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Didaktische Grundlagen des Lehrens und Lernens von Bewegungen - bewegungswissenschaftliche und sportpädagogische Bezüge

Das Buch geht im Kern auf eine Tagung in Marburg zurück, die im März 2013 zum Thema "Lernen und Lehren - Grundkategorien einer pädagogischen Bewegungslehre" stattgefunden hat. Hieran nahmen Fachleute aus der Bewegungswissenschaft und Motorikforschung einerseits und aus der Sportpädagogik und Sportdidaktik andererseits teil. Die Tagung hatte sich vorgenommen, sowohl deren unterschiedliche wissenschaftsdisziplinäre als auch deren innerdisziplinäre Ansätze und Positionen in ihren theoretischen Grundlegungen zueinander in Beziehung zu setzen und die Bedeutung der vorgetragenen Erkenntnisse in den "eigenen" Theoriegebäuden zu prüfen. Das gleichsam als Tagungsdokumentation zu verstehende Buch gliedert sich thematisch in drei Blöcke: Im einführenden Beitrag des ersten Kapitels "Lehren und Lernen von Bewegungen" stellt Wolfgang Schöllhorn seinen viel beachteten systemdynamischen Ansatz des Differenziellen Lernens in seinen theoretischen Grundzügen, empirischen Befunden und didaktischen Konsequenzen vor. Der Ansatz entstand im Kontext derjenigen systemtheoretischen Forschungsarbeiten, die sich mit den Erscheinungsformen und Strukturen sogenannter dissipativer Systeme, also solcher Systeme beschäftigten, die in einem offenen energetischen Austausch mit der Umwelt stehen und sich nicht umfassend mit Prozessen der Ordnungsbildung erklären lassen. Nachfolgend skizziert Hermann Müller das Konzept der Ideomotorik und stellt drei einflussreiche Ansätze vor, die das Prinzip ideomotorischer Verhaltenskontrolle in eigener Weise umsetzen. Stefan Künzell setzt sich in seinem Beitrag explizit damit auseinander, unter welchen Bedingungen bewegungswissenschaftliche Ansätze überhaupt in einen Zusammenhang mit sportdidaktischen Fragestellungen und Konzepten gebracht werden können. Diese Reflexion zur Anschlussfähigkeit wird in dem nachfolgenden Beitrag von Ernst Joachim Hossner in einer wissenschaftstheoretischen Betrachtung noch grundlegender in Bezug auf die Überschreitung der disziplinären Grenzen der Motorik- und Bewegungswissenschaften zu den Ansätzen der Sportdidaktik und -pädagogik weitergeführt. Im abschließenden Beitrag von Volker Schürmann und Denise Temme findet sich schließlich eine metatheoretische Auseinandersetzung mit der Frage grundlegender Theoriebezüge in Forschungsfeldern zum menschlichen Bewegen. Im zweiten Kapitel "Vermitteln und Aufgaben" geht Hans-Georg Scherer im ersten Beitrag "Vermitteln von Bewegungen. Strukturelle Bedingungen menschlichen Bewegungslernens im Rahmen eines bewegungspädagogischen Vermittlungsbegriffs" zunächst auf die Möglichkeiten und Grenzen der interdisziplinären Übergänge zwischen erziehungs- und bildungswissenschaftlichem Denken sowie Bewegungslerntheorien ein. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftstheoretische Diskussion des Übergangs zwischen Lehren und Lernen. Anschließend gehen die Autoren zweier weiterer Beiträge auf spezifische Ausdrucksformen des Vermittelns ein. In beiden Beiträgen wird der Stand der Diskussion über diese Vermittlungsformen wiedergegeben und erweitert. Jürgen Funke-Wieneke zeigt in seinem Beitrag, dass die Ausdrucksformen des Vormachens und Zeigens in der Sportdidaktik aktuell kaum ein Thema sind. Auf anthropologischer Grundlage erörtert er, wie das Wahrnehmen einer Bewegung mit dem Bewegen verbunden ist und argumentiert dafür, Nachahmen als natürliche und früheste Form des Bewegungslernens zu erinnern und anzuwenden. Ralf Laging widmet sich in seinem Beitrag "Bewegungsaufgaben - ein Ansatz zur bildungs-und professionstheoretischen Aufgabenkultur im Sportunterricht" einem Verständnis von Aufgaben als zentraler Ausdrucksform des Vermittelns. Die drei Beiträge dieses Kapitels geben einen Stand der Diskussion zum Lehren im Sinne des Vermittelns und damit zum Kern der Sportdidaktik wieder. Es zeigt sich jedoch, dass gerade zu den Ausdrucksformen des Vermittelns vertiefende Auseinandersetzungen nötig sind, die aktuelle Bewegungslerntheorien und eine strukturelle Gegenstandsklärung berücksichtigen. Das dritte Kapitel "Bildung und Bewegungslernen" befasst sich mit dem Lehren und Lernen von Bewegungen aus einer bildungstheoretischen Perspektive. Im Kontext von Schule geht es um Bildungsprozesse, die angeregt und nicht verhindert werden sollen. Im ersten Beitrag dieses Kapitels zeigt Andre Gogoll am Beispiel des "Rollens und Springens" in einem Geräteparcours, wie Schülerinnen und Schüler lernen können, selbstbestimmt und verantwortungsvoll an der Sport- und Bewegungskultur teilzuhaben. Der Beitrag von Eckart Balz fügt sich einerseits an die Überlegungen von Gogoll an, unterscheidet sich aber letztlich durch den Versuch, statt einer kompetenzorientierten Zugangsweise eine bildungstheoretische zu wählen. Dabei hebt Balz darauf ab, dass Bewegungen nicht "an sich" gelernt werden, sondern immer in bestimmten Sinnkontexten. Der Beitrag von Jörg Bietz bildet hierzu das Gegenstück. Er richtet den Blick auf solche Fundamente des Lehrens und Lernens von Bewegungen, die ihm geeignet erscheinen, das sportdidaktische Handeln zu begründen und die bildungstheoretisch gesehen, konstitutive Bedeutung für das Lehren haben. Die Bildsamkeit des Menschen, die im Beitrag von Bietz bereits angeklungen ist, wird bei Elk Franke explizit in den Mittelpunkt gerückt. Er legt den bildungstheoretischen Ansatz von Dietrich Benner aus leibanthropologischer Perspektive neu aus. Die Beiträge dieses Kapitels zeigen, wie disparat die Ansätze zur bildungstheoretischen Fundierung des Bewegungslernens in der aktuellen Sportdidaktik sind. Dies betrifft die jeweils gewählten bildungstheoretischen Grundlagen ebenso wie das jeweilige Fachverständnis und die damit zusammenhängenden Vorstellungen zum Lehren und Lernen von Bewegungen. Die hier versammelten Beiträge zeigen deutlich, dass es sich insgesamt um ein sehr offenes Forschungsfeld handelt, das abschließend weder in der Bewegungswissenschaft und Sportmotorik noch in der Bewegungs- und Sportdidaktik im wechselseitigen Bezug bearbeitet worden ist. Hier bleibt nach Auffassung der Herausgeber zu wünschen, dass das Thema des Lehrens und Lernens von Bewegungen in den aufgezeigten interdisziplinären Bezügen weiterbearbeitet wird.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Baltmannsweiler Schneider Verlag Hohengehren 2015
Schriftenreihe:Bewegungspädagogik, 11
Seiten:265
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch