3047119

Verlorener Kampf. Über Betrug im Sport

Helmut Digel gehört zu der Generation von Offiziellen, die in den letzten 30-40 Jahren die Entwicklung des Spitzensports in Deutschland maßgeblich geprägt und beeinflusst haben. Digel war stets um eine kritische Reflexion aktueller Ereignisse und Erfahrungen bemüht, wenn es darum ging, einzelne Sportarten (hier war er als langjähriger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes an herausragender Stelle aktiv) aber auch den deutschen Spitzensport insgesamt in zentralen Feldern der Sportentwicklung gut aufzustellen und weiterzuentwickeln. Eines dieser Felder war der von ihm seit 1976 begleitete und geführte Kampf gegen den Dopingmissbrauch im nationalen und internationalen Leistungssport. Im vorliegenden Sammelband werden mehr als 50 seiner Stellungnahmen zusammengefasst publiziert, die damit ein Geschichtsbild der Auseinandersetzung mit der Krake Doping im deutschen Sport liefern. In den ersten Jahren (Digel selbst nennt das Jahr 1976 als den ersten Kontakt mit dem Thema) und bis zur deutschen Wiedervereinigung war er im (west)deutschen Leistungssport und in der Sportwissenschaft aktiv. Hier waren es Organisationen und Institutionen wie der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsverbände, die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, das BMI, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Köln und die ebenfalls dort angesiedelte Deutsche Sporthochschule, in denen der Diskurs zum Umgang mit dem Dopingproblem geführt wurde. Manch löbliche (Grundsatz)erklärung wurde verfasst, manch Aktionsprogramm verabschiedet, Digels rückblickende Bilanz ist aber ernüchternd: Es fehlte der tatsächliche Einblick in die Dimension des Handelns der Doper, es wurde zu naiv mit dem Thema umgegangen und zu groß erschien der externe Erfolgsdruck auf das Leistungssportsystem, als dass tatsächliche Analysen vorgelegt und Veränderungen vorgenommen worden wären. Seine Bilanz ist aber auch von seiner Einsicht geprägt, dass es am Willen fehlte, tatsächlich und massiv gegen den Dopingmissbrauch vorzugehen. Die persönlichen Konsequenzen waren im Einzelfall für Sportlerinnen oder Sportler dramatisch oder gar fatal, der Verweis auf die zu erreichende und zu erhaltende Konkurrenzfähigkeit mit den Staatssportlern des Ostens wurden aber immer wieder zum internen Argument, um für richtig und wichtig Erkanntes in die tägliche Sportpraxis umzusetzen. Mit der deutschen Wiedervereinigung wurde die Komplexität des Themas nochmals spürbar größer, ging es doch sowohl um die Aufarbeitung und Bewertung der ostdeutschen Sportdopingvergangenheit auf der Ebene des Verbands und mit Blick auf Trainer, Wissenschaftler und Sportler, aber es ging eben auch um den Umgang mit Dopingvergehen und Dopingtätern in der Gegenwart. Mit Katrin Krabbe und Dieter Baumann erreichte das Dopinggeschehen Topleichtathleten Deutschlands. Digel stritt auch hier um Ehrlichkeit, Recht und Gerechtigkeit und musste aber erkennen, dass er mit Übernahme präsidialer Verantwortung im DLV "nur", wie er schreibt, im Zentrum des Dopingsumpfes angekommen war. Er ist immer für einen ehrlichen Leistungssport ohne Leistungsmanipulation eingetreten, hat darüber geredet und geschrieben, hat Argumente dafür geliefert und Interviews gegeben, um Sportler, Trainer, Wissenschaftler und Offizielle von seinem Weg zu überzeugen. Nach mehr als 30 Jahren gelangte er, der durch seine exponierten Stellungen im nationalen und Weltsport einen sehr profunden Einblick hinter die Kulissen werfen konnte, zur Einsicht, dass der Dopingkampf verloren sei. Und er geht noch weiter mit seiner Hypothese, dass der verlorene Kampf gegen Doping und Leistungsmanipulation dem Leistungssport bisher nicht geschadet hat - welch Pessimismus muss sich bei Helmut Digel entwickelt haben, wenn er zu einer solchen Einschätzung gelangt. Er wäre aber nicht der, der er immer gewesen ist, wenn er die Hoffnung auf Besserung auch aufgeben würde, nein er hofft auf den gesellschaftlichen Wandel und ein sich dadurch entwickelndes Wertekonstrukt, in dem es keinerlei Platz für Doping geben wird. Wie es zu dieser Einschätzung gekommen ist und woraus Helmut Digel dennoch Hoffnung zu schöpfen glaubt wird in den Essays, Reden und Kommentaren aus den Jahren 1977-2012 deutlich, die er für diesen Sammelband nochmals zusammengetragen hat.
© Copyright 2013 Veröffentlicht von Hofmann Verlag. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sportgeschichte und Sportpolitik Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Leitung und Organisation
Tagging:Anti-Doping
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Schorndorf Hofmann Verlag 2013
Seiten:377
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch