Exekutive Funktionen und Selbstregulation. Neurowissenschaftliche Grundlagen und Transfer in die pädagogische Praxis
Unter exekutiven Funktionen werden heute auch bei gesunden Kindern und Erwachsenen kognitive Kontroll- und Regulationsprozesse zusammengefasst, die ein schnelles, zielorientiertes und situationsangepasstes Denken und Handeln ermöglichen und gleichzeitig unangebrachtes Verhalten hemmen. Exekutive Funktionen sind insbesondere dann von Bedeutung, wenn in einer Situation ein Abweichen von gut eingespielten, automatisierten Denk- und Handlungsweisen gefordert wird, also insbesondere wenn
- Aufgaben neu oder komplex sind,
- es auf die Einhaltung von Reihenfolgen ankommt,
- und/oder eine automatische Reaktion nicht zielführend wäre und deshalb gestoppt oder unterdrückt werden muss.
Wenn zum Beispiel Kinder im Sport kurz aufhören sollen, die Bälle zu prellen, um Anweisungen entgegenzunehmen, wird das eine oder andere Kind Mühe haben, das Prellen zu unterbrechen. Und natürlich ist im schulischen Kontext insbesondere das Ausblenden von Ablenkungen (Nachbar, Geschehnisse vor dem Fenster usw.) von großer Bedeutung. Allgemein wird davon ausgegangen, dass durch die Entwicklung und die Förderung der exekutiven Funktionen als eng definierte Informationsverarbeitungsprozesse (Planen, Problemlösen, Handlungskontrolle, Steuerung von Motivation und Emotionen) auch andere Aspekte, wie zum Beispiel die Planungsfähigkeit, die zielgerichtete Beharrlichkeit und die Fähigkeit, eigene Fehler zu entdecken und zu verbessern, mit angesprochen werden. Die exekutiven Funktionen steuern im Zusammenspiel die Fähigkeit zur Selbstregulation und befähigen damit zu Mitgefühl und Selbstbeherrschung - zwei wichtige Grundlagen für das soziale Zusammenleben in Schule, Familie und Freundeskreis. Sie unterstützen die Kinder zudem dabei, Entscheidungen zu treffen, organisiert, planvoll und zielgerichtet vorzugehen, das eigene Handeln zu reflektieren und es gegebenenfalls zu korrigieren. Herausfordernde oder ermüdende Aufgaben meistern nur die Kinder, die in der Lage sind, spontane Impulse zu unterdrücken und damit eigene Bedürfnisse für eine gewisse Zeit hintenanzustellen. Wer sein angestrebtes Ziel nicht aus den Augen verliert und Ausdauer hat, wer flexibel reagiert und sich nicht allzu leicht ablenken lässt, kann erfolgreich lernen.
Damit tragen die exekutiven Funktionen und die Fähigkeit zur Selbstregulation auch zur Willensbildung und zu diszipliniertem Verhalten bei. Sie sind folglich auch die Grundlage für eigenverantwortliches und selbstgesteuertes Lernen und Arbeiten. Viele Befunde aus den Bereichen der Psychologie, Kognitiven Neurowissenschaften und Pädagogik sprechen dafür, dass den exekutiven Funktionen eine Schlüsselrolle sowohl hinsichtlich des Lern- und Schulerfolges als auch in Bezug auf Störungen wie ADHS zukommt. Das Konzept der exekutiven Funktionen hat sich inzwischen in angloamerikanischen und skandinavischen Ländern durchgesetzt und dort vor allem auch großen Einfluss auf pädagogische und entwicklungspsychologische Fragestellungen entwickelt. Im vorliegenden Band werden erstmals die zentralen Texte aus Europa und den USA vorgelegt und in den hiesigen Bezugsrahmen eingeordnet. Zudem wird in diesem State-of-the-Art-Werk dargestellt, wie der konkrete Transfer in die pädagogische und schulische Praxis vollzogen werden kann.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden wissenschaftliche Grundlagen zu den exekutiven Funktionen und der Selbstregulation vermittelt. Im zweiten Teil wird aufgezeigt, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die pädagogische Arbeit übertragen werden können. Dabei zeigt sich, wie vielfältig Pädagogen in ihrem jeweiligen Handlungsfeld zur Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation von Kindern und Jugendlichen beitragen können. Die im ersten Teil beschriebenen theoretischen Grundlagen verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass in Bildungseinrichtungen die exekutiven Funktionen und die Selbstregulation von Kindern und Jugendlichen gezielt gefördert werden. Für diejenigen Leser, die direkt in den Praxisteil des Buches einsteigen möchten, werden am Ende des Vorworts die zentralen exekutiven Funktionen Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität, die der Fähigkeit zur Selbstregulation unterliegen, erläutert.
Den Abschluss des Bandes bildet ein Interview mit Armin Emrich, Fachleiter Sport am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Freiburg, ehemaliger Handballnationalspieler und Handball-Bundestrainer. Das Interview zur Förderung exekutiver Funktionen und der Selbstregulation im Sportunterricht zeigt eindrucksvoll, dass im Sport nicht nur die Chance liegt, Kinder und Jugendliche körperlich stark zu machen. Der Sportunterricht eignet sich in besonderer Weise auch dafür, die mentale Stärke der Heranwachsenden auszubilden.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Bern
Verlag Hans Huber
2014
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| Seiten: | 340 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |