Die deutsche Sporteinheit. Eine Untersuchung der sportpolitischen Transformations- und Vereinigungsprozesse in den Jahren 1989/90
Heute, gut 20 Jahre nach der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands, ist das Interesse daran weiterhin sehr hoch, wie denn eigentlich der Vereinigungsprozess in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen vorbereitet wurde und warum gerade auf diese Weise, wie er dann wirklich ablief und auch hier wieder, warum gerade so, und welche Konsequenzen sich kurz- und langfristig daraus für die weitere Entwicklung des jeweiligen Bereichs ergaben. Zu den gesellschaftlichen Teilbereichen, in denen bereits eine Reihe von Untersuchungen zum Entwicklungsstand und zu den Problemen in den noch geteilten deutschen Organisationen vorgelegt wurden, gehört der Sport. Waren es anfangs vor allem Studien zum Entwicklungsstand und den Wirkfaktoren im DDR-Sport (und hier primär, wenn auch nicht ausschließlich, zum Leistungssport) sowie zu seinen zunehmenden Problemen Ende der 80er Jahre, wurden inzwischen verschiedene Studien zum Sport der Bundesrepublik Deutschland und dessen Entwicklung seit der Gründung der Sportorganisationen erarbeitet.
Der jetzt publizierte Band wendet sich - im Rahmen einer Dissertation - den Ereignissen und deren wissenschaftlicher Analyse zu, die sich in den Sportorganisationen im Zeitraum Winter 1988 und Winter 1990 abspielten. Dazu ist es dem Autor wichtig, eingangs den Sport in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR von dessen Anfängen nach dem 2. Weltkrieg an zu skizzieren. Hier geht es um das Verhältnis von Sport und Staat, um den organisatorischen Aufbau und die Rechtsgrundlagen des Sports und um spezifische Entwicklungslinien im Leistungssport wie auch im Breitensport. Außerdem werden die innerdeutschen Sportbeziehungen einer kritischen Betrachtung unterzogen. Dazu werden politische Entwicklungen, das Entstehen von politischen Bündnissystemen und Statusfragen der NOKs innerhalb der internationalen olympischen Bewegung thematisiert.
Die deutsche Sporteinheit wird dann insbesondere wieder aus der Perspektive der DDR-Sportorganisationen beleuchtet. Welche Rolle spielte der Sport im Zusammenhang mit den DDR-Kommunalwahlen im Frühjahr 1989, wie verhielten sich verschiedene organisatorische Einheiten des DTSB und die nationale Sportorganisation insgesamt? Wann wurde die sportpolitische Wende eingeläutet, welche neu gegründeten oder in Gründung befindlichen demokratischen Organisationen (hier hätte das Neue Forum mit dessen Aktivitäten in der Arbeitsgruppe Sport verdient gehabt) beteiligten sich aktiv anfangs an den selbstdemokratischen Prozessen und als die Reformfähigkeit im "Kampf um die Erneuerung des DTSB" immer stärker in Frage gestellt wurde, an der konzeptionellen Vorbereitung und dann auch an der organisatorischen Abwicklung des DTSB und des DDR-NOK? Wie positionierte sich die Politik zu den Perspektiven des Sports in der ehemaligen DDR? Weshalb fanden einzelne Bestandteile des DDR-Leistungssports Aufnahme in den Einigungsvertrag, während der Breitensport im Einigungsprozess mehr oder minder in Vergessenheit geriet?
Diese und weitere Fragen werden von Martin Einsiedler aufgegriffen und exemplarisch (in diesem Fall auf der Makroebene der nationalen Sportorganisationen, der nationalen olympischen Komitees und von Sportfachverbänden) analysiert.
Mit dem Kapitel zur längerfristigen Wirkung der Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre entworfenen Sportorganisationen und Sportpolitik mit einem erkennbaren Strukturwandel, mit dem Sportstättenprojekt in den neu gegründeten Landessportbünden und den leistungssportlichen Erfolgen, die dann längerfristig doch nicht so üppig ausfielen wie erhofft, wird auf ausgewählte Schwerpunkte hingewiesen und nochmals verdeutlicht, wie vielschichtig und kompliziert es war, das Erbe des DDR-Sports zu verwalten und in einen demokratischen Sport zu überführen.
Besonders anschaulich für all diese Prozesse ist das, was sich in Berlin vollzog. Berlin hätte das Pilot- und Vorzeigeprojekt der deutschen Sporteinheit sein können. Mit der 1993 erfolgten Bewerbung um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2000 gab es auch ein integratives Projekt, was aber klassisch "in den Sand gesetzt" wurde. Und so bleiben zwar viele spannende und schnell vollzogene (Ver)Einigungsprozesse zwischen Pankow und Schöneberg, Adlershof und Tegel, die auf der sportlichen "Arbeitsebene" abliefen, die Frage ob alle Potenziale Berlins genutzt wurden, um die Stadt als Sportmetropole im Herzen Deutschlands und Europas zu etablieren, ist aber auch heute noch nicht abschließend beantwortet. Die vielen Fakten im abschließenden Kapitel zeigen auf sehr anschauliche Weise, was möglich ist (bzw. gewesen wäre), aber auch wo sich Hürden befanden, die überwunden werden mussten und dann insbesondere vom Landessportbund in die Verhandlungen mit den Partnern im Osten der Stadt eingebracht wurden. Auch hier werden Unterschiede im Umgang zwischen Leistungs- und Breitensport deutlich, wie sie sich schon auf der Makroebene erkennen ließen.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Aachen
Meyer & Meyer
2011
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| Ausgabe: | Aachen: Meyer & Meyer, 2011. - 299 S. |
| Schriftenreihe: | Sportforum, 9 |
| Online-Zugang: | https://www.amazon.de/s?k=Die%20deutsche%20Sporteinheit.%20Eine%20Untersuchung%20der%20sportpolitischen%20Transformations-%20und%20Vereinigungsprozesse%20in%20den%20Jahren%201989/90 |
| Seiten: | 299 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |