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Zur Belastungsbestimmung im fitnessorientierten Krafttraining - eine explorative Studie zur Methodik

Die regressionsanalytischen Ergebnisse der vorliegenden Arbeit stimmen mit den Ergebnissen anderer Studien zum Zusammenhang zwischen anthropometrischen Parametern und Kraftfähigkeiten insofern überein, als auch hier deutlich wurde, dass eine hinreichend genaue Vorhersage allein auf der Basis leicht zu erfassender anthropometrischer Parameter nicht möglich ist (vgl. Bale et al., 1994; Ball et al., 1995; Cummings & Finn, 1998; Dean et al., 1987; Ghena et al., 1991; Hart et al., 1991; Hortobagyi et al., 1990; Kravitz et al., 2003; Kroll et al., 1990; Mannion et al., 1999; Mayhew, Piper et al., 1993; Simpson et al., 1997; Walsworth et al., 1998; Willardson & Bressel, 2004). Es verbleibt generell ein zu großer Anteil Kriteriumsvarianz, die mit anthropometrischen Prädiktoren nicht aufgeklärt werden kann. Dieser unaufgeklärte Varianzanteil spiegelt die muskel- und neurophysiologischen sowie metabolischen und biomechanischen Einflussfaktoren von Kraftfähigkeiten wider, die einfache anthropometrische Prädiktoren nicht vollständig abbilden können (vgl. de Marées, 2002; Edman, 1994; Felder, 1994; Fürst, 1999; Gollhofer et al., 2003; Gottlob, 2003a; Güllich & Schmidtbleicher, 1999; Häkkinen, 1998; Häkkinen et al., 1996; Hay, 1994; Heinold, 1995; Heyward et al., 1986; Hollmann & Hettinger, 2000; Huijing, 1994; Hultman & Sjöholm, 1986; Kibele, 1995; Komi, 1998; Müller, 1987; Newham, 1988; Pollmann, 1993; Sale, 1994; Tesch, 1994; Tittel & Wutscherk, 1994; Weicker, 1992, 1995; Wiemann et al., 1998; Zatsiorsky, 1996). Ohne die Integration moderner, leider aber auch teurer, zeitaufwändiger und zudem noch diagnostisch schwieriger Analyseverfahren wie die Kernspint- bzw. Computertomographie (Beneke et al., 1990; Schmidt et al., 1990; Schmidtbleicher & Bührle, 1987; Wirth, 2004) oder die Ultraschalldiagnostik (Fröhner & Börnert, 1994; Woltering et al., 1987) zur Quantifizierung der lokalen Muskelmasse als zentrale determinierende Größe, scheint eine exakte Prognose von Kraftfähigkeiten basierend auf anthropometrischen Parametern ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Insofern kann das wissenschaftliche Desiderat nicht darin bestehen, mit den verwendeten Prädiktoren eine (fast) hundertprozentige, exakte Vorhersage einer individuellen Trainingslast zu treffen, sondern lediglich eine möglichst genaue Abschätzung einer auf individuellen Voraussetzungen beruhenden Anfangslast. Diese Anfangslast soll mit Kenntnis der statistischen Streubreite eine schnelle und zuverlässige Ermittlung einer spezifischen Trainingslast ermöglichen. Die Evaluationsstudie ist zumindest für eine muskelaufbauorientierte Last ein hinreichender Beleg für die Zuverlässigkeit dieses Verfahrens, das man als testunabhängige induktive Form der Beanspruchungsermittlung definieren könnte. Zudem unterstreicht die mit zwei unabhängigen Stichproben durchgeführte (statistische) Kreuzvalidierung die Stabilität der ermittelten Regressionsgleichungen sowie die geringe Überschätzung der Vorhersagen. Beim Vergleich zwischen deduktiver und induktiver Belastungsbestimmung auf der Grundlage anthropometrischer Parameter gelingt des Weiteren der Nachweis, dass sich trainingswirksame Lasten effizienter bestimmen lassen, wenn auf das 1RM als Bezugsgröße verzichtet wird. Im Ergebnis wird in der vorliegenden Arbeit ein neuer Ansatz innerhalb induktiver Verfahren zur Belastungsbestimmung verfolgt, wobei sich folgende Vorteile und Ergebnisse subsummieren lassen: (1) Es wurde ein testunabhängiges Verfahren zur Bestimmung einer trainingsrelevanten Last für das Krafttraining entwickelt. Damit kann auf methodisch fragwürdige und orthopädisch bedenkliche Testverfahren verzichtet werden. (2) Auf der Grundlage anthropometrischer Merkmale wird nicht die Maximalkraft (1RM), sondern eine zieladäquate Anfangslast (12RM) vorhergesagt, wodurch die problembehaftete Transferierbarkeit des 1RM in die Wiederholungszahlbereiche entfällt. (3) Eine direkte Vorhersage des 12RM ermöglicht eine bessere Schätzung, als dies auf dem Umweg über das 1RM möglich wäre. (4) Die Vorhersage basiert allein auf leicht zu erfassenden anthropometrischen Parametern und damit auf den individuellen Voraussetzungen des Trainingsanfängers. (5) Die Differenzierung der Vorhersage in Abhängigkeit der Freiheitsgrade von Krafttrainingsübungen manifestiert sich in anthropometrischen Kriterien: Für eingelenkige Übungen erscheint die fettfreie Masse als dominanter Prädiktor. Bei zweigelenkigen Übungen ermöglichen Indizes bzw. Indizes mit fettfreier Masse die beste Vorhersage. Kraftleistungen der mehrgelenkigen Übung Beinpressen werden durch Indizes in Verbindung mit Segmentlängen am besten vorhergesagt. (6) Nach Abschätzung der Anfangslast kann mit einem validen Näherungsverfahren eine hypertrophieorientierte Trainingslast ermittelt werden. (7) Aus deskriptiver Sicht führt die mit diesem Verfahren ermittelte Trainingslast bereits in den ersten Wochen zu deutlichen Kraftsteigerungen und tendenziellen anthropometrischen Veränderungen entsprechend der Zielsetzung des Trainings.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Kraft-Schnellkraft-Sportarten Freizeitsport Trainingswissenschaft
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Saarbrücken Philosophische Fakultäten der Universität des Saarlandes 2007
Online-Zugang:https://publikationen.sulb.uni-saarland.de/handle/20.500.11880/23344;jsessionid=034A1D433AD1131031FC228D988391B1
Dokumentenarten:Dissertation
Level:hoch