Dehnung - ist ein Paradigmenwechsel notwendig?
Einführung
Bei Versuchen zur Dehnfähigkeit wird deshalb fast ausschließlich die Kniebeugemuskulatur untersucht, da man hier von einer muskulären Begrenzung der Gelenkreichweite. Unsere Untersuchungen und theoretischen Überlegungen lassen an der Sichtweise, die Gelenkreichweite sei bei dieser Testbewegung ausschließlich muskulär begrenzt, begründete Zweifel aufkommen.
Methodik - Versuchsanordnung
Im Rahmen einer umfangreichen Studie über die Wirksamkeit verschiedener Stretchingtechniken untersuchten wir zwanzig Kontrollpersonen, zwanzig am Kniegelenk verletzte Patienten und dreiundfünfzig Hockeyspieler der Bundesliga. Eine aktive Isokinetik Meßstation (Cybex Norm) wurde mit einem EMG Verstärker (Noraxon Myosystem 2000) gekoppelt. Der Proband saß auf der Meßstation mit einem standardisierten Hüftbeugewinkel von 120 Grad. Rumpf, Becken und Oberschenkel des Probanden wurden durch Gurte fixiert, der Unterschenkel mit dem Hebel der Isokinetik-Station in Knöchelhöhe verbunden. Nach Überprüfung der korrekten Fixierung und nach Durchführung einer Schwerkraftkorrektur bewegte sich der Hebel nach Start der Messung mit einer Winkelgeschwindigkeit von 1o/sek. nach oben und streckte das Bein zunehmend im Kniegelenk. Der Proband hatte einen Notstoppschalter in der Hand. Der Stopp der Bewegung sollte vom Probanden dann ausgelöst werden, wenn das Dehnungsgefühl (Schmerz) für ihn unerträglich wurde. Während der Dehnungen wurden folgende Parameter erhoben: Schmerz (Skalierte Intensität, Schmerzbeginn), Schwerkraftkorrigierte Drehmomentwerte, Kniegelenkwinkel, EMG (oberflächliche bipolare Ableitung nach MVC normalisiert, Abtastrate 1000 Hz) des M. rectus femoris, M. biceps femoris, M. semitendinosus/M. semimembranosus, M. tibialis anterior und M. gastrocnemius.
Ergebnisse und Diskussion
In der typischen biomechanischen Anordnung von Dehnungsversuchen - wie sie auch bei uns verwendet wurde - kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Dehnungen von Nervengewebe. Über das mechanische Dehnungsverhalten neuraler Strukturen ist bisher nur wenig bekannt. Die mit Dehnung des Muskel-Nervensystems einhergehende tonische Aktivierung der Muskulatur weist auf eine unwillkürliche, möglicherweise mechanisch induzierten Aktivierung hin. Das Muster der elektrischen Aktivierung ist dabei nicht - wie bei Schmerzen (Reflexen) und willkürlichen Aktivierungen typisch - phasisch, sondern gleichmäßig und tonisch. Bei der Frequenz - Spektrumsanalyse fällt auf, daß sich bei hohem Energiegehalt (Power density) ein breitbandiges Rauschen zeigt. Das Rauschen in der Spektralanalyse deutet ebenfalls darauf hin, daß keine Willkürkontraktion vorliegt. Zum jetzigen Zeitpunkt sind durch die neuen Erkenntnisse die bisherigen, weitgehend monokausalen Annahmen und Grundlagen des Dehnens in Therapie und Sport in Frage gestellt. Wir sind der Auffassung, daß in einer großen Zahl der Versuche mit der dargestellten biomechanischen Meßanordnung Dehnungen des N. ischiadicus bewirkt werden.
© Copyright 1998 Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Naturwissenschaften und Technik Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
1998
|
| Online-Zugang: | http://www.tu-darmstadt.de/fb/fb3/sport/veranst/bei/freiwald.htm |
| Dokumentenarten: | Kongressband, Tagungsbericht |
| Level: | hoch |