Plastizität und Training der sensomotorischen Systeme. Lernen durch Wiederholung ohne Wiederholung

Propriozeptive Trainingsformen haben in der Prävention einen hohen Stellenwert. Dieser Stellenwert beruht in der therapeutischen Praxis auf der häufig vertretenen Modellvorstellung, propriozeptive Trainingseffekte würden einem einfachen kybernetischen Regelkreis entsprechen, d.h. eine verbesserte Propriozeption verbessert eine frühere Wahrnehmung gefährlicher Gelenkstellungen, wodurch die Möglichkeit von kompensatorischen Muskelkontraktionen bestünde. Obwohl sich posttraumatisch zahlreiche propriozeptive Funktionsdefizite feststellen lassen, stellen verschiedene neuere Studien die häufig angenommene enge und quasi exklusive Kausalität zwischen propriozeptiver Erfassung und neuromuskulärer Steuerung in Frage. Da die Integration multimodaler Afferenzen - bedingt durch die meist ballistische Charakteristik von Verletzungen - jeweils innerhalb von kurzen Zeitfenstern erfolgen muss, bestehen hohe Anforderungen an die Informationsverarbeitungsvorgänge. Erkenntnisseüber die neuronalen Zusammenhänge belegen die Interaktion der verschiedenen Sensorsysteme, deren sensorische Variabilität, deren enormen Plastizität und Kapazität der reizverarbeitenden zentralnervösen Areale sowie der motorischen Kompetenzen. Dabei wird offensichtlich, dass spinale, supraspinale und kortikale Zentren eine übergeordnete Position einnehmen, die bei uneingeschränkter Sensorik mit hoher Geschwindigkeit präzise motorische Ergebnisse produzieren. Doch genau diese Geschwindigkeit und Präzision muss durch repetitives Üben stetig erarbeitet und bewahrt werden. Betrachtet man nun aber aufgrund der neuronalen Komplexität die etablierten, etwas habituellen Interventionen, dominieren einerseits Applikationen, die den interaktiven Vorgängen und Zusammenhängen nicht ganz entsprechen oder gelegentlich destruktiv wirken; anderseits scheinen oftmals die hohen technischen, bewegungs- und gelenkübergreifenden Ansprüche und die dermassen determinierten variablen Reizkonfigurationen zu wenig bekannt zu sein. Forschungsergebnisse führen zu Erkenntnissen, dass sensomotorische Trainingsmassnahmen zu neuronalen Anpassungen führen, welche die koordinativen Voraussetzungen zur Kontrolle der bewegten Gelenke verbessern können.
© Copyright 2008 Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie. Rub Media AG. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin Trainingswissenschaft
Veröffentlicht in:Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 2008
Online-Zugang:https://sgsm.ch/fileadmin/user_upload/Zeitschrift/56-2008-4/Plastizitaet_Training_Gisler.pdf
Jahrgang:56
Heft:4
Seiten:137-149
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch