Selektive Klassifizierung von Veränderungen im Muskelsystem. Teil I: Übersicht, Pathogenese und Klassifizierung
Schmerzen im Bereich der Muskulatur treten häufig auf, zeigen doch eine Vielzahl von Beschwerden und Erkrankungen eine primäre oder sekundäre myogene Kausalität. Die Muskulatur unterliegt vielfältigen Einflüssen seitens der von aussen und innen wirkenden Determinanten und kann somit sowohl der Rolle des Opfers als auch des Täters auftreten. Ohne frühzeitige Behandlung besteht das Risiko von chronisch schmerzhaften Veränderungen, und diese gefährden auf Dauer die Integrität des Gesamtsystems. Obwohl jedes Individuum mit einer eigenen biologischen Antwort auf eine Dysfunktion reagiert, ist in Bezug auf die Muskulatur eine gewisse Gesetzmässigkeit bei der Reaktion zu beobachten. Diese Reaktionen sind weitgehend diagnostizierbar sowie differenzierbar und geben somit in der Therapie und im Sport präzise Anhaltspunkte für effektive und erfolgreiche Strategien. Der Begriff «muskuläre Dysbalance» (MDB) ist in den letzten Jahren in der Literatur zunehmend anzutreffen und wird ebenso in der klinisch-orthopädischen Diagnostik verwendet. In der Regel werden dabei Abweichungen zweier gegensätzlicher Muskeln bezüglich Muskellänge und eventuell noch Muskelkraft dargestellt (agonist-antagonist imbalance). Dabei wird zwischen dem festgestellten und einem angenommenen Normwert verglichen. Nun sind jedoch die Vorgänge und Veränderungen im Muskelsystem deutlich zu unterschiedlich, komplex und zu interaktiv, als dass man sie mit der Gegenspieler-Sichtweise ausreichend erklären könnte. Hier sind noch wesentliche topografischfunktionelle Mängel erkennbar, welche weder der systemischen noch der intersystemischen Integrität des Muskelsystems gerecht werden. Mit dem Versuch, muskuläre und muskelsystemische Veränderungen selektiver und aussagekräftiger zu klassifizieren, wird eine differenziertere Diagnostik und Terminologie der befundeten Merkmale notwendig. Daraus resultieren die Hauptbegriffe MDB und muskuläre Dysharmonie (MDH). Sie unterscheiden sich anatomisch-funktionell klar voneinander und werden jeder für sich nochmals durch pathophysiologische Referenzen subdifferenziert. Die Begriffe MDB und MDH reflektieren das Bemühen, arthroneuromuskuläre Aspekte sowohl in ätiologischer, diagnostischer, therapeutischer als auch aus leistungsphysiologischer Sicht stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Artikel beabsichtigt, Veränderungen speziell im Muskelsystem aus ätiologischer und pathogener Sicht differenzierter zu diagnostizieren und sie präziser zu klassifizieren als bisher üblich. In der Konsequenz besteht dann auch die Möglichkeit, diese Abweichungen frühzeitig zu behandeln, indem man sie gezielt korrigiert.
© Copyright 2010 Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie. Rub Media AG. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Veröffentlicht in: | Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
2010
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| Online-Zugang: | http://www.sgsm.ch/ssms_publication/file/386/Muskelsystem_3_10.pdf |
| Jahrgang: | 58 |
| Heft: | 3 |
| Seiten: | 78-84 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch |