Coaching in Leistungssport und Wirtschaft. Vorstellung eines integrativen Ansatzes
Manche Autoren sehen Coaching bereits als sehr etabliert. FUOSS und TROPPMANN (1981, S. 4) etwa nennen Coaching eine eigene Wissenschaft ("not a pure but an applied science"), die auf den Erkenntnissen und Methoden aus zahlreichen anderen Wissenschaften (der Psychologie, Soziologie, Anthropologie etc.) basiert. Ihnen zufolge ist Coaching eine Wissenschaft und eine Kunst. Als Coach muss man umfassendes Wissen besitzen - und hat dennoch mit der Verschiedenartigkeit jedes neuen Klienten zu ringen (S. 8: "Coaching is also highly individualized"). Stile und Techniken könnten nicht interpersonal übertragen werden, jeder Coach müsse in der Praxis seinen eigenen, authentischen Weg, seine Philosophie und seine Wertvorstellungen finden.
Diese Sichtweise ist einerseits sehr optimistisch und negiert andererseits die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung (die Aussagen gelten auch wohl eher für die amerikanische Auffassung von Coaching). In meinen Augen ist der aktuelle Stand nicht ganz so positiv - dafür sehe ich aber deutlich mehr Möglichkeiten zur Setzung von (Qualitäts-)Standards! Wie ist nun der aktuelle Stand der Disziplin? Zunächst sei einmal der Sektor (Leistungs-)Sport betrachtet. Hier wird der Begriff, wird Coaching schon seit langem eingesetzt. Und seit langem fehlt eine (wissenschaftliche) Eingrenzung. So versteht zwar jeder, wenn man von `Coach ´ und `Coaching´ spricht - aber es versteht wohl auch jeder etwas anderes darunter. Die vorliegende Arbeit kann einen begrenzten Beitrag zu einer eindeutigeren Kommunikation leisten. Eingeschränkt deshalb, weil man zwischen der Person des (physischen) Trainers und der Person eines externen Beraters (Sportpsychologen) unterscheiden muss: Ersterer coacht selbstverständlich auch - ihm werden aber die gefundenen Prinzipien und das entwickelte Konzept nur bedingt die Praxis erleichtern. Zweiterer profitiert von einer fundierten Konzeption. Sprachlich sind diese unterschiedlichen Tätigkeiten bislang nicht auseinander zu halten; dies ist eine Aufgabe der (näheren) Zukunft - egal, ob durch einen Begriffszusatz oder eine neue Wortkreation (HACKFORT etwa unterscheidet hier noch zwischen Coaching und Counsel(l)ing; siehe HACKFORT i. Dr. a, b). In der Wirtschaft hat Coaching (in der europäischen Definition von Coaching) in den letzten 20 Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Es handelt sich mittlerweile um eine etablierte Maßnahme mit hohen Wachstumsraten. Dabei haben einige Faktoren die Übernahme und Entwicklung von Coaching in den Bereich des Managements gefördert: Dazu zählen die zunehmend beschleunigenden wirtschaftlichen Veränderungsprozesse und die geringeren Haltbarkeitszeiten von Konzepten und Strategien (was den Druck auf Manager ernorm erhöht). Neue Themenbereiche treten in den Vordergrund und erzeugen Unsicherheit. So wird nach zusätzlichen Unterstützungsangeboten Ausschau gehalten. Da technologische Managementansätze im emotionalen Bereich nicht funktionieren, erfreut sich Coaching steigender Nachfrage (siehe LOOSS 1997). Die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen führten in den letzten Jahren dazu, dass neben der Wirtschaft auch die öffentliche Verwaltung und das Dienstleistungsgewerbe zunehmend dem Druck der Flexibilisierung unterliegen und somit verstärkt Beratung und Coaching nachfragen beziehungsweise aus dem Leistungssport übernommen haben (siehe SCHREYÖGG 2002). Ein weiterer Aspekt wird von WEßLING et al. (1999) angeführt: Coaching als neuartige und innovative Beratungsform berücksichtigt auch die Persönlichkeit des Gecoachten und fördert die Persönlichkeitsentwicklung. Das wiederum begünstigt die Arbeitszufriedenheit und die Identifikation mit der arbeitgebenden Organisation. So hat sich Coaching in kurzer Zeit neben den etablierten Personalentwicklungsinstrumenten einen Platz erarbeiten können. Diese Position wird auch gehalten werden können, da andere Angebote mit Unzulänglichkeiten (etwa herkömmliche Seminare und Trainings mit Transferproblemen) zu kämpfen haben (siehe ROTH et al. 1995). Coaching ist heutzutage ein in den verschiedensten Bereichen (Leistungssport, Wirtschaft, Verwaltung etc.) weit verbreitetes Angebot der individuellen Unterstützung und Weiterbildung. Das Verfahren ist äußerst positiv besetzt und somit kam und kommt es zum Teil auch zu einer unsachgemäßen Verwendung des Begriffes. Dies birgt gewisse Gefahren der Verwässerung und kann zu Abnutzung oder gar Beschädigung der positiven Konnotationen führen. Die vorliegende Arbeit leistet ihren Beitrag zu dem, was in Japan Kaizen heißt: Eine Übersetzung ist nicht ganz einfach; in etwa ist es korrekt als kontinuierlicher Verbesserungsprozess umschrieben. In den voranstehenden Kapiteln wurde zu diesem Zwecke eine griffige und trennscharfe Definition des Begriffs erarbeitet und ein fundiertes Coaching-Konzept entwickelt. Künftige Schritte für einen durchaus angezeigten (Weiter-)Entwicklungsprozess respektive Ansatzpunkte für weitere Forschungsvorhaben sehe ich unter anderem bei folgenden (zum Teil bereits angesprochenen) Themen:
- Praxisrelevant ist eine weitere Ausdifferenzierung der Handlungstheorie (die Benennung von Kausalzusammenhängen); so würde die Ableitung nomopragmatischer Aussagen und technologischer Regeln erleichtert (BUNGE 1966, 1967 - erinnert sei an Punkt 2.5.2).
- Als Konsequenz aus dem erstgenannten Aspekt könnten dann Effektivitätsstudien zur Wirksamkeit der vorgestellten Interventionstechniken durchgeführt werden (unter Berücksichtigung personaler Faktoren).
- Ebenso muss die Handlungstheorie ihre - bereits angedeutete - Passung zu verschiedenen Themen- respektive Anwendungsgebieten in entsprechenden Untersuchungen nachweisen.
- In der Handlungstheorie fehlt bislang eine Konzeption des Lernens (wie man lernt - vgl. HACKFORT et al. 2000)50.
- Die Übertragbarkeit von Techniken und Methoden aus anderen Fachrichtungen (aktuell vorwiegend aus anderen Beratungsansätzen und dem klinischen Bereich) bedarf einer kritischen Prüfung und der Ausarbeitung konkreter Anwendungsregeln.
- Zum Thema Geschlechtsspezifika, zu den Unterschieden beim Coachen von Frauen und Männern fehlen bislang aussagekräftige Ergebnisse (REITERLECHNER 2002). Auch dies bleibt zukünftigen Arbeiten vorbehalten. Die Handlungstheorie ist eine weit gereifte und ausgearbeitete Theorie, die sich auch in der praktischen Anwendung als hilfreich erweist. HACKFORT et al. (2000) verweisen allerdings darauf, dass sie in einer konkurrierenden Auseinandersetzung mit anderen theoretischen Ansätzen ihr Erklärungspotenzial (im Sinne eines epistemologischen Handlungswerts) und ihr Anwendungspotenzial (im Sinne eines pragmatischen Handlungswerts) verstärkt nachweisen muss. Ein erster Schritt dazu ist diese Arbeit. Die stärkere Berücksichtigung von Emotionen (wie sie HACKFORT 1985 forderte) ist mittlerweile weitgehend gewährleistet (HACKFORT 1985, 1995, 1999; HACKFORT & SCHLATTMANN 1991). Abschließend seien noch einmal zwingend notwendige Schritte für eine fortschreitende Etablierung der Disziplin Coaching genannt (die allerdings eher auf institutioneller Ebene, von Organisationen denn von Einzelpersonen angegangen werden müssen): Dies sind die Festlegung auf eine präzise und allgemein anerkannte Definition und in der Folge ein Schutz des Begriffes. Voraussetzung dafür sind weitere Arbeiten zur Theoriebildung. Dazu bedarf es eines Berufsverbandes, der für eine Vereinheitlichung - oder zumindest Angleichung - der Konzeptionen sowie die Einhaltung grundlegender Prinzipien sorgt; Aufgabe für einen zu schaffenden Verband wäre auch die Erstellung von fundierten Ausbildungsrichtlinien. Theorien und Ausbildungsgänge sollten sich dann einer kontinuierlichen Professionalisierung und Evaluierung stellen.
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| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
München
2004
|
| Online-Zugang: | http://docplayer.org/8420268-Coaching-in-leistungssport-und-wirtschaft.html |
| Seiten: | 291 |
| Dokumentenarten: | Dissertation |
| Level: | hoch |