Doping im Hochleistungssport. Anpassung durch Abweichung

Der Klappentext des Taschenbuchs stellt kurz und knapp fest: "Soziologisch ist klar: Da Doping ein Konstellationsproblem ist, muss die dopingerzeugende Konstellation geändert werden." Hinter dieser kompakten Aussage verbergen sich aber verschiedene, komplexe Konstrukte oder Konstellationen, die Doping offensichtlich "erzeugen", fördern, zulassen, tolerieren und manchmal auch nutzen. Wie kommt es zu diesem "strukturellen Zwang zur Abweichung", der inzwischen zur Begleiterscheinung großer internationaler Meisterschaften in einer Vielzahl von Sportarten geworden ist? Wie bedeutsam ist der sportliche Sieg in verschiedenen Umgebungen, dass ihm eine schon existenzielle Bedeutung zugeschrieben wird und warum ist das so? Auftauchende Dopingprobleme werden nicht selten singularisiert und "schwarzen Schafen" in der ansonsten blütenweißen Herde zugeschrieben, sicherlich oftmals auch wider besseren Wissen - auch hier stellt sich die Frage, warum Verantwortliche so unverantwortlich handeln? Wem nützt es, nicht oder nicht zu viel zu entlarven und warum ist das so? Die Autoren dieses Buches gehen in der Beantwortung dieser und vieler weiterer, mit dem Doping im Zusammenhang stehenden, Fragen vom Mehrwert aus, der für viele im unmittelbaren, aber auch im mittelbaren Umfeld von Doping assistierten sportlichen Höchstleistungen entsteht. Sie sehen eine solche Verknüpfung für Trainer und (Sport)Politiker genauso wie für Sponsoren, Zuschauer und Massenmedien. Damit wird auch deutlich, dass es nicht ausreicht, den Finger auf die Dopingblutprobe zu legen, sondern, dass es ebenso darauf ankommt, den Dopingmissbrauch in seinen sozialen Dimensionen und Konstellationen zu erkennen und zu analysieren, wenn man an die Wurzeln des Problems vorzustoßen gedenkt. Hier kommt das Inventar soziologischer Untersuchungsmethoden ins Blickfeld, ist diese Wissenschaft doch darauf spezialisiert, gesellschaftliche Probleme auf ihre soziale Bedingtheit zu überprüfen - und genau diese gesellschaftliche(n) Komponente(n) des Dopings im Spitzensport untersuchen die Autoren. Durch die Soziologie werden die Mechanismen der Devianzerzeugung aufgedeckt, die in den letzten Jahren zu einer Eskalation des Dopingproblems führten. Das Buch liefert dabei ein "architektonisches Überblickswissen", verlässt die Analyse doch den ansonsten oftmals anzutreffenden Rahmen der Auseinandersetzung mit einzelnen Dopingfällen und stellt das Problem in überindividuelle, theoretisch abgesicherte Kontexte. Dazu analysieren Bette und Schimank die Strukturdynamiken des Hochleistungssports (Sieg um jeden Preis und Überforderung des Körpers oder Leistungsindividualismus), um sich im folgenden Kapitel dem Doping als Struktureffekt (Doping als soziale Konstruktion und illegitime Innovation oder gesellschaftliche Delegitimierung des Leistungssports) zuzuwenden. In ihrem Angebot von Strategien zur Lösung des Dopingproblems in Sportverbänden werden die Themen Pädagogisierung, Anreiznivellierung, Kontrollintensivierung und Selbstbeschränkungsabkommen aufgegriffen, aber auch "alternative" vertuschende oder ignorierende Denkansätze, die es in der Diskussion des Dopingthemas nicht selten gibt, vorgestellt und kritisch diskutiert. Die umfassende Nachwort des Jahres 2006 stellt nochmals die grundsätzlichen theoretischen Erkenntnisse der soziologischen Untersuchung heraus, widmet sich sehr intensiv der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Doping in verschiedenen Disziplinen und fordert nachdrücklich dazu auf, das Dopingphänomen auf den verschiedenen Ebenen, von der Mikroebene des Sportlers, über die Mesoebene der Sportverbände bis zur Makroebene der intersystemischen Governance zu begreifen und zu bekämpfen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften Theorie und gesellschaftliche Grundlagen
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Frankfurt/Main Suhrkamp 2006
Ausgabe:2., erw. Aufl.
Schriftenreihe:Edition Suhrkamp
Seiten:471
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch