Siegen um jeden Preis. Doping in Deutschland: Geschichte, Recht, Ethik 1972-1990
Während der Dopingmissbrauch in der DDR durch eine Vielzahl von Publikationen im Zusammenhang mit Forschungsvorhaben wie auch in journalistischen Print- und digitalen Medien, durch das Wirken von Organisationen und engagierten Wissenschaftlern wie auch durch eine zumindest partielle juristische Aufarbeitung und Bewertung nach der deutschen Wiedervereinigung kontinuierlich in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit, der deutschen Politik und Wissenschaft gerückt wurde und damit auch schrittweise ein sowohl umfassendes als auch in einzelnen Facetten sehr detailliertes Bild entstanden ist, war das Niveau der Untersuchung des Einsatzes verbotener Dopingmittel in Deutschland-West und entsprechender Publikationen über viele Jahre deutlich dahinter zurückgeblieben. Es gab zwar einzelne wissenschaftliche Berichte (zum Beispiel von Treutlein, Singler oder Eggers), ohne aber die inhaltliche Dimension und Erkenntnistiefe erreichen zu können, die für den Dopingmissbrauch in der DDR inzwischen vorliegt. Es war lange Jahre nicht so recht klar, woran das lag und was dagegen getan werden sollte und konnte. So konnte der Eindruck entstehen, dass ein Interesse an der Untersuchung und Aufarbeitung des möglichen und vermuteten missbräuchlichen Einsatzes von verbotenen leistungssteigernden Substanzen und Methoden im westdeutschen Leistungssport in Sportorganisationen und in der Sportpolitik kaum oder gar nicht vorhanden war.
Die Situation hat sich durch die Vergabe eines BISp-Forschungsauftrags im Jahr 2009 an die Humboldt-Universität Berlin mit dem Ziel der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Dopings in der Bundesrepublik Deutschland vom Beginn der fünfziger Jahre bis in die Gegenwart verändert. Die mit diesen Finanzmitteln installierte Forschungsgruppe legt in diesem fast 450 Seiten umfassenden Berichtsband ihre Erkenntnisse zum Thema für den Zeitraum 1992-1990 vor. Ihr Anliegen war es, die für den Einsatz von Doping verantwortlichen und eingesetzten organisatorischen Strukturen zu untersuchen und aufzudecken, wozu umfassende Studien in staatlichen und privaten Archiven durchgeführt und über 50 Zeitzeugen befragt wurden.
Für die Bearbeitung des Themas auf der Grundlage einer umfassenden Dokumentenanalyse wurde dann auch bewusst ein breiter historischer, sozialgeschichtlicher und politischer Rahmen gewählt, um eine umfassende Rekonstruktion der Prozesse des Dopingmissbrauchs mit deren Genese und Formänderungen ab den 50er Jahren zu ermöglichen. Der insgesamt gut vierzig Jahre umfassende Analysezeitraum wurde in die beiden Projektphasen 1950-1972 und 1972-1990 untergliedert, nacheinander wissenschaftlich bearbeitet und entsprechende Untersuchungsergebnisse auch gesondert publiziert. Dabei ging es mit Blick auf die erste Projektphase u.a. darum festzustellen, welche Intentionen im Sport und der Sportpolitik erkennbar wurden und welche auslösenden Ereignisse und Handlungen in dieser "präanabolen Phase" für den westdeutschen Leistungssport zu ermitteln waren, die zur Aufnahme sowohl von Forschungsprojekten zum Dopingeinsatz im Leistungssport wie auch zum praktischen Einsatz derartiger Mitteln bei Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern führten. Die dazu vorgelegten Ergebnisse zeigen, dass Aussagen, dass all diese Dopingaktivitäten angeblich erst als Reaktion auf den DDR-Dopingmissbrauch aufgenommen wurden, so nicht mehr haltbar waren, wie auch von einem nicht gerade geringen Wissen um diese Aktivitäten sowohl in der Sportpraxis, der Sportwissenschaft als auch in der Sportpolitik ausgegangen werden kann und muss.
Die sich anschließende Untersuchung der zweiten Projektphase ist Hauptgegenstand des jetzt vorgelegten Berichtsbandes, über dessen Existenz und über dessen Inhalte bereits in den Medien viel und kontrovers berichtet wurde. Die Ergebnisse bieten ein vielschichtiges Bild von Dopingaktivitäten in der Bundesrepublik Deutschland, in wissenschaftlichen und wissenschaftsfördernden Einrichtungen wie auch in der Sportpraxis, ohne dass ein umfassendes und alle Facetten erreichendes Bild gezeichnet wird. Dabei werden schon vorher bekannte und publizierte Ergebnisse nochmals nachrecherchiert und in den größeren Rahmen des Forschungsprojekts gestellt. Ausgewählte Untersuchungsergebnisse beispielsweise zum Einsatz der sog. Kolbe-Spritze bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal oder zu Forschungsprojekten zur Wirkung von Anabolika im Leistungssport in verschiedenen Zeitabschnitten und die Rolle des BISp durch die Vergabe von Forschungsmitteln dafür werden detailliert beschrieben. Dabei geht es den Autoren sowohl um die Darstellung der Abläufe innerhalb dieser Dopingaktivitäten als auch um die Ausleuchtung der Haltungen und Handlungen direkt oder indirekt beteiligter Institutionen und Organisationen. Dazu werden eine Vielzahl von Dokumenten und Aussagen vorgelegt (und auch in größere sportpolitische Zusammenhänge eingeordnet), die entweder Gegenstand einer öffentlichen Debatte seit der Mitte der siebziger Jahre waren oder die innerhalb der Sportorganisationen und durch Vertreter wissenschaftlicher Institutionen diskutiert und publiziert wurden. Dabei entsteht ein ambivalentes Bild mit Gegnern und Befürwortern der Dopingpraktiken. Die Autoren stellten letztlich fest, dass sich die Fraktion der Befürworter durchsetzten, ohne dass damit aber ein mit der DDR vergleichbares Dopingmissbrauchssystem aufgebaut wurde. Sie konstatieren aber, dass die Dopingaktivitäten in der Bundesrepublik Deutschland durchaus systemische Züge aufwiesen, dass Anabolika sehr wohl als Trainingsmittel eingesetzt wurden, was von Trainern und Funktionären auch toleriert wurde. Deutlich wird in der Untersuchung aber auch, dass es immer wieder, nicht selten auch durch einen öffentlichen Druck, die Notwendigkeit im westdeutschen Spitzensport gab, sich inhaltlich auf der Ebene der Sportführung mit Dopingaktivitäten zu befassen, dass daraus aus Grundsatzerklärungen und Rahmenrichtlinien entstanden, die jegliche pharmakologische Leistungsbeeinflussung ablehnten. Es blieb das Problem, dass diese Papiere das Handeln und den Missbrauch in der Sport-Trainingspraxis nicht unterbinden konnten und dass klare Antidopingaussagen zu späteren Zeitpunkten "aufgeweicht" wurden, um wieder "freier" handeln zu können. Und so wurden im Rahmen der Untersuchung für den Zeitraum 1977 bis 1990 weitere Testosteronstudien zur leistungssteigernden Wirkung ermittelt und beschrieben. Es entsteht bzw. bleibt auch in der Folge der Eindruck, dass nicht alle Möglichkeiten durch die Sportführung und Sportwissenschaft bzw. Sportmedizin ausgeschöpft wurden, um konsequent gegen Dopingmissbrauch im Leistungssport der Bundesrepublik Deutschland vorzugehen. Ein Beispiel dafür ist die nicht umfassende und konsequente Einführung möglicher Trainingskontrollen. Eher entsteht mehrfach der Eindruck, dass die Gegner und Verweigerer von Dopingpraktiken als Problem betrachtet wurden, wobei vieles nicht an die Öffentlichkeit gelangte, sondern vertraulich innerhalb des Sportsystems "verhandelt" wurde. Das führte letztlich dazu, dass Dopingmittel und -methoden bis zur deutschen Wiedervereinigung nicht aus dem westdeutschen Leistungssport verbannt wurden - auch um das gestellte Ziel eines international konkurrenzfähigen Spitzensports nicht in Frage zu stellen.
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| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Göttingen
Verlag Die Werkstatt
2013
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| Seiten: | 448 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |