Falsches Spiel im Sport. Analysen zu Wettbewerbsverzerrungen
Über einen doch recht langen Zeitraum von Jahrzehnten wurde Doping als das zentrale, ja nahezu einzige Thema genannt und diskutiert, wenn es darum ging, grob unfaires, unsportliches, wettbewerbsverzerrendes und justitiables (zumindest innerhalb des Sportrechts) Verhalten zu beschreiben und zu verurteilen. Doping ist auch heute noch eine Geißel des internationalen Leistungssports, aber bei Weitem nicht mehr die einzige. Bestechung von Sportlern, Kampf- und Schiedsrichtern, Korruption bis in die höchsten Leitungsgremien internationaler Spitzenverbände, Vetternwirtschaft, massive Einflussnahme auf Entscheidungsträger bei der Vergabe von großen, medienträchtigen Sportveranstaltungen, Beeinflussung von Verläufen und Ergebnissen sportlicher Wettkämpfe im Rahmen von Wettbetrug sind inzwischen an die Seite des Dopings getreten und stellen existenzielle Gefahren für die Zukunft des nationalen wie des internationalen Leistungssports dar. Und inzwischen sind derartige Themen, Skandale und (sport)gerichtliche Verfahren nicht mehr nur auf den Leistungssport begrenzt. Wann immer die Größenordnung eines möglichen Profits groß genug ist, muss inzwischen mit diesen Problemen gerechnet werden bzw. sind bereits nachweisbar.
Sport- bzw. Wettbetrug gehört inzwischen zur organisierten Kriminalität, die keine Grenzen zwischen Leistungsebenen, Sportarten oder Ländern kennt. Die Kriminellen sind sehr gut vernetzt, handeln in professionellen Strukturen in internationalen Netzwerken. Damit ihre kriminelle Energie aber eine Wirkung entfalten kann, braucht es der aktiven Beteiligung der zentralen Akteure des Sport, der SportlerInnen oder TrainerInnen, der Schieds- und KampfrichterInnen wie auch der Vereins- und Verbandsvertreter. Sie müssen bestechlich sein, müssen Bereitschaft signalisieren, das sportliche Fairplay mit Füßen zu treten. Und so ist eine, ja die zentrale Frage des Sammelbandes der Herausgeber der Universität des Saarlandes, wie gerade diese Akteure mit diesen Problemen umgehen. Welche Grundüberzeugungen vertreten sie und sind sie bereit, den (zumeist) finanziellen Versuchungen zu erliegen und sportliche Wettbewerbe zu manipulieren? Haben ehemalige oder auch aktive SportlerInnen und KampfrichterInnen derartige Situationen mit entsprechenden finanziellen Avancen persönlich erlebt, haben sie diese akzeptiert oder passiv oder aktiv abgelehnt, sind sie dagegen vorgegangen oder betrachten sie Derartiges bereits als "normales" Business im hoch kommerzialisierten Sport der Gegenwart? Wie reagieren Medien und auch Zuschauer auf sportliche Wettbewerbe, bei denen die Verläufe und Ergebnisse Betrug vermuten lassen oder wo dieser gar nachgewiesen ist? Kommt es zu einer Art "Liebesentzug", sind die Sportarten, Teams oder SportlerInnen doch ein wichtiger Teil des Lebens dieser Gruppen von Akteuren - entweder als Profession oder als eine geliebte Unterhaltung bzw. Freizeitbeschäftigung?
Und was geschieht, wenn man all diese Akteure aus dem Sport mit diesen Problemlagen konfrontiert und nach Antworten zu ihren persönlichen Einstellungen, Erlebnissen und Änderungsforderungen befragt? Kann man mit ehrlichen Antworten rechnen oder auch nicht? Aus wissenschaftlicher Sicht haben sich die Herausgeber und Autoren der unterschiedlichen Beiträge des Bandes mit genau diesen Fragen beschäftigt. Sie haben unterschiedliche Untersuchungsmethoden eingesetzt, um einerseits der Sensibilität des Themas gerecht werden zu können und die Anonymität der Aussagen zu gewährleisten, aber eben auch um in die Materie des Sportbetrugs, der Wettbewerbsverzerrung im Sport aus unterschiedlichen Blickwinkeln eindringen zu können. Dabei haben sie unterschiedliche Themen adressiert:
" E. Emrich & C. Pierdzioch: Theoretische Rahmung
" E. Emrich & C. Pierdzioch: Problemstellung und Ziel der Untersuchung
" E. Emrich & C. Pierdzioch: Methodik - einige grundsätzliche Anmerkungen
" Kalb, K. Herrmann & E. Emrich: Wettbewerbsverzerrungen im Sport aus Sicht von Athleten,Trainern und Funktionären
" Kalb, K. Herrmann & E. Emrich: Die Darstellung von Wettbewerbsverzerrungen im Sport in den Printmedien
" W. Pitsch, E. Emrich & C. Pierdzioch: Match Fixing im deutschen Fußball: Eine empirische Analyse mittels der Randomized-Response-Technik
" E. Emrich, C. Pierdzioch & C. Rullan: Schiedsrichterbeeinflussungen im Fußball
" W. Pitsch, M. Frenger, E. Emrich, C. Pierdzioch: Prävalenzen von Wettbewerbsverzerrungen unter Kaderathleten und Einstellungen zum Fair Play
" E. Emrich, F. Gassmann, C. Pierdzioch, A. Kalb & K. Herrmann: Standardisierte Online-Befragung der Bevölkerung zum sportbezogenen Wettverhalten
" C. Momsen & M. Vaudlet: Korruption und Spielmanipulation im Fußball - rechtliche Überlegungen
" E. Emrich & C. Pierdzioch: Zusammenfassung
Im Ergebnis stellen die Autoren ein durchaus differenziertes Verständnis bei den aktiven Hauptakteuren im Sport zu den Prinzipien des Leistungssports Konkurrenz, Chancengleichheit und Leistungsprinzip fest. Es werden durchaus Unterschiede in der Binnen- und Außenmoral deutlich, die sich an institutionellen Anforderungen und Gruppenzugehörigkeiten orientieren können. Die Autoren können auch zeigen, dass das Thema Wettbewerbsverzerrung bzw. Sportbetrug bei nicht wenigen SportlerInnen und TrainerInnen aus eigenem Erleben und/oder durch Berichte aus der Gruppe ihrer Peers bekannt ist, dass sie sich darüber Gedanken machen und auch austauschen. Es zeigen sich auch unterschiedliche Betrachtungen zum Sportbetrug, je nach nationaler Zugehörigkeit verdächtigter oder überführter Sportbetrüger, die bis zum Verständnis für derartige Handlungen reichen kann, wenn die/der SportlerIn unter wirtschaftlich-finanziell schwierigen Bedingungen lebt.
Eigenständige Untersuchungen im Fußball vertiefen das Thema nochmals und weiten es mit dem besonderen Fokus auf das (un)faire, manipulative Handeln von Schiedsrichtern auf. Zusätzlich wird dabei auch ein Blick in Leistungsklassen unterhalb des Höchstleistungsniveaus gelenkt.
Letztlich sind auch die juristischen Untersuchungen zu erwähnen, die das Spannungs- und Reibungsfeld zwischen Sportgerichtsbarkeit und staatlichem Recht bzw. Gerichten aufgreift und untersucht.
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| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Theorie und gesellschaftliche Grundlagen |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Saarbrücken
universaar - Universitätsverlag des Saarlands
2015
|
| Schriftenreihe: | Schriften des Europäischen Instituts für Sozioökonomie e. V., 10 |
| Online-Zugang: | http://universaar.uni-saarland.de/monographien/volltexte/2015/136/ |
| Seiten: | 264 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |