Motorische Entwicklung
Der Erkenntnisgewinn bzw. das Erstellen von falsifizierbaren Theorien wird als Hauptaufgabe der Wissenschaft gekennzeichnet. Doch diese "Erkenntnis beginnt nicht mit Wahrnehmungen oder Beobachtungen oder der Sammlung von Daten oder von Tatsachen, sondern sie beginnt mit Problemen. Kein Wissen ohne Problem - aber auch kein Problem ohne Wissen" (Popper 1984, 80). Wobei das Erkennen eines Problems das erkenntnisleitende Interesse umschreibt: Warum wurde dieses und nicht ein anderes Problem ausgewählt? Die motorische Entwicklung des Menschen ist fester Bestandteil des induktiven Alltagswissens und kennzeichnet als sportmotorische Entwicklung einen "Kernbereich" (Baur/Bös/Singer 1994, 7) der Sportwissenschaft. Die Gesamtheit aller Steuerungs- und Funktionsprozesse, die der Haltung und der Bewegung zugrundeliegen, wird als Problemfeld der Motorik von Bös/Mechling (1992, 319ff) definiert. Dadurch werden die Bewegung und Haltung als Außenaspekt von der Motorik abgegrenzt. Damit führt die Betrachtung der Ortsveränderung einer Masse in Raum und Zeit sowie ihre Resultate und Effekte nicht zu Überschneidungsbereichen von Motorik und Bewegung. Nach Bös/Mechling (1992, 321) sollen Veränderungen der Bewegungshandlung und Bewegungsleistungen, die innerhalb der motorischen Entwicklung feststellbar sind, Gegenstandsbereich einer Bewegungsentwicklung sein. Röthig (1994, 141) bezeichnet Entwicklung als ein durch endogene und/oder exogene Einflüsse hervorgerufenen Prozeß von Veränderungen der psychischen und physischen Dispositionen, der auf einen Endzustand bezogen ist. Nach Bös/Singer (1994, 17) muß aber der Kritik an einem Endzustand einer Entwicklung nachgegeben werden, da nach Montada (1987, 66ff) ein genereller Fortschritt auf ein Endniveau nicht für die Population angegeben werden kann. Sie sehen von einer Definition für Entwicklung ab und bezeichnen die motorische Entwicklung als lebensaltersbezogene Veränderungen der Steuerungs- und Funktionsprozesse, die der
Haltung und Bewegung zugrundeliegen. Die Darstellung der Ergebnisse der sportwissenschaftlichen Disziplinen zum Untersuchungsgegenstand motorische Entwicklung werden zum größten Teil in Form von deskriptiven Verlaufskurven dargestellt. Arbeiten, die sich mit statistisch abgesicherten Ergebnissen in die "dünnen Schichten der Forschung" (Baur/Bös/Singer 1994,
7) wagen, sind selten. Innerhalb des empirisch-analytischen Ansatzes der Motorik wird der Leistungszustand bzw. Ausprägungsgrad über Fähigkeiten, Eigenschaften, Dispositionen, Persönlichtkeitsdimensionen oder Fertigkeiten beschrieben (Roth 1983,53). Dabei werden nicht direkt beobachtbare Prozesse über Konstrukte gemessen, die auf die dahinter stehende Fähigkeit schließen lassen.
Die Beschreibung und Erklärung technomotorischer Lösungsverfahren stützt sich auf die Erhebungsmethoden der Wissenschaftsdisziplin Biomechanik des Sports. Teilaufgabe des formulierten Untersuchungszieles der Technikanalyse (Ballreich/Baumann 1988, 14) ist es, mit quantitativen Bewegungsmerkmalen und deren deduktive Beziehung zur Zielgröße eine indeterministische Schätzung der Einflußhöhe von biomechanischen Einflußgrößen auf die sportmotorische Technik vorzunehmen. So kann über diesen Zusammenhang Aufschluß über die anzusteuernde Technik und deren altersabhängige Lösungsverfahren gegeben werden. Somit wäre die Biomechanik in der Lage einen Beitrag zur Bewegungsentwicklung innerhalb der motorischen Entwicklung zu leisten. Unidisziplinäre Arbeiten in diesem Bereich sind nur sehr schwer auszumachen und Angaben finden sich nur verstreut als Beispiele innerhalb empirisch-analytischer Ansätze. Um dem Postulat der Interdisziplinarität gerecht zu werden, wäre eine nur biomechanische Betrachtung mit ihrer Inkompatibilität zur empirisch-analytischen Betrachtungsweise zu wenig. Daher soll in dieser Arbeit der Versuch unternommen werden Schnittstellen aufzudecken, die zwischen dem technomotorischen Leistungszustand und den dazugehörenden speziellen Fähigkeitsausprägungen bestehen. Diese Fähigkeiten werden mit sportmethodischen Tests erhoben. Die Auswahl der zu untersuchenden Disziplin wurde von dem Gedanken geleitet, daß elementare motorische Fertigkeiten (Lütgeharm 1977, 3) über ein spezielles koordinatives Anspruchsniveau verbunden sind. Ausgehend von den Fertigkeiten Laufen und Springen, die in kombinierter Form in der leichtathletischen Disziplin Weitsprung ihre Anwendung finden, sollen die in der einschlägigen Literatur vorgeschlagenen sportmethodischen Tests als Prüfverfahren eingesetzt werden. Der Weitsprung eignet sich, da er "hohe Anforderungen an konditionelle Fähigkeiten (Bsp.: lokomotorische Schnelligkeit, Sprungkraft) und ihren koordinativen Einsatz in
enger Verbindung mit dem notwendigen Ausbildungsgrad von Fertigkeiten im Anlauf, Absprung, in der Flug und Landephase" (Crasselt/Forchel/Stemmler 1985, 99) stellt. Eine weitere die Auswahl unterstützende Begründung findet sich in der reichen Auswahl an biomechanischer Literatur zum Weitsprung im Hochleistungsbereich und der oft kompromißlosen Anwendung im Schüler- und Jugendtraining.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Trainingswissenschaft Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Sprache: | Deutsch |
| Online-Zugang: | http://www.sport.uni-mainz.de/Ronald/ronfo.htm#mot |
| Dokumentenarten: | Forschungsergebnis |
| Level: | hoch |