Hart trainiert und doch ganz schwach? Neue Aspekte zum Übertraining

Training ist die unbedingte Voraussetzung der sportlichen Leistungsentwicklung. Die für den sportlichen Erfolg notwendigen Trainingsbelastungen entwickelten sich in den letzten Jahren fortlaufend. Progressiv gesteigerte Trainingsbelastungen führen kumuliert zu Ermüdung, Entlastungsphasen zwischen den Trainingseinheiten und -zyklen führen zu einer Erholung. Bleibt diese Erholung aus oder unvollständig, stört das die Leistungsentwicklung und es kann sogar zu Leistungsverlusten kommen. Dabei müssen beabsichtigte, eher kurzfristige Störungen der Leistung unterschieden werden von langfristigen, ungeplanten und unerklärlichen Leistungsabfällen, die auch als "unexplained underperformance syndrome" (UUPS) bezeichnet werden. Akute Ermüdung ist Folge jedes anstrengenden Trainings. Die geplante Erschöpfung von ein bis mehreren Tagen bis zu einer Woche z. B. während eines Trainingslagers wird als Überziehen oder "overreaching" bezeichnet. Dauert diese Erschöpfung länger an, wird es ungeplantes Überziehen oder "nonfunctional overreaching" genannt. Hält dieser Zustand mehr als etwa 2 Wochen an, wird er als Übertrainingssyndrom oder "overtraining syndrome" bezeichnet. Die Leistungsverluste können bis über 50% betragen und von einigen bis zu mehreren Monaten anhalten. Der Leistungsverlust ist das Hauptsymptom und wird oft begleitet von Müdigkeit, Burnout- und Erschöpfungszeichen sowie Abgeschlagenheit und Schlaflosigkeit. Es kommt oft zu unspezifischen Reizungen der Schleimhäute, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen und gehäuft zu Infekten. Unter Belastung ist die Herzfrequenz erhöht. Bei einem Ergometertest ist die Leistung um 20 % und mehr reduziert, ebenso die Sauerstoffaufnahme. Weiterhin wurden meist die Trainingsumfänge oder -belastungen deutlich reduziert. Es gibt keine spezifischen Laborwerte. Es finden sich Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels mit Insulinresistenz und erniedrigten Laktatspiegel bei Belastung. Das TSH ist deutlich erniedrigt ebenso das Leptin, entsprechend einer Entzündungsreaktion ist Ferritin erhöht, CRP allerdings normal, im Blutbild finden sich häufig erhöhte Monozyten. Bei der Erstdiagnose sollte ein Myokarditis ausgeschlossen werden, ebenso chronische bakterielle und virale Infekte, u. a. Hepatitis A*B, Borreliose, Epstein-Barr-Virus. In einem psychologischen Fragebogen (RESTQ) lassen sich eine gestörte Stress-Erholungsbilanz und Burnout-Beschwerden darstellen. Es gibt eine Vielzahl von Theorien: Diskutiert, aber nie richtig nachgewiesen, wurden Störungen des Glutaminstoffwechsels des Gehirns. Eine Störung der Stress-Erholungsbilanz durch erhöhte Trainingslast, Monotonie und Nicht-Wettkampf-Stressoren findet sich häufig. Eine Kohlenhydratverarmung führt zu hormonellen Störungen, z. B. unter maximalen Belastungsbedingungen zu einem reduzierten Anstieg von adrenokortikotropem Hormon (ACTH) und Wachstumshormon sowie von Cortisol, ebenso eine verminderte nächtliche Katecholaminausscheidung im Urin als Ausdruck einer reduzierten intrinsischen sympathischen Aktivität. Eine modernere immunologisch-molekularbiologische Hypothese beruht darauf, dass die Zytokine, die den Stoffwechsel steuern, ebenso an Immun- und Stressreaktionen beteiligt sind. Hartes Training führt zu akutem Stress und einem Anstieg von Zytokinen, die aber in der Erholung wieder abfallen, eine permanente Erhöhung der Zytokinspiegel führt zu Überstimulation des Immunsystems und erhöhten Entzündungsreaktionen und Erschöpfung.
© Copyright 2010 Rudersymposium 2010. Abstracts. Published by Technische Universität. All rights reserved.

Bibliographic Details
Subjects:
Notations:endurance sports biological and medical sciences
Published in:Rudersymposium 2010. Abstracts
Language:German
Published: Dortmund Technische Universität 2010
Online Access:http://www.hs.tu-dortmund.de/rudersymposium/abstracts/pdf-dateien/1-9-steinacker-hart-trainiert-und-doch-ganz-schwach.pdf
Pages:20
Document types:congress proceedings
Level:advanced