Bedeutung des Hämatokrit und Hämoglobin im Leistungssport und genetische Einflüsse
Die Dopingskandale des vergangenen Sommers, welche insbesondere den Radsport erschütterten, stellen für den gesamten Sport ein existentielles Problem dar. Durch das Ausmaß der Manipulationen liegt ein Generalverdacht über dem gesamten (Leistungs-)Sport. Die allgemeine Berichterstattung in den Medien hat sich entsprechend angepasst und zwischenzeitlich wird auch jede legal erbrachte gute Leistung negativ hinterfragt und zum Teil auch in Frage gestellt.
In den Ausdauersportarten spielen im Moment insbesondere die Manipulationen im Bereich der Blutdopings und der Erythropoietin-Anwendung eine entscheidende Rolle. Insbesondere weil für diese Bereiche keine (Eigenblutdoping) oder nur unzureichende (Fremdblutdoping, niedrig-dosierte EPO-Gabe) direkte Nachweisverfahren existieren ist die Situation fur den Anti-Doping-Kampf als schwierig einzustufen.
Aufgrund dieser Tatsache gewinnen indirekte Nachweismethoden zum Screening bei Verdacht auf Manipulationen bzw. zur Detektion von Manipulationen zunehmend an Bedeutung. Viele internationale Fachverbände haben in diesem Zusammenhang Grenzwertregelungen fur hämatologische Parameter (Hämoglobin, Hämatokrit, Retikulozyten) festgelegt. Aufgrund einer mangelnden Abstimmung zwischen den einzelnen Verbänden ergibt sich zwischenzeitlich ein unübersichtliches Bild unterschiedlicher Grenzwert- und Schutzsperrenregelungen dar, welches kaum nachzuvollziehen ist. In diesem Bereich besteht dringender Handlungsbedarf.
Die Leistungsfahigkeit in vielen Ausdauersportarten hängt neben der maximalen Sauerstoffaufnahme von der Ausdauerkapazität und der Fähigkeit sich nach Belastungen mit wechselnder Intensität zu erholen ab. Diese drei Fähigkeiten entwickeln sich nicht unbedingt parallel. Die Ausdauerkapazität ist nicht abhängig von der VO2max. Auch fur die Erholung bei kurzen, wiederholten Sprints scheint die Rolle der VO2max eher gering zu sein. Mit zunehmender Dauer der Sprints nimmt die Bedeutung der VO2max etwas zu. Da die Erholungsfähigkeit allerdings besser mit der Ausdauerkapazität korreliert, spielen hier weitere Faktoren eine wesentliche Rolle. Es gilt diese Faktoren zu erforschen, um dann gezielte Trainingsformen zu entwickeln. Hier muss insbesondere beachtet werden, dass zum Teil Verban-de die indirekten Parameter nur als Screeninguntersuchung fur eine ausgedehntere Diagnostik, inklusive direktem EPO-Nachweis, nut-zen (z. B. IAAF). Andere Verbande sanktionieren zusatzlich ein Uber-schreiten der Grenzwerte in Form einer sog. Schutzsperre (UCI, IBU, FIS etc.). Dieses Vorgehen ist in der heutigen Zeit kritisch, da ein Uberschreiten der Grenzwerte iiber die Medien umgehend als Dopingverdacht publiziert wird, ohne dass ein tatsachlicher Nachweis fur ein Dopingvergehen erbracht ist. Hier musste eine klare Trennung erfolgen: Laborwerte bzw. Grenzwerte die als Screeningmethode fur dann folgende umfangreichere Untersuchungen (z. B. direkter EPO-Nachweis, Hb-Masse-Bestimmung) oder engmaschigere Kontrollen genutzt werden, mussen moglichst niedrig festgelegt werden, aber konsequenterweise auch ohne Sanktionierungsfolge bleiben. Grenzwerte die aus medizinischer Sicht, zum Schutz der Athletlnnen, festgelegt werden, sollten im gemeinsamen Konsens erarbeitet werden, mit Schutzsperren belegt sein und konnten dann aber auch entsprechend hoher ausgelegt werden (z. B. gangige Normwerte der Labormedizin).
Ein grofles Problem im Zusammenhang mit Grenzwertregelungen und darauf aufbauender Schutzsperren/Sanktionen ist sicherlich die hohe inter- und intraindividuelle Schwankungsbreite der hamatologi-schen Parameter. Aufgrund der hohen physiologischen Schwankungsbreite sind im Einzelfall Ausnahmegenehmigungen notwendig. Hier gibt es ebenfalls extrem unterschiedliche Vorgaben fur die Erlangung dieser medizinischen Ausnahmegenehmigungen. Zukünftig sind hier klare Vorgaben fur die Erteilung solcher Ausnahmegenehmigungen notwendig.
Ein möglicher Lösungsansatz solche medizinischen Ausnahmegenehmigungen zu vermeiden, wäre die Erstellung individueller (Blut-) Profile. Hierzu müssen umfangreiche Datensätze angelegt werden, auf deren Basis sinnvolle Regelungen fur individuelle Grenzwerte/ Wertebereiche gefunden werden können. Hierbei werden kurzfristig die konventionell erhobenen Werte aus einfachen Blutentnahmen eine entscheidende Rolle spielen. Mittelfristig werden Methoden wie die Hämoglobinmengenbestimmung als volumenschwankungsunabhängige Methode an Bedeutung gewinnen und die aktuellen Methoden ergänzen bzw. ersetzen. In diesem Zusammenhang konnen evtl. auch genetische Analysen dazu beitragen natürlich erhöhte Wertekonstellationen auf der Basis genetischer Variationen zu detektieren. Entsprechende Forschungsansätze existieren bereits und müssen konsequent weiterverfolgt werden. Inwiefern sich hieraus ein praktischer Nutzen ergibt kann aktuell noch nicht abgeschätzt werden.
© Copyright 2009 Verbotene Methode - Erhöhung des Sauerstofftransfers. Doping-Kleinkonferenz 2007. Veröffentlicht von Leipziger Verlagsanstalt. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Ausdauersportarten Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Tagging: | Hämatokrit Hämoglobin |
| Veröffentlicht in: | Verbotene Methode - Erhöhung des Sauerstofftransfers. Doping-Kleinkonferenz 2007 |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Leipzig
Leipziger Verlagsanstalt
2009
|
| Schriftenreihe: | Schriftenreihe des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, 2008, 03 |
| Seiten: | 23-28 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | mittel |