Neues Taschenbuch des Sportunterrichts, Bd. 1
Wer Bewegungsfertigkeiten und Bewegungshandeln überzeugend lehren will, muß zuallererst von Bewegung selbst begeistert sein. Die bereits gezielten Bewegungen von Säuglingen, die sich zunehmend ausprägenden Fertigkeiten von Kindern und Jugendlichen, die Höchstleistungen im Spitzensport und im Behindertensport, die Fortschritte durch Bewegungsaktivitäten und Training bei Behinderten, Verletzten, Kranken und alten Menschen üben eine hohe Faszination aus und lassen sogar Bewegungsexperten immer wieder staunen. Bewegungsfertigkeiten sind auch die Grundlage höchster kultureller und künstlerischer Leistungen z. B. in der Malerei, der Bildhauerei, der Musik und dem Tanz. Wer selbst in diesen Bereichen lehrend etwas beitragen will, muß dann aberüber das Staunen zum Wissen gelangen. Begeisterung, Können und Wissen sind wesentliche Voraussetzungen für persönliches und unterrichtliches Können. Um dieses notwendige Wissen zu erlangen, betrachten wir die von der Bewegungslehre und der Bewegungswissenschaft angebotenen Theorien, Forschungsergebnisse und erfahrungsgeleiteten Erkenntnisse für alle, die sich mit dem sich selbstbewegenden Menschen beschäftigen, als grundsätzlich unverzichtbar. Die Komplexität der menschlichen Bewegung aus allen Perspektiven, aus denen sie aus mutterwissenschaftlichen und sportwissenschaftlichen Disziplinen betrachtet wird, und das darauf aufbauende Wissen darzustellen, kann in einem solchen Handbuchbeitrag kaum gelingen. Deshalb haben wir Akzente gesetzt und eine aktuelle Auswahl getroffen, die kurz beschrieben und begründet werden soll. Die Bewegungslehre als genuiner Bestandteil der Theorie der Leibeserziehung bzw. der Körpererziehung (vgl. FETZ 1972; MEINEL 1960) hat immer das Ziel verfolgt, "Ergebnisse der Bewegungsforschung in Gesetze, in Gesetzmäßigkeiten und in Grundsätze (Prinzipien) zu fassen" (HANEBUTH 1968, 40) und für das Unterrichten zu nutzen. Sie war damit von Anbeginn sowohl naturwissenschaftlich als auch sozio-kulturell, pädagogisch orientiert. Mit der Entwicklung von der Theorie der Leibeserziehung / Körpererziehung zur Sportwissenschaft bzw. den Sportwissenschaften war die Entwicklung zu einer eigenständigen Akzentuierung der Bewegungswissenschaft vorgezeichnet (vgl. MECHLING 1984). Der Ausgangspunkt, daß eine Bewegungslehre auch als praxis- und erfahrungsfundierter Wissensbestand bei ihrer Weiterentwicklung auf den Forschungsbeitrag der Bewegungswissenschaft nicht verzichten kann, erklärt gleichzeitig den hier gewählten Titel. Diese bewußt akzentuierende Unterscheidung kennzeichnet auch die innerhalb der sportwissenschaftlichen Disziplin unterschiedliche Sichtweise auf die menschliche Bewegung. Der Versuch, die beiden Problembereiche trennscharf zu beschreiben, führt zu zwei zentralen und charakteristischen Fragerichtungen:
1. Wie können soziokulturell erforderliche, nicht bereits genetisch präformierte, Bewegungsfertigkeiten und Bewegungshandlungen erworben und aus sportpädagogisch- didaktischer Sicht vermittelt werden?
2. Was sind die Voraussetzungen, die Elemente und deren Relationen auf unterschiedlichen Hierarchieebenen, die dazu beitragen, daß menschliche Bewegung zustande kommen kann?
Die beiden eingangs formulierten Fragekomplexe sollen in den Abschnitten 3 und 5 dieses Beitrags, die sich mit der menschlichen Bewegung und den verschiedenen Auffassungen und wissenschaftlichen Zugangsweisen in der Sportwissenschaft beschäftigen, diskutiert bzw. bearbeitet werden. Dabei wird das Zustandekommen der Bewegungskoordination und des Bewegungslernens im weiteren Verlauf im Mittelpunkt der Überlegungen stehen. Die direkt beobachtbaren Außenaspekte der Bewegung werden als"Bewegungsprodukt" von den nicht direkt beobachtbaren Innenaspekten als "motorischen Prozessen" unterschieden. Auf die motorische Entwicklung wird nicht ausdrücklich eingegangen. Sowohl für die praktische Beschreibung als auch die theoretische Auseinandersetzung mit der menschlichen Bewegung ist es notwendig, ein bewegungsbezogenes Kriteriensystem zu schaffen. Dies geschieht im 4. Abschnitt. Nur mit einem solchen System ist man in der Lage, sein eigenes Bewegungserleben adäquat beschreiben zu können, in Lehr-Lern-Situationen eindeutig beobachten, beurteilen, vergleichen, einordnen und entscheiden zu können. Dies gilt zunächst weitgehend unabhängig davon, aus welcher theoretischen oder disziplinspezifischen Sichtweise Beobachtungen und Beschreibungen vorgenommen werden. So wenig, wie unser Bewegungshandeln unorganisiert abläuft, so wenig dürfen diese allgemeinen Kriterien für einen beschreibenden Grundkonsens beliebig oder zufällig sein, wenn ein Mindestmaß an Verständigung über Bewegungshandlung zustande kommen soll. Daher werden in diesem Abschnitt die am beobachtbaren Bewegungsablauf bzw. dem Bewegungsergebnis orientierten Ansätze der phänomenologisch-morphologischen, funktionalen und strukturell-funktionalen Vorgehensweise beschrieben. Bereits vorwissenschaftlich "naive", aber insbesondere die vorgeschlagenen wissenschaftlich-methodischen Beschreibungen führen bei der Frage nach den Ursachen des Zustandekommens der Bewegung zu weiterem Erklärungsbedarf und zu den diese Erklärung stützenden theoretischen Ansätzen Ergänzend zum Bereich der produktorientierten Ansätze wird der in den letzten Jahren weiterentwickelte, fähigkeitsorientierte Ansatz im Überblick vorgestellt. Hinsichtlich der Einbeziehung der theoretischen Erkenntnisse und Überlegungen in die Sportpraxis erweist sich dieser seit vielen Jahren diskutierte Ansatz als theoretisch und praktisch nach wie vor tragfähig (vgl. HIRTZ et al. 1985; HOSSNER 1997; NEUMAIER / MECHLING 1995; ROTH 1998). Bei seiner Darstellung wurden Akzente sowohl auf die praktischen Implikationen wie auch auf den aktuellen Entwicklungsstand gesetzt. Der für Tätigkeiten in Unterrichts- oder Trainingssituationen erforderliche Wissensbestand hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Neue Erkenntnisse auf der Basis der technologisch-methodologischen Entwicklung und der mutterwissenschaftlichen Grundlagenforschung haben in besonderem Maße dazu beigetragen. So wurde eine Reihe von theoretischen Ansätzen unterschiedlicher Komplexität zur Erklärung der Steuerung und Kontrolle des Bewegungsablaufes und zum motorischen Lernen entwickelt. Ihr Einfluß auf die aktuelle bewegungswissenschaftliche Forschung in der Sportwissenschaft war und ist nach wie vor erheblich, auch wenn ihre Integration in die Lehre noch defizitär ist. Diese Ansätze werden kursorisch in Abschnitt 5 beschrieben. Das geschieht durchaus in dem Bewußtsein, daß eine direkte Umsetzung der vorliegenden Ergebnisse in die sportliche Praxis nicht unmittelbar möglich sein wird.
© Copyright 1999 Veröffentlicht von Schneider Verlag Hohengehren. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Trainingswissenschaft Naturwissenschaften und Technik |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Baltmannsweiler
Schneider Verlag Hohengehren
1999
|
| Online-Zugang: | http://www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?FId=544787 |
| Seiten: | 45-78 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |