Wunden und Verwundungen. Sportler als Opfer des DDR-Dopingsystems

Gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und unterstützt durch die Humboldt-Universität zu Berlin dokumentiert der vorliegende Band erstmalig sehr detailliert den "Alltag" des Dopingmissbrauchs im DDR-Leistungssportsystem aus der Sicht der Athleten. Die Grundlage der Dokumentation stellen 52 autorisierte Interviews mit 24 Leistungsportlerinnen und 28 Leistungssportlern der DDR der Geburtsjahrgänge 1950-1980 aus 15 verschiedenen Sportarten dar, die bereit waren, einen Einblick in ihren Lebens-, Trainings- und Wettkampfalltag zu geben. Parallel zu den Sport bezogenen Fragen wurde auch ein detaillierter Blick auf die allgemeine Lebenssituation der Befragten geworfen: Welche schulischen und beruflichen Ziele verfolgten sie, wie stellte sich ihr leistungssportlichen Ziele in den Familien und im Freundeskreis dar, welchen Einfluss nahmen Stasi und/oder SED auf Lebensplanung und Lebensweg der Befragten. Die Interviews zeigen dabei deutlich, dass ihnen dies nicht immer leicht gefallen ist, sind doch "Wunden und Verwundungen" zurück geblieben, die sie auch heute noch berühren - körperlich wie seelisch. Denn der inhaltliche Schwerpunkt der Interviews wurde darauf gelegt mehr zu erfahren, wie Dopingmittel in den normalen Trainingsalltag integriert worden, wer dies wie getan hat und welche Argumente und Druckmittel eingesetzt wurden, um einerseits zu gewährleisten, dass die Mittel von den Sportlerinnen und Sportler tatsächlich genommen wurden und andererseits sicher zu sein, dass keine Informationen, auch wenn sie nur klein waren, aus dem "inneren" Kreis des DDR-Leistungssports hinaus gelangten, die eine Beziehung mit der Dopingpraxis hätten herstellen lassen können. Parallel dazu wurden die Sportlerinnen und Sportler auch zu ihrem Gesundheitszustand seit dem Beginn der Gabe von Dopingmitteln befragt. Es zeigte sich, dass die Art und Anzahl der Schädigungen durch das Zwangsdoping vielfältiger und gewichtiger sind als bisher bekannt. Außerdem musste festgestellt werden, dass auch Kinder der Dopingopfer unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden, dass ganz offensichtlich der Atem des Dopingmissbrauchs länger ist bzw. sein kann, als allgemein angenommen. Bei den Befragten zeigten sich sehr individuelle Formen der Verarbeitung und des Umgangs mit dem an ihnen begangenen Dopingmissbrauch, die ihren Ausdruck in sehr unterschiedlichen gesundheitlichen Schäden und Langzeitwirkungen genauso finden wie in schweren biographischen Brüchen, die nicht selten begleitet werden durch persönliche, materielle und soziale Folgen der Schädigungen. Die vorgestellten und dokumentierten Fallbeispiele belegen die Systematik, mit der im DDR-Leistungssport gedopt wurde, sie belegen das organisierte System unter Einbeziehung von Trainern, Medizinern, Wissenschaftlern und Funktionären wie auch der von diesen repräsentierten Organisationen und Institutionen. Den Autoren ist uneingeschränkt zuzustimmen wenn sie unterstreichen, dass die Texte wichtig sind für das Verständnis sowohl der Lebensumstände und Lebenswelten in der DDR als auch für dessen Sport, der die natürlichen Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit mit allen Mitteln überschreiten wollte, um die Erfolge politisch zu missbrauchen."
© Copyright 2007 Veröffentlicht von Sportverlag Strauß. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Sozial- und Geisteswissenschaften
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Köln Sportverlag Strauß 2007
Ausgabe:Köln: Sportverlag Strauß, 2007. - 600 S.
Seiten:600
Dokumentenarten:Buch
Level:mittel