Aktuelle Marker für die Diagnostik von Überlastungsschäden in der Trainingspraxis

Die Diagnose eines Übertrainingssyndroms (UeTS) basiert in der Trainingspraxis auf der Objektivierung eines länger dauernden Abfalls der sportartspezifischen Leistung mit mehr oder weniger ausgeprägten Befindlichkeitsstörungen nach Ausschluss einer organischen Erkrankung. Im Ergometrielabor zeigen übertrainierte Ausdauersportler eine beeinträchtigte anaerob-Iaktazide Leistung und eine schnellere Erschöpfung bei hochintensiven Ausdauerbelastungen, waehrend sowohl der submaximale Verlauf der Laktatleistungsrelation einschliesslich der hieraus resultierenden anaeroben Schwellen als auch die anaerob-alaktazide Leistung keine wesentlichen Veränderungen zeigen. Der in mehreren Studien berichtete Abfall der maximalen Herzfrequenz fällt nur gering aus. Ein erniedrigter respiratorischer Quotient in Ruhe und unter Belastung erscheint diagnostisch verwertbar, ist jedoch bisher noch unzureichend belegt. Die systematische Erfassung der aktuellen Befindlichkeit anhand standardisierter Fragebögen hat sich in Übertrainingsstudien als empfindliches diagnostisches Kriterium erwiesen. Regelmässige Messungen von Substraten und Enzymen (beispielsweise Harnstoff, Harnsäure, Ammoniak, Kreatinkinase-Aktivität) im Blut unter standardisierten Bedingungen dienen in erster Linie der Erfassung von akut die Belastbarkeit beeinträchtigenden Situationen, ohne jedoch zuverlässig ein UeTS anzuzeigen. Im UeTS beschriebene reduzierte belastungsinduzierte und Releasing-Hormon-stimulierte Anstiege hypophysärer Hormone und freier Plasmakatecholamine sind derzeit aus methodischen Gründen kaum in der routinemässigen Trainingssteuerung einsetzbar. Das Verhalten anabol zu katabol wirkender Hormone, wie (freies) Testosteron zu Cortisol, scheint im Sinne einer "hormonellen Trainingssteuerung" einen Indikator für die physiologische Beanspruchung im Training darzustellen, zeigt aber im UeTS ebenfalls meist keine Auffälligkeiten. Hinsichtlich der Veränderungen immunologischer Parameter existieren Hinweise auf reduzierte Glutaminspiegel bei übertrainierten Sportlern, die Spezifizität dieses Befundes ist allerdings noch ungewiss. Die Anwendung eines einzelnen Parameters als diagnostisches Mittel ist aufgrund der multifaktoriellen Genese und der unterschiedlichen Ausprägungsformen des UeTS prinzipiell problematisch.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin
Veröffentlicht in:Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 2000
Online-Zugang:https://www.germanjournalsportsmedicine.com/fileadmin/content/archiv2000/heft07_08/a01_07800.pdf
Jahrgang:51
Heft:7+8
Seiten:226-233
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch