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Quantitative Bestimmung von 19-Norsteroiden nach peroraler und sublingualer Applikation von Norandrostendion und Norandrostendiol. Eine klinische Studie zum Metabolismus von Nandrolon-Prohormonen

Die vorliegende Arbeit beschreibt die Durchführung einer klinischen Phase I-Studie zur Untersuchung des in vivo Metabolismus der Nandrolon-Prohormone Norandrostendion (ND) und Norandrostendiol (NDiol). Das Hauptaugenmerk wurde dabei auf die Umwandlung der Prohormone in pharmakologisch aktives Nandrolon nach Einnahme entsprechender Nahrungsergänzungsmittel gerichtet. Als Studienmedikation wurden verschiedene Nahrungsergänzungsmittel, die jeweils eines der Nandrolon-Prohormone enthielten, über amerikanische Internetanbieter bezogen. Um den Einfluss der Arzneiform auf das entstehende Metabolitenprofil zu untersuchen, wurde die perorale Einnahme von Kapselpräparaten mit der Anwendung von Sublingualtabletten verglichen. Sublingualtabletten lässt man unter der Zunge zergehen. Die so über die Mundschleimhaut stattfindende Wirkstoffaufnahme bietet Vorteile hinsichtlich der Bioverfügbarkeit, sodass diese Präparate geringer dosiert werden können. Nach Untersuchungen auf Qualität und Reinheit der Präparate standen folgende Produkte zur Studiendurchführung zur Verfügung: "X 19-Norandrostenedione (100 mg ND/Kapsel) "X CycloNorDione (25 mg ND/ Sublingualtablette) "X Norandrodiol (100 mg NDiol/Kapsel) "X Cyclo-Nordiol (25 mg NDiol/Sublingualtablette) Die Studie wurde mit acht freiwilligen, männlichen Probanden durchgefuhrt, die durch medizinische Untersuchungen für geeignet befunden wurden und allen Ein- und Ausschlusskriterien entsprachen. Im Abstand von mindestens zwei Wochen erhielten alle Probanden jeweils eine Einzeldosis der Prohormon-Präparate. Vor und im Zeitraum von acht Stunden nach der Einnahme wurden den Probanden Blutproben abgenommen. Alle medizinischen Massnahmen wurden von einer Prüfarztin im Institut für Sportmedizin und Kreislaufforschung der Deutschen Sporthochschule Köln durchgefuhrt. Die Studie wurde von der Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln positiv bewertet und beim Kölner Gesundheitsamt sowie dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM, Bonn) angemeldet. Die Analyse der Blutproben fand im Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln mit den Techniken der Gaschromatographie und Massenspektrometrie (GC/MS) statt. Die dazu entwickelte Methode wurde anhand der FDA Guidance for Industry - Bioanalytical Method Validation validiert und erlaubte die Quantifizierung der applizierten Prohormone Norandrostendion bzw. Norandrostendiol, von Nandrolon und den Hauptmetaboliten Norandrosteron und Noretiocholanolon in den Plasmaproben der Probanden. Als pharmakologische Kenngrößen wurden die gemessenen Spitzenkonzentrationen aller Analysen im Plasma der Probanden (Cmax), der Zeitpunkt dieser Spitzenkonzentration nach Applikation (tmax) sowie die Flächen unter den Konzentrations-Zeit-Kurven (AUC) als Maß für die Bioverfügbarkeit bestimmt. Die Einnahme einer 100 mg ND Kapsel führte zu maximalen Plasmakonzentrationen in der Konjugatfraktion von 35,1 ng/ml (± 27,1) des applizierten Prohormons ND, 17,8 ng/ml (± 12,7) Nandrolon, sowie 1045,6 ng/ml (± 366,9) Norandrosteron und 353,6 ng/ml (± 122,4) Noretiocholanolon. Die Anwendung einer 25 mg ND Sublingualtablette resultierte in Cmax- Werten von 28,7 ng/ml (± 15,7) für ND, 6,0 ng/ml (± 5,9) für Nandrolon, 240,7 ng/ml (± 60,7) für Norandrosteron und 74,8 ng/ml (± 32,8) für Noretiocholanolon. Die perorale Verabreichung von 100 mg NDiol führte zu maximalen Plasmakonzentrationen von 1,1 ng/ml (± 0,7) NDiol, 4,0 ng/ml (± 2,6) Nandrolon sowie 154,8 ng/ml (± 130,8) Norandrosteron und 37,7 ng/ml (± 6,9) Noretiocholanolon. Die sublinguale Aufnahme von 25 mg NDiol resultierte in Cmax-Werten von 3,3 ng/ml (± 0,9) für NDiol, 11,0 ng/ml (± 6,4) für Nandrolon, 106,3 ng/ml (± 40,1) für Norandrosteron und 28,5 ng/ml (± 20,8) für Noretiocholanolon. Nach Applikation von ND sowohl in Kapselform als auch über die Sublingualtablette führte zu mittleren Cmax-Werten von unkonjugiert vorliegendem - pharmakologisch aktivem - Nandrolon von 1,0 ng/ml. Während nach peroral Einnahme von NDiol nur bei einem Probanden quantifizierbare Mengen an unkonjugierten Nandrolon festgestellt werden konnten (Cmax = 0,7 ng/ml), führte die sublinguale Aufnahme mit Cmax = 4,5 ng/ml (± 0,8) zu einer eindeutigen Nachweisbarkeit von pharmakologisch aktivem Nandrolon bei allen Probanden. Bezüglich der Zeitpunkte der Spitzenkonzentrationen in den Plasmaproben wurde festgestellt, dass die sublinguale Aufnahme der Prohormone in einer signifikant schnelleren Anflutung der Wirkstoffe und damit auch schnellerem Auftreten der verschiedenen Metaboliten im Gegensatz zur Kapseleinnahme resultierte. Insgesamt führte die Anwendung mittels Sublingualtablette zu sehr gleichförmigen Plasmakurven aller Analyten mit deutlichen Konzentrationsan- und -abstiegen bei allen Probanden. Die durch perorale Einnahme erzielten Plasmakonzentrationen wiesen starke interindividuelle Streuungen auf. Die teilweise nur sehr langsam abfallenden Konzentrationen führen im Vergleich zur sublingualen Applikation - trotz zum Teil niedrigerer Cmax-Werte - zu deutlich höheren AUC-Werten. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen erstmalig anhand von Blutuntersuchungen die entstehenden Stoffwechselprodukte nach Einnahme der Nandrolon-Prohormone Norandrostendion und Norandrostendiol, insbesondere die im Phase-I-Metabolismus erfolgte enzymatische Umsetzung zu pharmakologisch aktivem Nandrolon. Die Entstehung teilweiser beträchtlicher Nandrolon-Mengen ist besonders kritisch zu betrachten, da bereits Plasmakonzentrationen zwischen 0,3-1,2 ng/ml als minimale Wirkkonzentrationen beschrieben wurden, die endokrinologische Wirkungen hervorrufen. Insbesondere die sublinguale NDiol-Aufnahme resultierte bei allen Probanden kurzfristig in Nandrolon-Spiegeln, die mit einer therapeutischen Nandrolon-Therapie vergleichbar sind. Diese Ergebnisse untermauern erstmals wissenschaftlich die Dringlichkeit des seit 2005 geltenden Verbots für den Verkauf dieser Prohormon-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel. Zur Abrundung der vorliegenden Studienergebnisse können zukünftig noch die Urinproben der Probanden, die auch während allen Ausscheidungsversuchen mit den verschiedenen Prohormon-Präparaten gesammelt wurden, analysiert werden. So können zu den jeweiligen Plasmakonzentrationen die korrespondierenden Konzentrationen der urinären Metaboliten bestimmt werden. Weiterhin ist eine Aussage über den Zeitraum der Nachweisbarkeit der Einnahme von ND bzw. NDiol über die Bestimmung des Hauptmetaboliten Norandrosteron im Urin möglich. Da in den vergangenen Jahren immer mehr neue Prohormone (u. a. von Testosteron, Dihydrotestosteron und Boldenon) entwickelt und als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben wurden, wäre auch hinsichtlich dieser Produkte die Gewinnung von wissenschaftliche Daten über den Metabolismus und die Sicherheit für die Anwender nötig. Die mit der 12. Novelle des Arzneimittelgesetztes eingetretene Verschärfung der Auflagen für klinische Prüfungen würde die Durchführung dieser Studien innerhalb der Hochschulforschung jedoch fast unmöglich machen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Köln 2007
Online-Zugang:https://docplayer.org/9093131-Quantitative-bestimmung-von-19-norsteroiden-nach-peroraler-und-sublingualer-applikation-von-norandrostendion-und-norandrostendiol.html
Seiten:119
Dokumentenarten:Dissertation
Level:hoch