Testspezifität bei der Motodiagnostik - Ein kritischer Vergleich von ABALAKOW- und Jump-and-reach-Test

Die Ergebnisse bestätigen zunächst Banalität der Ausgangsfrage, allerdings nur, wenn man die Bedeutung der Technik bzw. der Koordination für zwei durchaus ähnliche motorische Sprungtests adäquat berücksichtigt. Sie bestätigen ferner die Binsenweisheit, daß Korrelationskoeffizienten nur für die jeweilige Stichprobe gelten, was häufig im Umgang mit diesem Koeffizienten vergessen wird. Es soll zwar nicht bestritten werden, daß, physikalisch gesehen, eine vertikal nach oben beschleunigende Kraft vorhanden ist - doch das ist bei einem vertikalen Sprung banal. Physiologisch entscheidend ist, daß diese Kraft von einer Muskelkette erzeugt wird und somit die Art des Bewegungsablaufs eine große Rolle spielen muß. Geht man hypothetisch von einer Gruppe mit Individuen einer einheitlichen "Sprungkraft" aus, dann wären interindividuelle Unterschiede der Sprunghöhe ein Maß für die Güte der Koordination: ABALAKOW und Jumpand- reach-Test wären dann ein Sprungkoordinations-Test und kein Sprungkraft-Test! Es ist somit auch eine Frage der Brille des Beobachters, was er sieht. Sucht er krampfhaft nach der Sprungkraft als "gemeinsame Substanz eines homogenen Konstrukts" im Verbund der sogenannten motorischen Grundeigenschaften, dann findet er sie auch als biomechanische Notwendigkeit. Die Sprungkraft ist jedoch aufgrund der Komplexität der Motorik allein nicht hinreichend. Wohin dies führt, zeigen die erheblichen Überschneidungsbereiche für die Sprunghöhen von Sportstudierenden und Volleyballspielern oberer Ligen (Tab. 2). Bei gleichzeitiger Betrachtung dieser beiden Extremgruppen befand sich mindestens die Hälfte beider Gruppen in einem gemeinsamen Überschneidungsbereich, in 4 von 8 Vergleichskonstellationen sogar mehr als 80%. Woher soll man dann die Hoffnung nehmen, daß die spielspezifische Sprunghöhe weniger Überschneidungen aufweist bzw. besser mit dem Jump-and-reach-Test- Ergebnis korreliert? Fazit: Kräfte sind in Newton und nicht in Zentimetern zu messen. Allein schon deshalb können Sprunghöhen in Zentimetern nicht einfach in Sprungkräfte umgerechnet oder auf diese geschlossen werden. Die vertikale Sprungkraft ist physikalisch eine Banalität, sportmotorisch jedoch ein abstraktes Konstrukt, das dann zur Fata Morgana wird, wenn man sie, wie hier gezeigt, messen will. Sie kann eben nur mit großem Vorbehalt aus der Sprunghöhe abgeschätzt werden. Stets ist als wesentliche Einflußgröße auch die motorische Komponente zu berücksichtigen und selbst beide zusammen dürften noch nicht hinreichend für das Testergebnis sein; man denke nur an den Einfluß der Motivation.
© Copyright 1998 Sport Kinetics 97. Theories of Human Motor Performance and their Reflections in Practice. Vol 1: Lectures. Veröffentlicht von Czwalina. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft
Veröffentlicht in:Sport Kinetics 97. Theories of Human Motor Performance and their Reflections in Practice. Vol 1: Lectures
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hamburg Czwalina 1998
Schriftenreihe:Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, 97
Seiten:131-134
Dokumentenarten:Artikel
Level:mittel