Doping und Anti-Doping in der Bundesrepublik Deutschland 1950 bis 2007. Genese, Strukturen, Politik

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Bonn hat innerhalb des Forschungsprojektes des Wissenschaftsverbundes Leistungssport "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation" vor einigen Jahren an zwei akademische Einrichtungen Aufträge zur Untersuchung der Geschichte des Dopings in der alten Bundesrepublik, vergeben. Der vorliegende Band präsentiert die Ergebnisse der beiden Forschungsschwerpunkte, die durch die Westfälische Wilhelms Universität Münster bearbeitet wurden. Deren inhaltliche Bearbeitungsschwerpunkte lagen auf Veränderungen des Verhältnisses vom Sport, seinen Organisationen und Akteuren einerseits und dem Staat mit dessen Institutionen andererseits, dabei wurde auch der Blick auf die Gesellschaft und die dazu geführte gesellschaftliche (und damit auch mediale) Debatte um den Sport insgesamt wie auch um den Leistungssport im Besonderen gelegt. Eine weitere Motivation für die Initiierung des Projektes bestand außerdem darin, dass man ein Ungleichgewicht in der Bearbeitung dieses wichtigen und zugleich sehr sensiblen Themas zwischen dem Doping und seinem staatlich verordneten Missbrauch in der DDR und einer bis dahin adäquaten Untersuchung der westdeutschen Dopingvergangenheit konstatierte, das aufgearbeitet werden sollte. Die bis zu diesem Projekt bekannten Ereignisse, Dokumente, Pressemeldung und Zeitzeugenaussagen sollten in einer systematischen wissenschaftlichen Untersuchung in einen gesellschaftlichen, politischen und auch sportpolitischen Rahmen gestellt werden, um Ursachen, Entstehungsmechanismen, Strukturen wie auch die verorteten Beteiligten im Sport und außerhalb von ihm mit ihren Motiven, Haltungen und Handlungen zu analysieren und zu bewerten. An der Universität Münster wurden dazu im ersten Teilprojekt mit sozialwissenschaftlichen Methoden untersucht, wie das Doping in Westdeutschland, wenn es dann die Oberfläche der Medienlandschaft erreicht hatte, wahrgenommen, beschrieben und bewertet wurde. Das zweite Teilprojekt (der HUB Berlin) ging aus verschiedenen Perspektiven und auf der Basis bekannter (und bis dato unbekannter) Dopingmissbräuche der Frage nach der individuellen Verantwortung der Beteiligten (und der Organisationsverantwortung) nach und stellte sich die Frage, ob es dabei zu schuldhaftem Verhalten kam und wie dieses wahrgenommen wurde und wird. Die Münsteraner Wissenschaftler legten ihrem Untersuchungsansatz die Frage zugrunde, welche Einflüsse die besondere Staat-Sport-Konstellation in Westdeutschland und später auch im wiedervereinigten Deutschland auf den Umgang mit dem Dopingthema hatte. Daran schloss sich das Interesse an der Frage an, ob dies auch Einfluss auf die Art und Weise hatte, wie das Dopingthema in Deutschland behandelt wurde. Daraus resultierten Fragen wie: Wie groß, intensiv und direkt waren die Einflussmöglichkeiten und die tatsächlich wirkenden Einflüsse der Sportpolitik auf und im Sport? Wie verhielt sich der Staat in der Entwicklung und Umsetzung einer aktiven Antidopingpolitik im deutschen Sport? Hat die Auseinandersetzung mit dem Doping und seinem Missbrauch das Verhältnis zu Staat, Politik und Sport in den Jahren seit dem Aufkommen des Dopings im Leistungssport verändert? In der Ergebnispräsentation werden die unterschiedlichen Perspektiven beginnend mit der ethisch-moralischen und deren Genese im Laufe der gut sechzig Jahre des Untersuchungszeitraums deutlich. Es zeigt sich eine Entwicklung und Veränderung der Wahrnehmung von Doping mit dessen Konsequenzen und Dimensionen. Da spielen Aspekte wie die Definition von Doping genauso eine Rolle wie der Bewertung des Dopingmissbrauchs im Rahmen der Grundwerte des Sports wie Chancengleichheit und Fairness oder die Betrachtung sportmedizinischer Diskussionen um kurz- und langfristige Wirkungen von Doping. Es zeigt sich aber auch eine klare politische Dimension, die sich aus Bedingungen des Kalten Krieges ableiten ließen, als es darum ging, die staatliche und nationale Repräsentanz durch den Leistungssport und des Repräsentanten in den Stadien und Sporthallen natürlich primär durch sportliche Erfolge umzusetzen. Ein weiterer Aspekt, der sich auch daraus ableitete, ist die Entwicklung einer auf den Leistungssport fokussierten Forschung in der Sportwissenschaft und Sportmedizin, für die Doping relativ schnell zum Thema wurde. Eng verbunden mit diesen Perspektiven und Dimensionen war aber stets die offizielle Forderung nach sauberem Sport, sauberen Sportlern und sauberen Erfolgen, woraus Widersprüche und Konflikte entstanden, die sich in diesem Band auch wiederfinden. Einerseits legitimierte sich der Sport in der Gesellschaft damit, andererseits wurden Anreizsysteme geschaffen, die die Hemmschwelle zum Dopingmissbrauch niedriger werden ließen. Eine besondere Bedeutung erhielt das Thema Doping durch die deutsche Wiedervereinigung, da der DDR-Sport nicht nur mit seinen erfolgreichen Sportlern Bestandteil der wiedervereinigten Sportlandschaft wurde, sondern weil er auch seine staatlich-sportliche Dopingvergangenheit in den bundesdeutschen Sport mitbrachte. Daraus erwuchs die Möglichkeit und Notwendigkeit der sehr umfassenden und offenen Auseinandersetzung mit dem Dopingmissbrauch im Leistungssport. Positionen dazu wurden erarbeitet, publiziert und diskutiert - in den Sportorganisationen, in der Sportpolitik und in den Medien des Landes. Das Bewusstsein für dieses Menetekel des Leistungssports erreichte ein bis dahin in Deutschland unbekanntes Niveau wie auch die Intensität der Auseinandersetzung deutlich anstieg. Die Beschäftigung wurde als wichtig erachtet und wurde mit Forderungen verbunden, entsprechende Lehren zu ziehen und sich für effektives Kontrollsystem in Training und Wettkampf einzusetzen und dafür sowohl die notwendigen (sport)rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen. All das wurde (und wird auch heute) von den Medien des Landes intensiv gefordert, gefördert und begleitet, sodass das Buch einen aktuellen Sachstand darstellen kann, die Autoren aber auch konstatieren, dass zukünftig einerseits eine Autonomie des Sports in der Dopingbekämpfung gut und richtig ist, die Zusammenarbeit mit dem Staat und seinen Institutionen aber unbedingt enger und intensiver werden sollte, wenn der Kampf gegen Doping und für einen fairen Sport zukünftig erfolgreich(er) werden soll.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sportgeschichte und Sportpolitik Theorie und gesellschaftliche Grundlagen
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hildesheim Arete Verlag Christian Becker 2014
Seiten:239
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch