Entwicklungstendenzen der Trainings- und Wettkampfsysteme in den Ausdauersportarten mit Folgerungen für den Olympiazyklus 1996 - 2000
Die Erhöhung der Trainingswirksamkeit in den Ausdauersportarten muß sich im Olympiazyklus 1996 - 2000 auf folgende Schwerpunkte konzentrieren:
(1) Sicherung eines engen Leistungsstrukturbezuges des Trainings, damit die konkreten Anforderungen des Wettkampfes durch die Trainingsstruktur abgedeckt werden können. Im Mittelpunkt sollten die vom Leistungstrend und der Wettkampfstruktur abgeleitete inhaltliche Struktur und methodische Gestaltung des Trainings stehen und den Maßstab für die Bestimmung der Trainingsdimensionen bilden. Die logische Kette - disziplinspezifische Bestimmung des Prognosetrends, jährlich zu erreichende Prognosegeschwindigkeit, Bestimmung der makro- und mikrozyklischen Ziel- und Steuergröße - ist anzuwenden. Für die Fähigkeitsentwicklung sind Geschwindigkeit, Frequenz, Vortrieb u.a. wichtige Orientierungsgrößen. Das Einbeziehen von spezifischen Merkmalen des Hauptwettkampfes in den ganzjährigen Trainingsprozeß sichert eine leistungsstrukturorientierte Wettkampfvorbereitung.
(2) Erhöhung der Leistungswirksamkeit des Jahres- und Mehrjahresaufbaus unter Berücksichtigung der individuell realisierten Belastungsdimensionen. Damit im Zusammenhang steht die Notwendigkeit einer individuell optimierten zyklischen Gestaltung, die die Bewältigung hoher und höchster Belastungen und darauf abgestimmte Regenerationsmaßnahmen zuläßt. Mit den Formen der zyklischen Gestaltung lassen sich hohe und höchste Trainingsbelastungen mit optimalen Wiederherstellungsphasen in unterschiedlich langen Zeiträumen sowie Akzentuierungen in der Entwicklung bestimmter Fähigkeiten und Fertigkeiten in einzelnen Zyklen realisieren.
Voraussetzung dafür ist die Integration der neuen Elemente der erforderlichen Leistungsstruktur in das Kennziffernsystem. Es ist ein notwendiges Maß an Trainingseinheiten, Trainingskilometern bzw. Trainingsstunden pro Woche mit stärkeren Differenzierungen zwischen Belastungs- und Regenerationszyklen umzusetzen. Neben der Zunahme der Disziplinspezifik im Jahresaufbau wirken die Akzentsetzungen in den Etappen, die auf der Grundlage einer standardisierten zyklischen Gestaltung und einer systematischen Reihenfolge der Trainingsschwerpunkte erfolgen sollten, leistungsfördernd. Ausgehend von der Jahresplanung sollte es gelingen, auf der Grundlage von mehrfachen Trainingslehrgängen in Folge Gipfelbelastungen zu setzen, die mit anschließenden Regenerationsphasen kompensiert werden undAnpassungen auf höherem Niveau bewirken können.
(3) Weitere Steigerung der Wirksamkeit des Grundlagenausdauer- und Kraftausdauertrainings in Verbindung mit hoher motorischer Variabilität und technischen Erfordernissen bei gezielter Nutzung des Höhentrainings, um ein hohes Leistungsniveau besser abzusichern. Das wird vor allem durch die Sicherung eines disziplinspezifisch hohen, weiter steigenden Umfangs und der Wirksamkeit im Kraftausdauertraining sowie im aerob/anaeroben Grundlagenausdauertraining erreicht. Sportart- und disziplinspezifische Proportionen zwischen GA1-, GA2- und WA-Belastungen sind einzuhalten. Eng verbunden damit ist die Steigerung der Qualität des aeroben und aerob/anaeroben Grundlagenausdauertrainings (Geschwindigkeits- und Streckenlängenentwicklung, engerer Bezug zu den bewegungstechnischen Erfordernissen bzw. notwendigen Widerstandsanforderungen). Die systematische Steigerung der Belastungswirkung im Jahresverlauf durch quantitative und qualitative Veränderungen in den Trainingseinheiten (Widerstand, Streckenmittel) gehört ebenso zu einem optimierten Jahresaufbau, wie die dynamische Erhöhung des Anteils des Trainings im aerob-anaeroben Übergangsbereich (GA2).
(4) Sicherung eines systematischen, ganzjährigen Trainings der Zielgeschwindigkeiten auf der Grundlage der disziplinspezifischen Schnelligkeitsausdauerentwicklung. Der Hauptakzent sollte auf der Ausprägung der Leistungsvoraussetzungen für die Bewältigung der Startabschnitte sowie für Zwischen- und Endspurts liegen.
(5) Erhöhung der Wirksamkeit der Phase der wettkampfspezifischen Vorbereitung und Gestaltung der Wettkampfabschnitte einschließlich der Phase der unmittelbaren Vorbereitung auf den Hauptwettkampf, insbesondere durch gezielte Nutzung der Wettkämpfe (Aufbauwettkämpfe) und Zwischenwettkampfphasen zur Ausprägung eines hohen Leistungsniveaus und gleichzeitiger Stabilisierung der aeroben Ausdauer.
(6) Deutliche Differenzierung von hohen Belastungen und aufgabenbezogener Regeneration in den Mikro- und Mesozyklen unter gezielter Anwendung der Erkenntnisse leistungsfördernder Ernährungs- und prophylaktischer Maßnahmen. Die Gestaltung von Belastung und Erholung vor allem im Mikrozyklus ist eine zu planende Größe, da ihr Verhältnis über Anpassung, Fehlanpassung oder Übertraining maßgeblich entscheidet.
(7) Die Erhöhung der Belastbarkeit des Gesamtorganismus, vorwiegend durch Trainingsformen anderer Ausdauersportarten (Ausnutzung von Transformationseffekten) vor allem in den ersten Trainingsabschnitten des Jahresaufbaus, um in Folge höchste spezifische Belastungen verarbeiten zu können. Das umfaßt gleichzeitig einen gezielten Reizwechsel, eine Vergrößerung des Anpassungsspielraums, prophylaktische Effekte und eine Verminderung des Verletzungsrisikos.
(8) Der Maßstab für ein erfolgreiches Training ist eine Leistungs(Geschwindigkeits)orientierung im täglichem Training. Eine effektive Kombination von leistungsdiagno-stischen Verfahren in der mikrozyklischen Trainingsgestaltung und Laboruntersuchungen an markanten Eckpunkten des Jahresleistungsaufbaus unterstützt die Trainings-steuerung im Jahresaufbau. Voraussetzung ist ein standardisiertes Training ohne Einschränkung aber auch ohne Überbetonung der Individualität.
(9) Die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Prozeßbegleitung durch die sportart-spezifische Leistungsdiagnostik, Wettkampfanalyse, Trainingsanalyse und Trainings-beratung zu trainingsmethodisch relevanten Eckpunkten des Jahresaufbaues muß konsequent genutzt und als Trainer-Berater-System weiterentwickelt werden.
© Copyright 1996 Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft. Meyer & Meyer Verlag. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Ausdauersportarten |
| Veröffentlicht in: | Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Aachen
1996
|
| Online-Zugang: | https://open-archive.sport-iat.de/sponet/178349.pdf |
| Jahrgang: | 3 |
| Heft: | 2 |
| Seiten: | 64-86 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch |