Kernstück der nicht in nationalstaatliche oder supranationale Entscheidungs- und Sanktionsmechanismen eingebundenen Olympischen Bewegung kaum Aussicht auf eine Implementierung der gemachten Reformvorschläge besteht, kann zur Einschränkung des diskretionären Handlungsspielraums der Akteure nur auf die Marktkräfte, denen auch das IOC nicht ausweichen kann, vertraut werden. Die fortschreitende Professionalisierung und Kommerzialisierung des olympischen Geschehens erweist sich in diesem Zusammenhang als die einzig wirksame Begrenzung für das opportunistische Verhalten der IOC-Mitglieder. Ökonomische Anreizmechanismen vermögen damit auch ein letztlich feudalistisches System wie das IOC zu kontrollieren. Es zeigt sich, dass die Olympische Idee, wie jede andere Ideologie auch, nur dann eine Existenzberechtigung besitzt, wenn sie den Menschen Nutzen stiften kann. Die Durchsetzung pathosbehafteter und idealistischer Vorstellungen wird, soweit sie an den Interessen der Sportkonsumenten und Athleten vorbei geht, langfristig scheitern. Dagegen ist zu erwarten, dass die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte mit der zunehmenden Berücksichtigung der Interessen von Akteursgruppen, die die Finanzierung der Olympischen Spiele vornehmen, weiter andauern wird, weil das IOC in den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang eingebunden ist und sein angebotenes Produkt verkaufen muss. Das bedeutet, dass die häufig als Bedrohung der Olympischen Spiele angesehenen"ökonomischen Interessen" nur Ausdruck der durch Fernsehsender und Sponsoren artikulierten Interessen der Sportkonsumenten sind. Gegen diese Auffassung mag der Einwand vorgebracht werden, dass damit zu einseitig auf die Interessen der Sportkonsumenten abgestellt wird, während die Belange der sportproduzierenden Athleten nicht angemessen berücksichtigt werden. Es gilt jedoch zu bedenken, dass es die Nachfrager sind, die mit ihrer Kaufkraft die Produktion des Hochleistungssports ermöglichen, der den Athleten die Steigerung ihres Marktwerts und die Erschließung hoher Einkommenspotentiale gestattet.Unter dem Gesichtspunkt der Einheit von Handlung und finanzieller Verantwortung haben daher im olympischen Geschehen nur solche Sportarten eine Existenzberechtigung, die eine entsprechende Nachfrage auf sich ziehen. Eine professionell betriebene Produktion von Sport an den Wünschen der Konsumenten vorbei dürfte dagegen langfristig kaum möglich sein. Das Korruptionsphänomen ist insbesondere dann als problematisch anzusehen, wenn dabei im öffentlichen Auftrag handelnde Individuen Einfluss auf das IOC nehmen, weil diese, im Gegensatz zu privatwirtschaftlichen Akteuren, von den Nachfragern kaum sanktioniert werden können. Für das IOC ist dieses Problem nicht alleine durch die Erhöhung von Strafen lösbar, weil dadurch letztlich nur die Preise für Korruption erhöht werden.Bestraft werden müssen vielmehr die Bestechenden. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass Städte, deren Vertreter Bestechungsversuche unternommen haben, von zukünftigen Vergabeprozessen ausgeschlossen werden. Ob das IOC das Korruptionsproblem langfristig wirksam bekämpfen wird, hängt davon ab, ob die Sportkonsumenten eine unter Korruptionsverdacht stehende Vergabe der Olympischen Spiele zu tolerieren bereit sind. Sollte dies der Fall sein, ließe sich Korruption auch dadurch "legalisieren", dass die Spiele unter allen Kandidaten, die bestimmte Mindestbedingungen erfüllen, versteigert werden; mithin das Kriterium der Kaufkraft bei der Vergabe Anwendung findet. In Bezug auf das Dopingproblem sind langfristig zwei Entwicklungen vorstellbar: Sollten die Sportkonsumenten gedopten Athleten weiterhin ablehnend gegenüberstehen, wird sich das IOC genötigt sehen, die bereits ergriffenen Anti-Doping-Maßnahmen weiterzuführen oder noch auszubauen. Dazu ist es allerdings insbesondere im Hinblick auf die Durchsetzung entsprechender Strafen auf die Zusammenarbeit mit nationalstaatlichen Behörden angewiesen, da aufgrund des bestehenden Gefangenendilemmas dem Sport nur geringe Selbstreinigungskräfte zu eigen sein dürften. Alternativ dazu ist auch vorstellbar, dass der Kampf des IOC gegen das Doping zukünftig obsolet wird, falls auf Seiten der Sportkonsumenten die Akzeptanz für die Verwendung von Dopingmitteln mit der Zeit zunimmt, was gegenwärtig jedoch noch nicht erkennbar ist. Dass ein solches Szenario nicht vollkommen abwegig ist, zeigt die inzwischen selbstverständliche, vor wenigen Jahrzehnten jedoch noch undenkbare Teilnahme von Profisportlern an den Olympischen Spielen. Für die Zukunft steht zu erwarten, dass die Kommerzialisierung und Professionalisierung des Olympischen Geschehens weiter zunehmen wird. Gelingt es dem IOC, die Marktmacht der Nachfrager- und Anbietergruppen im Bereich des Hochleistungssports als"countervailing power" zu akzeptieren, d. h. sie in einem von ihnen als ausreichend empfundenen Ausmaß in den olympischen Produktionsprozess einzubinden, ist davon auszugehen, dass es seine gegenwärtige Monopolstellung im Bereich prestigeträchtiger Großsportereignisse weiterhin behaupten wird.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Organisationen und Veranstaltungen Sportgeschichte und Sportpolitik
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Jena Friedrich-Schiller-Universität Jena 2007
Online-Zugang:https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00011209/Hofmeister/Dissertation.pdf
Seiten:258
Dokumentenarten:Dissertation
Level:hoch