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Wissenschaftspolitische Stellungnahme zum Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), Bonn

Die Förderung angewandter sportwissenschaftlicher Forschung ist ein wichtiges Element der Weiterentwicklung des deutschen Spitzensports und kann maßgeblich zu einer wissenschaftlichen Basierung der sportpolitischen Beratung beitragen. Für die deutsche Sportwissenschaft ist eine zielgerichtete Forschungsförderung, mit der das BMI das BISp beauftragt hat, sinnvoll und notwendig, zumal gegenwärtig keine andere Einrichtung der Forschungsförderung explizit sportwissenschaftliche Projekte finanziert. Aus diesen Gründen sollte die finanzielle Förderung der sportwissenschaftlichen Forschung weiterhin sichergestellt werden. Allerdings weisen die Verfahren der Forschungsförderung am BISp deutlich erkennbare Mängel auf, die dringend beseitigt werden müssen. Eine Trennung von Beratung und Entscheidung findet in den Gremien des BISp nicht statt. Aufgrund mehrfacher personeller Überschneidungen zwischen den Gremien ist ein transparentes und unabhängiges Vergabeverfahren nicht gewährleistet. Bei der Vergabe der Mittel für die Forschungsförderung werden wissenschaftliche Qualitätskriterien nicht immer hinreichend berücksichtigt. Zwingend geboten ist ein mehrstufiges Verfahren, das Beratung und Entscheidung strukturell gesonderten Gremien überantwortet. In einem Beratungsgremium sollte unter Beteiligung von Vertretern des Spitzensports und des Zuwendungsgebers (BMI, BISp, DOSB, Trainer, Athleten und Sportwissenschaftler) sportpraktische und sportpolitische Forschungsdefizite identifiziert und zentrale Themenfelder abgesteckt werden. Das Direktorium als zweites Gremium sollte mit der Übersetzung dieser Themen und Forschungsdefizite in konkrete Forschungsprogramme und -projekte beauftragt werden, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen sowie die Förderentscheidungen fällen. Darüber hinaus sollte das Direktorium die Fachgruppen bzw. Fachbeiräte als dritte Gremienebene sowie externe Experten mit der wissenschaftlichen Qualitätsprüfung der eingereichten Projektanträge beauftragen. Bei der Auswahl der zu fördernden Projekte durch das Direktorium sollten unter Berücksichtigung der thematischen Einschlägigkeit der Projekte wissenschaftliche Qualitätskriterien notwendige Voraussetzung für die Förderung sein. Nur qualitativ hochwertige Forschung kann eine valide Grundlage für politische Entscheidungen sein und erfolgreich dazu beitragen, den Spitzensport zu fördern. Daher sollte das Direktorium vorrangig mit Wissenschaftlern besetzt sein. In den Fachbeiräten sowie den Fachgruppen sollten ausschließlich Wissenschaftler als stimmberechtigte Mitglieder vertreten sein. Empfohlen wird ein Gaststatus für Vertreter des BMI und des DOSB. Personelle Überschneidungen zwischen den Gremien sind in der Satzung auszuschließen. Ferner wird nachdrücklich eine Verkürzung der Amtszeit in den BISp-Gremien empfohlen, um persönliche Netzwerkbildungen strukturell zu erschweren. Zur Erhöhung der Transparenz von Vergabeentscheidungen sollten den Antragstellern die schriftlichen Stellungnahmen der Gutachter zugänglich gemacht werden. Zur Qualitätssicherung des Vergabeverfahrens sollten in regelmäßigen Abständen externe Evaluationen des Verfahrens selbst sowie der daraus resultierenden Forschungsergebnisse durchgeführt werden. Die Forschungsförderung des BISp weist ein gravierendes Effizienzproblem auf, da die Verwaltungskosten des Instituts in Relation zu den Fördermitteln sehr hoch sind. Verwaltungskosten und Fördermittel sollten dringend in ein angemessenes Verhältnis gebracht werden. Eine externe Evaluation der Transferleistungen des Instituts ist dringend geboten. Bislang wurde nicht überprüft, ob der Forschungstransfer, der zu den zentralen Aufgaben des BISp gehört, gelingt und den Spitzensport unterstützt. Die Dokumentations- und Informationsleistungen, die das BISp mit seinen Datenbanken für die Sportwissenschaft und zum Teil auch für die Sportpraxis erbringt, sind bundesweit einzigartig und von hoher Qualität. Ein Ausbau der Datenbanken vor allem durch eine verstärkte Einbeziehung internationaler Literatur ist zu empfehlen. Resümierend lässt sich festhalten, dass das BISp als Schnittstelle zwischen Sportwissenschaft und Sportpraxis wichtige, zum Teil unverzichtbare Aufgaben übernimmt. Gravierende Mängel stehen derzeit jedoch einer befriedigenden Wahrnehmung der Forschungsförderung als Aufgabenschwerpunkt des BISp entgegen. Auf dem Gebiet der Informationsdienstleistungen erbringt das BISp dagegen sehr gute Leistungen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sportgeschichte und Sportpolitik
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Berlin Deutscher Wissenschaftsrat 2007
Online-Zugang:https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7696-07.html
Seiten:65
Dokumentenarten:Forschungsergebnis
Level:hoch