Herzfrequenzvariabilität und Sport - Aktueller Stand

Neben dem klinischen Einsatz in der Risikostratifizierung von plötzlichem Herztod und diabetischer autonomer Neuropathie gewinnt die Herzfrequenzvariabilität (HRV) nun auch für die Sportwissenschaft und Sportmedizin zunehmend an Bedeutung. In diesen Feldern wird die HRV derzeit als leistungsdiagnostische Kenngröße, als Kontrollparameter der Beanspruchung und als Steuerparameter der Belastungsintensität untersucht. Aufgrund der großen empirischen Basis kann es als gesichert gelten, dass aerobes Ausdauertraining bei angemessener Intensität und Dauer bei gesunden Personen sowie bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu einem Alter von 70 Jahren einerseits zu einer Reduktion von Ruhe- und submaximaler Belastungsherzfrequenz, andererseits zu einer Zunahme der instantanen und der globalen HRV führt. Diese Veränderungen, die bereits nach einem 3-monatigen regelmäßigen Ausdauertraining moderaten Umfangs und moderater Intensität nachweisbar sind, reflektieren eine Zunahme der autonomen efferenten kardialen Aktivität mit einer Nettozunahme der vagalen Herzfrequenzmodulation. Darin könnte ein prognostischer Nutzen für Personen liegen, die regelmäßig Ausdauersport betreiben. Der Nutzen der HRV als Methode zur individuellen Trainings- und Belastungssteuerung kann jedoch noch nicht abschließend beurteilt werden, da die vorliegenden Ergebnisse an relativ kleinen Kollektiven erhoben wurden und teilweise, aufgrund unterschiedlicher HRV- und Studienmethodik, widersprüchlich sind. Ob und welche HRV-Indizes sich im Hochleistungssport als Marker von Übertrainingszuständen (Overreaching oder Overtraining) eignen, lässt sich derzeit ebenfalls noch nicht abschätzen. Bezüglich des Overreachings gibt es zwar erste vielversprechende Ergebnisse, die jedoch durch größer angelegte kontrollierte Studien validiert werden müssen. Ein grundsätzliches Problem bei HRV-Analysen ist die Nichtstationarität der zugrundeliegenden RR-Zeitreihen, die vor allem die Ergebnisse der Spektralanalyse verzerren können. Dies gilt während sportlicher Betätigung in besonderer Weise. Inwieweit hier robustere, nichtlineare HRV-Methoden die Trainingswissenschaft bereichern können, bleibt abzuwarten.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin
Veröffentlicht in:Herz
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 2006
Online-Zugang:https://doi.org/10.1007/s00059-006-2855-1
Jahrgang:31
Heft:6
Seiten:544-552
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch