Sportvereine in der Schweiz: Probleme - Fakten - Perspektiven

Von den 1481 in der vorliegenden Studie untersuchten Sportvereinen sind 46 % Kleinvereine (mit bis zu 100 Mitgliedern), 41 % mittlere Vereine (mit 101 bis 300 Mitgliedern) und 13 % Grossvereine (mit über 300 Mitgliedern). Der kleinste Verein in der Stichprobe hat fünf Mitglieder, der grösste deren 3500. Ein "typischer" Schweizer Sportverein zählt 110 Mitglieder. Bei gut zwei Drittel aller Vereine handelt es sich um Einspartenvereine, während 24 % Mehrspartenvereine und 8 % Abteilungen eines Mehrspartenvereins sind. In den 1970er Jahren findet man die höchste Zahl an Vereinsgründungen. Nachdem in den 1980er Jahren die Zahl der Vereinsgründungen rückläufig war, werden in den 1990er Jahren wieder vermehrt Sportvereine gegründet. Es kann davon ausgegangen werden, dass gegenwärtig jeden Tag irgendwo in der Schweiz ein Sportverein gegründet wird oder aus einer Fusion bestehender Vereine hervorgeht. Die älteren Vereine sind in der Regel auch die grösseren Vereine. Die vor der Jahrhundertwende gegründeten Vereine haben im Durchschnitt rund zweieinhalbmal so viele Mitglieder wie die jüngsten Vereine und sind immerhin rund doppelt so gross wie diejenigen, die nach 1960 gegründet wurden. Vereine werden normalerweise als kleine Einheiten gegründet und benötigen eine gewisse Zeit bis sie genügend etabliert sind sowie genügend Erfahrungen und Kompetenzen angereichert haben, um für einen markanten Mitgliederzuwachs gerüstet zu sein. In kleineren Gemeinden trifft man häufiger auf Kleinvereine, während grosse Gemeinden einen höheren Anteil an Grossvereinen aufweisen. Je kleiner die Gemeinde, desto grösser ist der Organisationsgrad der Bevölkerung. Im Verhältnis zur Bevölkerung gibt es in kleinen Gemeinden auch mehr Sportvereine als in grossen Gemeinden. Je kleiner die Gemeinde, desto kleiner ist das Einzugsgebiet der Vereine. Während bei Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern 65 % der Vereinsmitglieder aus der Gemeinde stammen, reist bei Gemeinden über 50'000 Einwohnern die Hälfte der Vereinsmitglieder von ausserhalb an. Der typische Schweizer Sportverein sieht sich in seiner Gemeinde mit elf anderen Sportvereinen konfrontiert, wobei allerdings nur einer davon ein vergleichbares Sportangebot aufweist. Obwohl sich fast sämtliche Vereine (96 %) in ihrem Einzugsgebiet mit kommerziellen Sportanbietern konfrontiert sehen, betrachten vier von fünf Vereinen die privaten Sport- und Fitnesszentren nicht als unmittelbare Konkurrenz. Private Sportanbieter werden eher als Ergänzung denn als Gefährdung wahrgenommen. Die 1481 untersuchten Sportvereine repräsentieren rund 240'000 Vereinsmitglieder. Zwei Drittel davon sind Aktivmitglieder. Durchschnittlich beteiligen sich rund 60 % der Mitglieder regelmässig am Sportangebot des jeweiligen Vereins. In Grossvereinen ist der Anteil an Passivmitgliedern grösser als in Kleinvereinen. Rund 40 % der aktiven Vereinsmitglieder sind unter zwanzig Jahren alt. Jedes 15. Aktivmitglied zählt sechzig Jahre und mehr. Ein knappes Drittel aller Vereinsmitglieder sind Frauen. Unter den älteren Mitgliedern und unter den Passivmitgliedern ist der Frauenanteil deutlich tiefer als unter den jüngeren Aktivmitgliedern. Bei den Kindern unter zehn Jahren ist das Verhältnis Knaben - Mädchen nahezu ausgeglichen. Aus dem unterschiedlichen Frauenanteil in den verschiedenen Altersklassen wird einerseits ersichtlich, dass die Frauen ihren Platz im Vereinssport erst über die Zeit erobern konnten. Andererseits zeigt sich, dass der Vereinssport immer noch einen beträchtlichen Teil seiner weiblichen Mitglieder bereits im Jugendalter verliert. Gerade in der Altersklasse der 11 bis 20jährigen ist die Fluktuation beträchtlich. Die hohen Ein- und Austrittsraten sind ein klarer Hinweis darauf, dass die Jugendlichen dem Vereinssport zwar nicht endgültig den Rücken kehren, dass sie aber auf der Suche nach dem optimalen Sportangebot häufig den Verein wechseln. Die Mehrheit der Vereine beklagt sich allerdings nicht über Mitgliederschwund. Insgesamt kamen 1995 bei den befragten Vereinen auf zwei Vereinsaustritte drei Neueintritte. Trotz Wachstumsschub ist die grosse Mehrheit der Vereine (96 %) auch weiterhin in der Lage, neue Mitglieder aufzunehmen. Nur eine kleine Minderheit hat ihre Kapazitätsgrenzen erreicht oder muss den Zugang zumindest bei gewissen Angeboten einschränken. Für über 80 % der befragten Vereine gehört das Halten des Mitgliederstandes bzw. das Gewinnen von neuen Mitgliedern zu den wichtigsten Zielsetzungen der zukünftigen Vereinsarbeit. Dem Jugendsport wird dabei höchste Priorität eingeräumt: Drei von vier Vereinen legen viel Wert auf Jugendarbeit und 90 % aller Vereine erachten es als ihre Aufgabe, Jugendliche zum Sporttreiben zu animieren. In den 1481 untersuchten Vereinen konnten über 2500 Sportangebote in 87 verschiedenen Sportarten gezählt werden. In rund 90 % der Vereine nehmen Mannschaften oder Einzelsportler regelmässig am verbandsmässig organisierten Wettkampfsport teil. Insgesamt betreiben 46 % der aktiven Vereinssportler wettkampfmässig Sport. Für die nicht im Wettkampfsport involvierten Vereinssportler, die gesamthaft mehr als die Hälfte aller Aktivmitglieder ausmachen, halten die Vereine eine bunte Palette von sportlichen und aussersportlichen Angeboten bereit. Neben den Breiten- und Freizeitsportangeboten in der eigentlichen Vereinssportart existieren die verschiedensten Zusatzangebote. Über ein Viertel der Vereine bietet zusätzlich Sport- und Spielfeste und/oder die verschiedensten Formen von Fitnesstraining an. 43 % der Vereine verfügen über Zusatzangebote für spezifische Zielgruppen wie beispielsweise Eltern mit Kleinkindern, Senioren oder Fitnessportler, die nicht Vereinsmitglied sind. Ferner veranstaltet die überwiegende Mehrheit der Vereine verschiedenste Arten von geselligen Anlässen, Feiern und Ausflügen. Grundsätzlich sind Grossvereine eher in der Lage, ein multioptionales Angebot aufrechtzuerhalten, als kleine Vereine; gesellige Anlässe sind in Kleinvereinen aber ebenso häufig wie in Grossvereinen. Viele Sportvereine bemühen sich, ihr Sportangebot den Mitgliederinteressen anzupassen. Insgesamt hat gut ein Drittel aller Sportvereine in den vergangenen fünf Jahren eine neue Sportart oder ein neues Zusatzangebot ins Vereinsangebot aufgenommen. Bei der Angebotserweiterung wurde direkt auf Mitgliederwünsche reagiert oder man versuchte, durch ein verändertes Angebot neue Mitglieder zu gewinnen. Dass sich Leistung, Geselligkeit, Freizeitausrichtung und Gesundheit nicht zwangsläufig zu widersprechen brauchen, zeigt sich auch bei der Ausrichtung der Sportvereine. 80 % der Vereine legen viel Wert auf Geselligkeit und Gemeinschaft. Drei von vier Vereinen verstehen sich als Freizeit- und Breitensportverein und betrachten Gesundheitsförderung durch Sport als wichtige Aufgabe. Gut die Hälfte der Vereine ist allerdings auch bestrebt, mit möglichst vielen Mannschaften am regelmässigen Wettkampfbetrieb teilzunehmen und ist stolz auf die im Leistungssport erreichten Erfolge. Die Schweizer Sportvereine weisen eine ausgeglichene Vereinsbilanz aus: Sie sind weder hoch verschuldet, noch fahren sie grosse Defizite ein. Die 1481 untersuchten Vereine weisen Einnahmen und Ausgaben von rund 50 Millionen Franken aus. Für den einzelnen Verein belaufen sich die Einnahmen und Ausgaben auf jeweils Fr. 34'000.-. In einer vorsichtigen Hochrechnung sind die Einnahmen und Ausgaben aller Schweizer Sportvereine mit je rund 800 Millionen Franken zu veranschlagen. Die wichtigste Einnahmequelle der Sportvereine stellen nach wie vor die Mitgliederbeiträge dar, die heute allerdings nur noch 28 % aller Einnahmen ausmachen. Neben den Mitgliederbeiträgen sind vor allem die Werbe- und Sponsoreneinnahmen sowie die Erträge von Sonderaktionen und aus Festwirtschaften von Bedeutung, ohne die viele Vereine nicht existieren könnten. Obwohl es sich in der Regel lediglich um verhältnismässig geringe Spesenentschädigungen handelt, schlagen die Zahlungen an Trainer,Übungsleiter und Sportler mit rund einem Viertel der Gesamtausgaben besonders zu Buche. Die ehrenamtliche Mitarbeit ist die wichtigste Ressource des Sportvereins. In den 1481 untersuchten Vereinen werden insgesamt 23'000 Chargen durch ehrenamtliche Mitarbeiter besetzt, die pro Monat über 260'000 Arbeitsstunden leisten. Dies entsprichtüber 3 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr oder dem Äquivalent von über 1'500 Vollzeitstellen. Auf die Gesamtzahl der schweizerischen Sportvereine hochgerechnet, entspricht dies rund 24'000 Vollzeitstellen oder - je nach gewähltem Ansatz - einem Marktwert von zwischen 1.5 Mrd. und 2 Mrd. Franken. Fast 90 % der Vereinsverantwortlichen sind denn auch der Meinung, dass ihr Verein in erster Linie von der Mitarbeit der Mitglieder lebt. Rund die Hälfte der gesamten ehrenamtlichen Arbeit fällt bei den besonders zeitaufwendigen Ämtern der Trainer und Jugendleiter an. Aber selbst die weniger zeitintensiven Ämter wie etwa Vorstandsmitglied oder Aktuar involvieren in der Regel einen Arbeitsaufwand von knapp zwei Stunden pro Woche. Der Frauenanteil an den ehrenamtlichen Mitarbeitern entspricht genau dem Anteil Frauen in den Sportvereinen. Die Verteilung auf die einzelnen Ämter erweist sich allerdings als ungleich: Während nur jeder fünfte Verein eine Präsidentin hat, ist fast die Hälfte aller Protokollführerinnen weiblich. Das Gewinnen von ehrenamtlichen Mitarbeitern ist bei drei von vier Vereinen mit Schwierigkeiten verbunden. Obwohl kleine Vereine bezogen auf die Anzahl Mitgliedschaften einen deutlich höheren Bedarf an freiwilligen Mitarbeitern aufweisen, fällt den Kleinvereinen die Besetzung von Ämtern leichter als den mittleren und grossen Vereinen. Bei den zukünftigen Zielsetzungen spielt das Ehrenamt eine zentrale Rolle: 80 % der Vereine sehen das Gewinnen von ehrenamtlichen Mitarbeitern als wichtige Zukunftsaufgabe. Auch der Verbesserung der Zusammenarbeit und der Ausbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiter wird grosses Gewicht beigemessen. Von den 1481 untersuchten Vereinen werden über 2000 Turnhallen und gegen tausend Sportplätze benutzt. Dazu kommen viele weitere Sportanlagen wie Frei- und Hallenbäder, Eisfelder, Tennis- und Schiessplätze oder Bergbahnen und Skilifte. Die Mehrheit der Vereine ist mit ihrer Infrastruktur zufrieden und bezeichnet sowohl deren Zustand als auch deren Grösse und Verfügbarkeit als befriedigend bis gut. Für rund ein Fünftel der Vereine sind die bestehenden Sportanlagen zu klein, und ein weiteres Fünftel erachtet die vorhandene Infrastruktur als unzureichend und benötigt nicht einfach zusätzliche, sondern vor allem auch andere Sportanlagen. Der höchste Bedarf an weiteren Sportanlagen besteht in der Region Zentralschweiz und im Tessin sowie in der Region Genfersee, Waadt und Wallis. Knapp die Hälfte der Vereine wäre bereit, für die Benutzung der Infrastruktur allenfalls auch tiefer in die Tasche zu greifen. Auf der Grundlage einer vereinfachenden Klassifikation verschiedener Merkmale lassen sich in der Schweiz fünf verschiedene Typen von Sportvereinen unterscheiden. Der "konventionelle Verein" (Ausrichtung auf Wettkampf und Geselligkeit), der "Geselligkeitsverein" (Ausrichtung auf Geselligkeit und die Erhaltung des Status quo), der "offene Verein" (Offenheit gegenüber neuen Angeboten und Mitgliedersegmenten), der "individualisierte Leistungsverein" (Leistungsorientierung bei hoher Konsumhaltung der Mitglieder) und der "desintegrierte Verein" (unklares Profil bei hoher Konsumhaltung und divergierenden Mitgliederinteressen). Die fünf Grundtypen unterscheiden sich klar bezüglich Strukturmerkmalen und Problemlagen sowie zukünftiger Zielsetzungen und Problemlösungsstrategien. Während die konventionellen und Geselligkeitsvereine am nächsten bei den traditionellen Vorstellungen des "Vereins" mit seiner Betonung von Wettkampf und Geselligkeit liegen und einen relativ stabilen und intakten Eindruck machen, erweisen sich die offenen Vereine als überaus dynamisch und innovationsfreudig: In stärkerem Masse als bei den anderen Grundtypen wird die Zukunft des Vereins hier mittels neuer Angebote aktiv gestaltet. Obwohl dieser Wandel von der "ehrenamtlichen Selbsthilfeorganisation" zum "modernen Dienstleistungsunternehmen" teilweise auf Kosten einer geringeren Bereitschaft zur Mitarbeit und einer höheren Konsumorientierung geht, erweisen sich diese Probleme erst beim individualisierten Leistungsverein als gravierend. Als unmittelbar in ihrer Existenz "gefährdet" können jedoch nur die "desintegrierten Vereine" bezeichnet werden. Hier führen ausgeprägte Probleme bei der Integration und Aktivierung der Mitglieder zu einer eigentlichen Lähmung der Vereinstätigkeit.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Organisationen und Veranstaltungen Sozial- und Geisteswissenschaften
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 1998
Online-Zugang:http://www.access.ch/lssfb/verein.html
Dokumentenarten:elektronische Publikation
Level:mittel