Zum Einfluss der Manipulation von Hindernissen auf die Bewegungsregulation des Katzensprungs im Parkour
Ziel der vorliegenden Studie war es, zu untersuchen, ob und inwiefern fortgeschrittene Traceure Katzensprünge in unterschiedlichen Hindernisbedingungen in Abhängigkeit von deren Höhe und Anordnung regulieren. Um die Bewegungsregulation der Katzensprünge in den unterschiedlichen Hindernisbedingungen zu ermitteln, wurden jeweils die Absprung-, Stütz- und Landedistanzen sowie die Gesamtsprungdistanz als Summe aus Absprung- und Landedistanz ermittelt. Die Hindernisbedingungen unterschieden sich dabei einzig in Höhe und Anordnung zweier zu überwindender Kästen.
Interessanterweise unterscheidet sich die aufsummierte Sprungdistanz in den drei unterschiedlichen Hindernisbedingungen kaum. Wenn jedoch die Absprung-, Stütz- und Landedistanzen getrennt voneinander betrachtet werden, zeigt sich folgendes Muster: Traceure zeigen im Vergleich zu den beiden Hindernisbedingungen, in denen der vordere Kasten hoch ist (Baseline und vorneHOCH), eine verkürzte Absprungdistanz, wenn der visuelle Hinweisreiz des Hindernisses vorne eine geringere Höhe aufweist. Die Stützdistanz wird durch die Manipulation der Kastenanordnung bestimmt. Im Vergleich zur Baseline-Bedingung mit zwei gleichhohen Kästen verändert sich die Stützdistanz in den beiden anderen Hindernisbedingungen jeweils in Richtung des höheren Kastens. Es kommt zu einer verkürzten Stützdistanz, wenn der vordere Kasten hoch ist und zu einer verlängerten Stützdistanz, wenn der hintere Kasten hoch ist. Die Landedistanzen zeigen systematisch das gleiche Muster: Im Vergleich zur Baseline-Bedingung vergrößern sie sich, wenn das zu überwindende Hindernis hinten hoch ist und verkleinern sich, wenn es hinten tief ist. Demnach zeigen Traceure ein vergleichsweise invariantes Gesamtbewegungsmuster bei der Überwindung eines Hindernisses mit konstanter Hindernistiefe. Dennoch regulieren sie innerhalb des Bewegungsmusters einzelne Phasen in Abhängigkeit der Höhe und Anordnung des zu überwindenden Kastens. Obwohl den Traceuren freigestellt war, welchen Kasten sie zum Handstütz verwenden und der Höhenunterschied für das gewählte Expertiseniveau kaum eine Rolle bei der Wahl des Stützkastens ausmacht (Witfeld et al., 2015), wählten die Traceure systematisch den jeweils höheren Kasten für ihren Handstütz und erzeugten dadurch eine entsprechend veränderte Landedistanz. Dies lässt sich möglichweise darauf zurückführen, dass die Traceure bereits während des Anlaufs visuelle Informationen über die Anordnung des Hindernisses in die Planung und Steuerung des Katzensprungs integrieren und diese visuellen Hinweisreize in der aktuellen Bewegungsregulation umsetzen (Bradshaw, 2004; Heinen et al., 2013). Weiterhin scheinen die Traceure über ein übergeordnetes, invariantes Bewegungsmuster mit hoher Ergebniskonstanz zu verfügen. Dennoch sind sie in der Lage auf variable Umweltbedingungen mit situationsspezifisch angepassten Teilbewegungsmustern zu reagieren und so ihre Bewegungsausführung umweltspezifisch zu regulieren. Demnach kann auch in solchen komplexen Bewegungshandlungen wie dem Katzensprung von einersogenannten übergeordneten Gesamtbewegungskonstanz trotz situationsbedingter Variabilität innerhalb spezifischer Phasen der Gesamtbewegung ausgegangen werden.
Dennoch sollten bei der Interpretation der Ergebnisse folgende Limitationen Beachtung finden. Bei der aktuellen Untersuchung wurde das zu überwindende Hindernis nur mittels Reduktion der Kastenhöhe und Anordnung der Kästen manipuliert. Inwiefern die Ergebnisse dieser Studie bei einer Erhöhung eines der beiden Kästen, der Veränderung der Tiefe des zu überwindenden Hindernisses oder bei einer Kombination aus den beiden genannten Manipulationen auftritt, bleibt spekulativ. Es wird jedoch vermutet, dass die Ergebnisse vergleichbar wären. Zudem wurden einzig fortgeschrittene Traceure auf einem ähnlichen Expertiseniveau untersucht. Ob auch Anfänger bereits in der Lage sind, eine solche hindernisspezifische Bewegungsregulation bei konstanter Bewegungsqualität zu erzielen, könnte in Folgestudien untersucht werden. Des Weiteren zeigt die hier dargestellte Studie einzig die Effekte der Bewegungsregulation in veränderten Absprung-, Stütz- und Landedistanzen. Wo jedoch diese Bewegungsregulation initiiert und gesteuert wird, bzw. welche tatsächlichen visuellen Hinweisreize von den Traceuren wahrgenommen und in die Bewegungsregulation und -steuerung integriert werden, lässt sich nur mittels weiterführender Diagnostik (bspw. ,eye-tracking', komplexe Bewegungsanalyse) ergänzen.
Folgende praktische Implikationen lassen sich aus den Ergebnissen dieser Studie ableiten: Fortgeschrittene Traceure sind in der Lage, einzelne Phasen einer komplizierten Bewegungshandlung wie dem Katzensprung, in Abhängigkeit gegebener Hindernisbedingungen, zu regulieren, ohne das Gesamtbewegungsmuster sichtbar verändern zu müssen. In Folgestudien ließe sich ergänzend dazu explorieren, inwiefern bzw. bis zu welchem Grad dies möglich ist und ab welchem Manipulationsgrad es zu einer Veränderung der übergeordneten Bewegungsstruktur kommt. Weiterhin lässt sich schlussfolgern, dass die Stützposition beim Katzensprung systematisch durch die Höhe eines der zu überwindenden Kästen gesteuert werden kann. Demnach scheint variables Training mittels Veränderung der visuellen Informationsaufnahme und -integration eine starke praktische Wertigkeit zu haben (Bradshaw, 2004). Weiterhin wäre es zukünftig von herausragendem Interesse, zu untersuchen, ob Athleten ebenfalls in der Lage sind, eine entsprechende Bewegungsregulation zu realisieren, wenn sich die visuellen Hinweisreize auch während der Bewegung verändern, sie also beispielsweise Sprünge über sich in Höhe und Anordnung leicht verändernde Hindernisse durchführen.
© Copyright 2017 Vielfalt und Vernetzung im Turnen. Jahrestagung der dvs-Kommission Gerätturnen vom 5.-7. September 2016 in Augsburg. Veröffentlicht von Feldhaus, Ed. Czwalina. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
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| Notationen: | technische Sportarten |
| Tagging: | Parkour |
| Veröffentlicht in: | Vielfalt und Vernetzung im Turnen. Jahrestagung der dvs-Kommission Gerätturnen vom 5.-7. September 2016 in Augsburg |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Hamburg
Feldhaus, Ed. Czwalina
2017
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| Schriftenreihe: | Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, 264 |
| Online-Zugang: | https://www.feldhausverlag.de/shop/EDITION-CZWALINA-Sportwissenschaft/Schriften-der-Deutschen-Vereinigung-fuer-Sportwissenschaft/Vielfalt-und-Vernetzung-im-Turnen::3221.html |
| Seiten: | 17-25 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |