Massagerollen - Segen oder Fluch?

Faszien sind in den letzten Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit und Forschung gerückt (Findley et al., 2012; Schleip et al., 2014; Schleip et al., 2012). Schleip et al. (2014, p. VII) definieren einen weit gefassten Faszienbegriff als "die Weichgewebeanteile des den menschlichen Körper durchziehende Binde- und Stützgewebeapparats". Das Fasziengewebe bildet ein durchgängiges Netzwerk und besitzt eine wichtige Bedeutung sowohl für Gesundheit als auch Krankheit (Schleip et al., 2014). Bildlich gesprochen, fügt das Fasziengewebe die Teile des Körpers zu einem Ganzen zusammen. Hierbei wird jede Struktur, darunter Organe und Muskeln, von den Faszien umhüllt und eingebunden (Schleip et al., 2012). Grundsätzlich unterscheidet man drei Faszienstrukturen: Die oberflächige Faszie bildet eine subkutan gelegene Bindegewebsschicht aus Kollagen, Fett sowie Fasern, die zusammen mit der Haut ein schützendes Polster für das Gerüst des Bewegungsapparates darstellt (Langevin & Huijing, 2009). Die tiefliegende Faszie formt die Hülle für Nerven und Gefäße, sowie verschiedene Organe und Drüsen (Langevin & Huijing, 2009). Die Muskelfaszie wird durch eine kontinuierliche und dreidimensionale Matrix gebildet, welche die gesamte Muskulatur durchzieht (Purslow & Delage, 2014). Die Muskelfaszie steht in direkter Verbindung mit den Muskelspindeln und den Golgi-Sehnen Organen und leistet einen Beitrag bei der Kraftübertragung zwischen den verschiedenen Gewebetypen und dem Skelett (Huijing, 2009; Stecco, 2004). Ein Teil der Kontraktionskräfte wird auf das Fasziengewebe umverteilt und im Folgenden an synergistische und auch antagonistische Muskeln übertragen (Schleip et al., 2014). Ist dieses Zusammenspiel aufgrund myofaszialer Beschwerden gestört, kann es zu Beweglichkeits- und Funktionseinschränkungen kommen, die sowohl im Alltag als auch im Sport von Bedeutung sind. Im Bereich der Physiotherapie haben sich unterschiedliche manuelle Behandlungsformen wie z.B. das "Myofascial-Release" mit dem Ziel etabliert, Verdickungen, Verhärtungen und Verklebungen der Faszien zu lösen (McKenney et al., 2013). Des Weiteren werden spezielle Trainingsübungen empfohlen, die eng mit dem Begriff "Faszien-Fitness" verbunden sind (Schleip & Müller,2013). Für die Beschreibung von Wirkmechanismen werden Begriffe wie Re-Modellierung, Katapult-Effekt und Stretch-Effekt verwendet; durch Interventon soll auch der Wassergehalt des Bindegewebes beeinflusst werden (Schleip & Müller, 2013). Eine Form der Eigenbehandlung ("Self-Myofascial-Release") ist die Selbst-massage mit einer Massagerolle - das sogenannte »Foam-Rolling" (Schroeder & Best, 2015). Dabei werden unterschiedliche Körperteile mit manuellem Druck auf einer Schaumstoff- bzw. Styroporrolle hin- und her gerollt. Diese Form der Eigenbehandlung ist mittlerweile weit verbreitet und wird mit unterschiedlichsten Gerätemodellen und Übungen ausgeführt (vgl. Abb. 1). Die »Faszienrolle" gehört inzwischen zum Inventar vieler Fitnessstudios und Therapieeinrichtungen, ganz zu schweigen von heimischen Wohnzimmern. Die versprochenen Wirkungen einer solchen Anwendung sind vielfältig. Zunahme der Beweglichkeit, Steigerung der Blutzirkulation, Prävention von Muskelverletzungen, Vorbeugung gegen Muskelkater, Verbesserung der Regeneration und Leistungsfähigkeit u.v.m. (BlackRoll, 2015). Viele dieser Wirkungen sind aus Studien der klassischen Massage oder von manuellen Techniken abgeleitet, aber bisher nicht für die Massagerolle nachgewiesen (Schroeder & Best, 2015).
© Copyright 2015 Sporttechnologie zwischen Theorie und Praxis VI - Beiträge aus dem Workshop SpoTec 2015 "Aktuelle Trends in Sport und Technik" incl. "Gangworkshop". Veröffentlicht von Shaker Verlag. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Naturwissenschaften und Technik Biowissenschaften und Sportmedizin Trainingswissenschaft
Tagging:Faszien Faszienrolle
Veröffentlicht in:Sporttechnologie zwischen Theorie und Praxis VI - Beiträge aus dem Workshop SpoTec 2015 "Aktuelle Trends in Sport und Technik" incl. "Gangworkshop"
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Aachen Shaker Verlag 2015
Seiten:52-60
Dokumentenarten:Kongressband, Tagungsbericht
Level:hoch