Entwicklungsstufen von Governance als Reaktion auf Doping im deutschen Leistungssport nach der Wiedervereinigung
Governance oder genauer gesagt "good Governance" ist ein aktuelles Thema für alle größeren Organisationen, darunter natürlich auch Sportorganisationen von der lokalen bis zur nationalen und auch internationalen Ebene. Mit dem Begriff werden das Handeln und die Zusammenarbeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure im Rahmen von Entscheidungsfindungs- und Implementationsprozessen beschrieben. Dies erfolgt auf der Grundlage von miteinander vereinbarten Regeln zur Steuerung politischen Handelns im Allgemeinen. Wenn es hier Defizite auf der Regelungs- und/oder Anwendungs- bzw. Umsetzungsebene gibt, kann es gerade in kritischen und komplexen Lagen zu Problemen im Umgang mit wichtigen Aufgaben bzw. Problemen kommen, da notwendige Festlegungen fehlen oder einzelne, manchmal auch mehrere Akteure ihrer eigentlichen Verantwortung nicht nachkommen können, was zu einer schlechten oder gar keinen Aufgaben- bzw. Problemlösung führt.
In vielen Gesellschaftbereichen, darunter auch dem Sport, gehören der Staat, Marktakteure (in diesem Fall zum Beispiel Sponsoren) und Netzwerke (im Sport zum Beispiel innerhalb des Sports, aber auch in den Medien) zu den Steuerungsformen, die Einfluss auf die Ausgestaltung und Umsetzung von Governanceregeln nehmen. Allerdings ist die Ausgangssituation im Sport angesichts der sowohl von ihm eingeforderten und vom Staat auch grundsätzlich akzeptierten Autonomie gegenüber dem Staat eine besondere im Vergleich zu anderen Governancekonstellationen. Und so liegt einer der inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit auch in der Analyse des Verhältnisses von Staat und Sportorganisatio(en) im Umgang mit dem Dopingthema. Aktuelle Probleme in den internationalen Verbänden für Fußball und Leichtathletik unterstreichen, dass das Thema einer good Governance weiterhin von höchster Aktualität im internationalen Leistungssport und den ihn präsentierenden Organisationen beim Umgang mit Dopingvergehen, aber auch mit Blick auf weitere Problemfelder wie zum Beispiel Korruption und Wettbetrug ist.
Auf diesem Hintergrund widmet sich Henning von Wittich der Frage, wie Governancekonzepte im nationalen und internationalen Sport ab Anfang der neunziger Jahre ausgesehen haben, welche Defizite konstatiert wurden, wie die unterschiedlichen Akteure damit umgegangen sind und welche Veränderungen in den folgenden Jahren initiiert wurden, um zu einer good Governance zu gelangen, mit der kritische Situationen und massivste Probleme im Leistungssport adäquat gehandelt werden können. Als Beispiel wählt er den Umgang mit drei der prominentesten bzw. gravierendsten Dopingfälle aus dem Leichtathletik, dem Radsport und dem Eisschnelllauf.
Das gewählte Beispiel Radsport (bei dem es sich um das Festina Team bei der Tour de France 1998 handelt) bietet in der Analyse eine Reihe von Besonderheiten, da es sich zum Einen hierbei um keine deutsche Radsportmannschaft, sondern um ein Team aus Spanien und der Schweiz handelt. Außerdem finden sich auf der Akteursebene Besonderheiten, die sich aus der Tatsache ergeben, dass es sich in diesem Fall nicht um Einzelsportler, sondern um eine Mannschaft handelte, deren Mitglieder nicht einheitlich handelten.
Das Beispiel aus dem Eisschnelllauf ist durch die Besonderheiten gekennzeichnet, dass hier erstmalig eine Dopingsperre auf der Grundlage einer indirekten Beweisführung ausgesprochen wurde und dass die betroffene Sportlerin neben der sportverbandsgebundenen Förderung ihres Trainings- und Wettkampfbetriebs als Mitglied einer Sportfördergruppe des Bundes auch direkt aus staatlichen Mitteln bezahlt wurde.
In seinen Analysen entwickelt der Autor ein komplexes und gleichzeitig differenziertes Bild bei den unterschiedlichen Akteuren von der Ausgangslage ab dem Zeitpunkt der Auslösung der Dopingvorwürfe. Er stellt die Entscheidungsgrundlagen der beteiligten nationalen und internationalen Sportorganisationen mit ihren Institutionen vor, die Dopingvergehen bearbeiten. Dabei wurde sehr schnell deutlich, dass jeder Dopingfall über sehr spezifische, ja individuelle Züge verfügt, sich in einem sportarttypischen und sportartspezifischen Umfeld abspielt, in dem die Interessen der Handelnden sehr unterschiedlich waren und wohl heute noch sind.
Als Thema von entscheidender Bedeutung für den Umgang mit derartigen Problemen erwies sich die Fähigkeit der Sportorganisationen, über die notwendigen Regelungen, Institutionen und auch den notwendigen Willen zu verfügen, um konsequent und auf sicherer rechtlicher Basis die Vorwürfe zu untersuchen und zu sanktionieren. Dabei zeigten sich signifikante Defizite sowohl in der sportrechtlichen Grundlagen, aber auch im Handeln von verantwortlichen Personen in den Verbänden. Das wiederum rief den Staat auf den Plan, der den Sportorganisationen zunehmend weniger Vertrauen entgegenbrachte, die Probleme im Sinne eines sauberen, fairen Sports zu lösen. Im Fall des Radsports war es dann auch der französische Staat, von dem die Initiative zur Untersuchung ausging und der diese dann auch maßgeblich führte. Dieser Vertrauensverlust, der noch durch das Handeln von Medien und ihren Vertretern zusätzlich befeuert wird, kann zur Aufkündigung einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Staat und Sport führen, was wiederum den Verlust von good Governance und Entwicklung von staatlichen Governmentkonzepten (zum Beispiel durch entsprechende gesetzliche Regelungen) zur Konsequenz haben kann.
Durch die Übergabe von Kompetenzen in Dopingverfahren an einen unabhängigen in einem supranationalen Netzwerk handelnden Akteur wie die NADA/WADA oder den CAS könn(t)en bestehende Probleme reduziert werden. Angesichts der immer wieder eingeforderten Autonomie des Sports sind hier aber weiterhin im Sinne good Governance keine abschließend zufriedenstellenden Lösungen entwickelt und nachhaltig implementiert worden.
Die vom Autor angestellten Untersuchungen und vorgestellten Ergebnisse zeigen die Problemlage bei der Entwicklung und Umsetzung von good Governance. Sie lassen mit den entwickelten Lösungs- und Weiterentwicklungsvorschlägen Lösungen möglich werden, die allerdings ein gemeinsames Handeln in einem sicheren juristischen Rahmen erfordern, der eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit und Abstimmung von Sport und Staat voraussetzt.
Die analysierten Beispiele zeigen die Notwendigkeiten und Möglichkeiten, die Individualität und gleichzeitige Komplexität aktueller Probleme im internationalen Leistungssport. Das Buch hat damit einen hohen Aufforderungscharakter an die Akteure im Sport, geeignete good Governance-Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, denen auch der Staat vertraut, was wiederum die Autonomie des Sports wesentlich und nachhaltig stärken könnte.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Leitung und Organisation Theorie und gesellschaftliche Grundlagen |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Hamburg
Verlag Dr. Kovac
2014
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| Schriftenreihe: | Schriftenreihe Politica, 101 |
| Seiten: | 425 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |