Höhentraining in den Ausdauersportarten - Aspekte zu Forschungs- und trainingsmethodischen Fragen

Seit den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City in 2240 m Höhe ist bekannt, daß die Ausdauerwettkampfleistungen über 2 min. Dauer um 3 bis 8% abnehmen. Die größten Leistungseinbußen erfolgten bei den längsten Distanzen (Marathonlauf). Die Hauptursache für die Verringerung der Leistungen war der Entwicklungsstand der aeroben Leistungsgrundlagen. Die vor und nach den Wettkämpfen in Mexiko City durchgeführten internationalen Höhenforschungen befaßten sich mit leistungsphysiologischen Details und erfaßten kaum den Kern des trainingsmethodischen Anliegens. Das wissenschaftliche Vorgehen der ehemaligen sowjetischen Wissenschaftler wich von der internationalen Forschung ab und war primär sportmethodisch ausgelegt. Die Anfang der siebziger Jahre erarbeiteten Erkenntnisse in der damaligen Sowjetunion wurden aufmerksam von der Forschung am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) Leipzig verfolgt. Da die Mittel (Devisen) für das Höhentraining aller Kaderathleten nicht ausreichten, wurde als Ersatzvariante die Unterdruckkammer Kienbaum Ende der siebziger Jahre gebaut. In der Unterdruckkammer konnten Höhen bis 4000 m simuliert werden. Das Höhentraining hatte sich als eine Form des qualitativ höherwertigen Ausdauertrainings herausgestellt und wurde so in die Trainingskonzepte der Ausdauersportarten eingeordnet. Als effektiv haben sich mehrmalige Höhenaufenthalte von 3 Wochen Dauer erwiesen, diese wurden trainingsmethodisch als ,Höhenketten" bezeichnet. Alle erfolgreichen Sportverbände in den Ausdauersportarten der DDR führten ein Höhentraining kurz vor dem Leistungshöhepunkt durch und ordneten dieses in das Konzept der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung (UWV) ein. Der Beweis für den Nutzen des Höhentrainings wurde in den Sportarten Lauf, Gehen, Radsport, Rudern, Schwimmen, Kanu, Eisschnellauf und Skilanglauf durch Spitzenleistungen oder individuelle Bestleistungenüber mehrere Jahre genau zu den Leistungshöhepunkten erbracht. Zusammenfassend lassen sich zum Nutzen des Höhentrainings folgende Erkenntnisse (Thesen) formulieren: 1. Das Höhentraining ist ein international langjährig erprobtes Mittel zur Vorbereitung der Sportler auf Wettkämpfe in mittleren Höhen sowie zur Steigerung der Leistungsfähigkeit unter Flachlandbedingungen. Es stellt zugleich für einige Sportarten eine Möglichkeit dar, die Chancengleichheit im Wettkampf, vor allem gegenüber den in der Höhe lebenden und trainierenden afrikanischen und lateinamerikanischen Sportlern, zu wahren. 2. Das Höhentraining stellt eine Leistungsreserve dar, weil es die Trainingsreize über die normalen trainingsmethodisch erschließbaren Möglichkeiten steigern und nachhaltige Anpassungen im Organismus, besonders im Niveau der aeroben und aerob-anaeroben Ausdauerfähigkeiten, auslösen kann. 3. Die bei optimaler Trainingsbelastung und -gestaltung ausgelösten Anpassungen führen bei Rückkehr ins Flachland nach einer Transformationszeit von > 10 Tage hauptsächlich zu folgenden Ergebnissen: · einer Verbesserung der Geschwindigkeit unter aeroben und aerob-anaeroben Bedingungen (Testergebnisse aerobe und anaerobe Schwelle); · einer Ökonomisierung der aerob-anaeroben Stoffwechselprozesse auf gleicher und höherer Geschwindigkeitsstufe (Testergebnisse bei Geschwindigkeiten zwischen 85 % und 95 % des Renntempos des Wettkampfes); · einer Vergrößerung des Vortriebes im Bewegungszyklus und seiner Stabilität über die Distanz bei Geschwindigkeiten von mehr als 90 % des Renntempos; · einer auch subjektiv empfundenen höheren Belastungsverträglichkeit mit Reserven im Steigerungsvermögen in entscheidenden Wettkampfphasen. 4. Diese durch das Höhentraining bewirkten Anpassungen des Organismus werden damit zu einer Art ,Vorhalteanpassung" bzw. ,Anpassungsüberschuß" im Flachland. Sie bilden die Hauptursache für ein zeitlich begrenztes höheres psycho-physisches Leistungsniveau und eine höhere Belastungsverträglichkeit. Im konkreten können sie · eine Steigerung des Niveaus und die Stabilisierung der Grundlagenausdauer und Kraftausdauer fördern; · bessere Bedingungen für die Verträglichkeit und Bewältigung wettkampfspezifischer Belastungen schaffen; · einen günstigen Wiederherstellungsverlauf bei mehreren Wettkämpfen/ wettkampfspezifischen Belastungen in dichter Folge bewirken und damit auch · die wettkampfspezifische Leistungsfähigkeit steigern. Was den Nutzen des Höhentrainings betrifft, kommen wir aufgrund der vorher genannten Regeln zu folgendem Fazit: In den Ausdauersportarten ist das Höhentraining seit Jahren fester Trainingsbestandteil im Hochleistungsbereich. Die Grundlagen für den Einsatz des Höhentrainings beruhen auf langjährigen wissenschaftlichen Arbeiten. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden mit Spitzenathleten (Nationalmannschaften) und auf der Grundlage leistungswirksamer Trainingskonzepte unter natürlicher und künstlicher Hypoxie gewonnen. Unter Einbeziehung der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen und praktischer Erfahrungen (individuelle Bestlösungen) kann man folgendes feststellen: Das Höhentraining kann, wenn es immanenter Bestandteil eines bewährten Trainingskonzepts ist, entwicklungswirksame Trainingsreize über die trainingsmethodisch erschließbaren Möglichkeiten hinaus auslösen und damit eine Leistungsreserve darstellen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin Ausdauersportarten
Veröffentlicht in:Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Aachen 1996
Online-Zugang:https://open-archive.sport-iat.de/sponet/178088.pdf
Jahrgang:3
Heft:1
Seiten:127-137
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch