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Kaderschmieden des Sportwunderlandes. Die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR

Als am 1. August 1976 die Spiele der XXI. Olympiade im kanadischen Montreal zu Ende gingen, hatte die DDR nicht weniger als 90 Medaillen (davon 40 goldene) gewonnen und lag hinter dem "großen Bruder" Sowjetunion auf dem 2. Platz der inoffiziellen Länderwertung. Aus Sicht der Leistungssportstrategen des Landes war damit der politische Auftrag des Leistungssports erfüllt worden: Der internationalen (Sport)Öffentlichkeit sollte am Beispiel olympischer Erfolge die (angebliche) internationale Konkurrenzfähigkeit der DDR auf dem amerikanischen Kontinent selbst vor Augen geführt werden. Kurz vor dem Zusammenbruch der DDR, bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul wurde dieses Ergebnis mit insgesamt 102 Medaillen (davon wiederum 37 goldenen) wiederholt. Die Antworten auf die Fragen nach den Ursachen für diese sportlichen Erfolge sind vielfältig und sehr differenziert. Sie umfassen Fragen der Ausbildung von Trainern und der Nutzung trainingswissenschaftlicher Erkenntnisse für die sportlichen Ausbildungsprozesse, führen auch zum systematischen und staatlich gesteuerten Einsatz von Dopingmitteln und zu einer umfassenden sozialen Absicherung der Leistungssportler während und nach ihrer sportlichen Laufbahn (zu Zeiten des olympischen Amateursports ein nicht unbedeutender Wettbewerbsvorteil), umfassen aber natürlich auch die Fragen der das ganze Land erfassenden Sichtung und Förderung sportlicher Talente in einer Vielzahl von olympischen Sportarten. Das einheitliche System der "Sichtung und Auswahl" (ESA) mit seinen Strukturelementen der lokalen Trainingszentren und der sich daran anschließenden Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) hat im Prozess der langfristigen Leistungsentwicklung im Zusammenwirken mit den leistungssportlich ausgerichteten Sportclubs eine entscheidende Rolle gespielt. Die erste KJS nahm dann am 1. Januar 1952 in Nordhausen ihre Arbeit auf. Die ersten Sportschulen der DDR wiesen aber noch nicht die Konzentration auf die Förderung sportlicher Talente auf, wie sie für die späteren Jahre typisch wurde. Am Ende der DDR gab es nicht weniger als 25 Sportschulen, verteilt auf das ganze Land. Jeder der 15 Bezirke hatte zumindest eine dieser Schulen, an denen (1989) 10.052 Mädchen und Jungen aus zwei bis elf Sportarten (die im jeweiligen Bezirk besonders gefördert wurden) eine schulische und sportliche Ausbildung absolvierten. Der sportliche Beitrag der KJS-Schüler zum olympischen Gesamtergebnis war sehr hoch, betrug er doch 1976 fast 62 Prozent der Mitglieder der DDR-Olympiamannschaft und 70 Prozent der insgesamt von der DDR in Montreal gewonnenen Punkte. Zwischen 1952 und 1989 durchlief das KJS-System verschiedene Entwicklungsetappen: - 1952-1953 Aufbau- und Testphase, - 1954-1957 Erweiterung und inhaltliche Ausformung, Entwicklung der Strukturelemente Schule, Internat, Sportclub, - 1958-1968 Die KJS wird zum festen Bestandteil des DDR-Leistungssports mit einer entsprechenden strukturellen und inhaltlichen Entwicklung, - 1969-1980 Aufnahme neuer Sportarten und Flexibilisierung (bis zur Individualisierung) der schulischen Ausbildung, neue Standorte und Konzentration von Potenzialen, rasante Kapazitätserweiterungen, Integration der KJS in bezirkliche und regionale Leistungssportstrukturen der SED, wobei das Auftreten zu den DDR-Kinder- und Jugendspartakiaden eine herausgehobene Bedeutung erlangte, Verstärkung des politisch-ideologischen Drucks an den KJS, - 1981-1989 - Optimierungsphase, Stagnation und Krise. Innerhalb dieser Phase gab es immer wieder Neuentwicklungen (wie zum Beispiel der Aufbau von KJS, die sich nur mit Wintersportarten befassten oder die Bildung von speziellen Sportschulen, die mit den nicht-zivilen Sportclubs (Dynamo, Armeesportklub) zusammenarbeiteten. Auch die langfristige Abstimmung des sportlichen Trainings mit schulischen Anforderungen wurde schrittweise immer komplexer und erforderte Einzellösungen gerade für Sportler, die einen sportartspezifischen, sehr hohen Trainingsumfang mit vielen Trainingslagern außerhalb des Schulstandorts absolvierten. Nicht zu vergessen ist die Präsenz und Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit an den KJS, die nachweislich immer umfassender wurden. Um die politischen Ziele des DDR-Leistungssports verwirklichen zu können, sollten die Kinder und Jugendlichen zu "Botschaftern im Trainingsanzug" werden, woraus die Stasi umfangreiche Maßnahmen der Kontrolle und Überwachung ableitete und umsetzte. Die Entwicklung der Kinder- und Jugendsportschulen ist aber in einem engen Kontext mit Entwicklungen im DDR-Bildungswesen zu sehen und verlief in der Auseinandersetzung (und Abstimmung) zwischen der Sportorganisation DTSB und dem verantwortlichen Ministerium nicht immer reibungsfrei. Die finale Phase der Arbeit der KJS in den Jahren 1990 und 1991 war sehr turbulent, der Streit innerhalb der Sportorganisation wie auch mit und unter den politisch Verantwortlichen bei der Suche nach tragfähigen Konzepten für die Zukunft in einem vereinten Deutschland war natürlich eng mit einem kritischen Rückblick gerade auch auf die politische Funktion des nationalen Leistungssports und das Staatsdoping (auch unter Minderjährigen) verbunden. Bildungsträger aus der "alten" Bundesrepublik (wie das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands) interessierten sich für das Konzept und die Strukturen, der Deutsche Sportbund (wie auch die verantwortlichen Ministerien in den "neuen Ländern" erhielten in der Vorbereitung von Zukunftsentscheidungen einen tiefen Einblick in die Arbeit an den KJS, es kam zu ersten Schulschließungen und angesichts der oftmaligen Perspektivlosigkeit der bis dahin kooperierenden Sportclubs zu Neuorientierungen an den Schulstandorten. Letztlich mussten die Schulen in das neue Bildungswesen integriert werden, um innerhalb der Förderung sportlicher Talente Deutschland eine neue Chance zu bekommen. Mit dem jetzt vorgelegten Buch (was gleichzeitig die Dissertation des Autors ist) zur Entwicklung der Kinder- und Jugendsportschulen wird das Kapitel der Sportförderung der DDR systematisch, detailgetreu und außerordentlich umfassend aufgearbeitet und präsentiert. Dazu wurde eine Vielzahl von Quellen auf privaten, staatlichen und Organisationsarchiven gesichtet und ausgewertet. Einen besonderen Wert haben aber auch die Interviews, die René Wiese mit nicht weniger als 57 Zeitzeugen führte. Darunter befanden sich Schüler und Lehrer, Schulleiter, Trainer und Verantwortliche des DTSB. Hinzu kommt, dass der Autor selbst als Schüler eine KJS besucht hat und sein eigenes Erleben mit den Quellen und Aussagen abgleichen konnte. Entstanden ist ein sehr interessanter Blick in das Innenleben dieser Kaderschmieden des DDR-Leistungssports wie auch in die Funktionen der KJS in ihrem politischen und sportlichen Umfeld.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sportgeschichte und Sportpolitik Nachwuchssport Schulsport
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hildesheim Arete-Verl. 2012
Ausgabe:Hildesheim: Arete-Verl., 2012.- 629 S.
Seiten:629
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch