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Neue Erkenntnisse aus der Trainingslehre erfahrbar machen: verschiedene Dehnungsmethoden im Vergleich

Bei den Erkenntnissen und Veröffentlichungen zum Dehnungstraining sind vier Phasen voneinander abzugrenzen. (1) Die naive Phase: Bis zu Beginn der 80er Jahre wurde dem Dehnen wenig Aufmerksamkeit gewidmet. In der sportwissenschaftlichen Forschung standen das Kraft- und das Herz-Kreislauf-Training im Vordergrund, in der Praxis wurde vor allem mit dem Ziel der Vergrößerung der Bewegungsreichweite (BRW, englisch: ROM, range of motion) gedehnt, und dies eher intuitiv und instinktiv und meist verbunden mit einem Federn und Wippen (= ballistisches -, dynamisches Dehnen). (2) Die dogmatische Phase: Anfang und Mitte der 80er Jahre wurde die Kritik am dynamischen Dehnen immer lauter. Durch Veröffentlichungen von SÖLVEBORN (1983) und vor allem KNEBEL (1985) wurde das statische Dehnen (Stretching) propagiert, das durch ein Verharren in der finalen Dehnungsposition gekennzeichnet ist. Durch diese Dehnungsmethode soll - und dies ist die zentrale Kritik am dynamischen Dehnen - die Auslösung des Dehnungsreflexes vermieden werden. Zwei weitere Stretching-Methoden, die im Zuge dieser Entwicklung dargestellt werden, sind erstens das Anspannungs-Entspannungs-Stretching (CR-Stretching, contract-relax-Stretching), bei dem der Zielmuskel (der Agonist) vor der statischen Dehnung angespannt wird (kontrahiert = contract, Entspannung = relax), und zweitens das Antagonisten-Anspannungs-Stretching (AC-Stretching), bei dem der Antagonist des Zielmuskels während (meistens) bzw. vor (selten) der Dehnung angespannt wird (antagonist contract, vgl. Abb. 1). Durch beide Methoden soll es zu einer Hemmung der neuronalen Aktivität des Zielmuskels kommen (= neuronale Stretching-Methoden). (3) Die wissenschaftliche Phase 1 - Untersuchungen am Menschen: Auf den Zug der Kritiker am dynamischen Dehnen sprangen viele Autoren auf und in der Folge wurde bei Hinweisen für die Praxis meist das statische Dehnen empfohlen, das dynamische Dehnen hingegen als unwirksam und kontraproduktiv bezeichnet, und wegen einer befürchteten Verletzungsgefahr häufig übertrieben plakativ angeprangert ("Zerrgymnastik"). Nur einige wenige Wissenschaftler in Deutschland sahen in der meist englischsprachigen Fachliteratur Hinweise, die die Kritik am dynamischen Dehnen und die Befürwortung des statischen Stretchings nicht stützten, sondern ganz im Gegenteil diesen eher widersprachen. Und nur wenige Wissenschaftler unterzogen sich der Mühe, zur Klärung dieser kontroversen Diskussion durch eigene empirische Untersuchungen beizutragen. Als eine der ersten - wenn nicht die erste Veröffentlichung ist hier WIEMANN (1991) zu nennen. In diesem Beitrag und in weiteren von WIEMANN und - stellvertretend für andere - WYDRA (1997) konnte gezeigt werden, dass weder durch das statische Stretching noch durch die neuronalen Stretching-Methoden die Auslösung des Dehnungsreflexes vermieden wird. Die mittels Oberflächenelektroden registrierbare elektromyographische Aktivität ist ganz im Gegenteil eher größer als beim dynamischen Dehnen. Auch eine größere Effektivität der Stretching-Methoden zeigt sich weder bei Kurzzeit-Programmen (5 - 15 Minuten, wie beim Aufwärmen), noch im Rahmen von längerfristigen Programmen (mehrere Wochen). Ein für Liebhaber des Dehnungstrainings eher bedauerlicher Nebeneffekt dieser Entwicklung ist, dass auch andere dem Dehnungstraining zugesprochenen Effekte nicht nachgewiesen werden können, wie die Herabsetzung der Ruhespannung, die Verletzungsprophylaxe, die Leistungssteigerung (vgl. WIEMANN u.a. 1998, WIEMANN & KLEE 1999). (4) Die wissenschaftliche Phase 2 - molekularbiologische Untersuchungen (Titin) und Untersuchungen an Tieren: Die vierte und letzte Phase ist vor allem durch Erkenntnisse aus zwei Forschungsbereichen gekennzeichnet, zum einen durch die "Entdeckung" des neben dem Aktin und Myosin dritten Filaments im Sarkomer durch Molekularbiologen (MARUYAMA, WANG), des Titins, das die Myosinfilamente mit den Z-Scheiben verbindet. Da die Titinfilamente als molekulare Federn im Muskel arbeiten und die Quelle der Ruhespannung darstellen (und nicht das Bindegewebe wie etwa das Perimysium und das Sarkolemm), besitzen die Ergebnisse aus diesem Forschungsbereich höchste Relevanz. So nimmt die Dehnungsspannung einzelner Titinmoleküle im Verlauf von Dehnungen in ganz ähnlicher Weise ab wie diejenige kompletter menschlicher Muskeln. Zum anderen zeigen sich bei Untersuchungen an Tieren zur Reaktion des Muskels auf Dauerdehnungen (GOLDSPINK) strukturelle Anpassungsmechanismen (Sarkomerverlängerung, Addition von Sarkomeren), aus denen - vorsichtig - Rückschlüsse auf das Dehnungstraining gezogen werden können. Ein Fortschritt in diesen Untersuchungen, die schon seit einigen Jahrzehnten durchgeführt werden, ist von der Tatsache zu erwarten, dass durch die Proteinanalyse und die Messung der Genexpression eine Überprüfung zur Wirkung von Treatments in wesentlich kürzeren Zeitfenstern als noch vor einigen Jahren ermöglicht wird (STEINACKER u.a. 2000). Ob von diesen beiden Forschungsbereichen Erkenntnisse zu erwarten sind, die dem Dehnungstraining wieder eine größere Bedeutung zukommen lassen, ist z.Z. nicht abzusehen. U.U. können beide Forschungszweige zur Beantwortung der ungeklärten Frage beitragen, wie es zu den großen und vermutlich durch Training beeinflussbaren Unterschieden bei der Höhe der Ruhespannung von unterschiedlichen Personen kommt.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Biowissenschaften und Sportmedizin
Sprache:Deutsch
Online-Zugang:http://www.sportunterricht.de/lksport/neueerk.PDF
Dokumentenarten:elektronische Publikation
Level:hoch