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Leistungsminderung durch Messplatztraining? - Ausgewählte empirische Befunde und trainingspraktische Konsequenzen

Messplätze liefern biomechanisch-leistungsdiagnostische Daten zur Rückmeldung von ob-jektiv ergänzender Schnellinformation an den Athleten und wurden für zahlreiche Sportar-ten entwickelt (im Überblick: Daugs, 2000). Die Evaluation der Wirksamkeit des Mess-platzeinsatzes im Techniktraining sowie die Klärung methodischer Fragen ist von großem Interesse für die Sportpraxis (z. B. Krug & Naundorf, 2007). Die zeitliche Platzierung von Messplatztrainingseinheiten scheint einen kritischen Faktor dazustellen, da Messplatztraining nicht unbedingt unmittelbar zu Steigerungen, sondern teilweise sogar zu temporären Reduktionen der wettkampfrelevanten Ergebnisleistung führt (z. B. Krause, im Druck, Experiment 2; Krause, Buckwitz & Olivier, 2009, Sanders, 1995). Auch aus diesem Grund ergeben sich bezüglich der Auswahl aus den potenziell vorhan-denen Informationen für die Rückmeldung an den Athleten kritische methodische Fragen. Fraglich ist beispielsweise, ob ergebnisorientierte Rückmeldungen in Phasen des Mess-platztrainings sinnvoll sind, in denen primär verlaufsorientierte Bewegungsmerkmale modifiziert werden sollen. Möglicherweise sind ergebnisorientierte Rückmeldungen, wie bei-spielsweise Startzeiten (z. B. beim Schwimmstart) oder Stoßweiten (Kugelstoßen) in initia-len Phasen der Technikmodifikation für den Lernenden redundant oder sogar irreführend, da Änderungen des Bewegungsablaufs nicht unmittelbar mit einer sofortigen Ergebnisver-besserung assoziiert sind. Gründe für eine verzögerte Steigerung der Ergebnisleistung könnten u. a. darin liegen, dass die intra- und intermuskuläre Koordination auf die Modifikation dieses Parameters im Verlauf weiterer Übungsversuche abgestimmt werden muss. Darüber hinaus wird diskutiert, dass die Rückmeldung von Bewegungsfehlern zu einzel-nen Bewegungsmerkmalen eine stärker attentionale (bewusste) Kontrolle der jeweiligen Bewegung in den folgenden Ausführungen provoziert und dadurch in fortgeschrittenen Lernstadien Deautomatisierungsprozesse auftreten können (Masters & Maxwell, 2004). Diese können zumindest kurzfristig zu Ergebnisleistungsreduktionen führen. Auf Basis von leistungssportlich-orientierten Forschungsarbeiten (Abschnitt 2) werden mögliche trainingsmethodische Hinweise (Abschnitt 3) diskutiert. Messplatztraining kann grundsätzlich zu den angestrebten Veränderungen der Merkmale führen, zu denen während des Trainings Rückmeldungen gegeben werden (z. B. Krause et al., 2009). In der Untersuchung von Krause et al. (2009) zeigten sich allerdings bei ei-nem videogestütztem Messplatztraining mit Nachwuchsschwimmern höherer Leistungsklassen sowohl in einer Trainingsintervention mit jeweils 5 Einheiten zur Start- als auch Wendetechnik zumindest temporäre Leistungsreduktionen in Bezug auf die Start- als auch die Wendezeit. Bemerkenswerterweise blieben die ergebnisbezogenen Leistungsreduktionen in den Interventionsgruppen aus, in denen zusätzlich zum verbal kommentierten Vi-deofeedback ergebnisorientierte Rückmeldungen in Form von Start- bzw. Wendezeiten zurückgemeldet wurden. Anzumerken ist, dass die Athleten die Interventionsbedingungen (Videofeedback mit oder ohne Ergebnisrückmeldung) zwischen der Start- bzw. Wendein-tervention wechselten und somit personenabhängige Effekte weitestgehend ausgeschlossen werden können. Bei einem Messplatztraining im Luftpistolenschießen mit Nachwuchsschützen höherer Leistungsklassen zeigten sich entgegen der zuvor skizzierten Untersuchung auch Leistungsminderungen bei einem der thematisierten Verlaufsmerkmale (Olivier, Krause & Erl-mann, 2011). Die Rückmeldung in Form von Messkurven zu den posturalen Schwankun-gen, die nach den Schüssen präsentiert wurde, führte im Laufe der Intervention mit 6 Ein-heiten zu signifikanten Erhöhungen der posturalen Schwankungen. Eine Zunahme postu-raler Schwankungen zeigt sich ähnlich auch bei Underwood (2009). Dort allerdings bei bewegungsbegleitender Fremdinformation. Messplatztraining kann prinzipiell zur zielgerichteten Modifikation verlaufsrelevanter Bewegungsmerkmale führen. Teilweise finden sich allerdings temporäre Leistungsreduktio-nen. Ein Erklärungsansatz geht davon aus, dass die Rückmeldung von Bewegungsfehlern zu einer stärker attentionalen Kontrolle der Bewegungen führt. So finden beispielsweise auch Flegal und Anderson (2008) eine Leistungsreduktion beim Golfputten, wenn Exper-ten dazu aufgefordert werden ihre Bewegungsabläufe genau zu beschreiben. Hier soll das bewusste "Durchdenken" der Bewegung zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der Bewegungsaufgaben führen, welches die motorische Kontrollprozesse stört, die ansons-ten bei den Experten nicht-attentional geregelt werden (siehe hierzu auch Beilock & Carr, 2004, S. 319). Flegal & Anderson (2008) vermuten, dass die bewusste Auseinanderset-zung deklarative Gedächtnisprozesse aktivieren kann, welche möglicherweise mit den bei fortgeschrittener Expertise eher prozedural kodierten Fertigkeitsrepräsentationen interfe-rieren. Neurobiologische Befunde unterstützen die Hypothese der Interferenzen zwischen diesen Gedächtnisformen (Poldrack & Packard, 2003). Temporäre negative Effekte nach der Konfrontation mit Fremdinformation fanden sich auch in einer Untersuchung zur Modifikation der Brustschwimmtechnik bei Experten (San-ders, 1995). Ebenso führte auch das doppelaufgabeninduzierte Fokussieren von Bewegungsdetails bei Experten im Bereich Golfputtens oder Fußballdribblings zu Leistungseinbußen gegenüber Zusatzaufgaben, die von der Bewegungsaufgabe ablenkten (Beilock, Carr, MacMahon & Starkes, 2002). Auch verbale Hinweise zur Ausführung einer Skisimulatoraufgabe führten in einer Untersuchung von Wulf und Weigelt (1997) zu Leistungsre-duktionen. Attentionale Kontrolle einzelner Bewegungsparameter mag temporär zu Leistungseinbußen führen. Möglicherweise ist aber eine bewusste Auseinandersetzung und Ansteuerung von Bewegungsdetails im Rahmen der Technikmodifikation zur langfristigen Leistungssteigerung notwendig. Eine langfristige ergebnisbezogene Leistungssteigerung setzt auf höherem Expertiseniveau vermutlich größere Übungsumfänge voraus. Umfangsbetonte Übungseinheiten ohne Feedback erscheinen in diesem Zusammenhang als ergänzendes Mittel sinnvoll, um im fortschreitenden Prozess nach der Technikmodifikation wieder eine weniger attentionale Kontrolle anzustreben. Neben dem Übungsumfang scheinen weitere Übungsvariablen die Effekte in Bezug auf die ergebnisbezogenen Leistungen zu moderieren. Nach den Befunden von Krause et al. (2009) scheint z. B. die zusätzliche Rückmeldung von ergebnisorientierten Rückmeldun-gen entgegen den Eingangs diskutierten Bedenken einen positiven Effekt auf die ergebnisbezogenen Leistungsvariablen zu haben und dem Phänomen der temporären ergebnisbezogenen Leistungsreduktion entgegen zu wirken. Die positive Wirkung kann neben der motivationalen Funktion von Ergebnisrückmeldungen (Schmidt & Lee, 2005, S. 372) möglicherweise so erklärt werden, dass die zusätzliche Ergebnisrückmeldung die Aufmerksamkeit neben der defizitorientierten Modifikation der Bewegung auf eine schnelle Bewegungsausführung richtet und so zu einer weniger detailfokussierten, eher nichtattentionalen Bewegungskontrolle führt. Auch implizite Lernmechanismen beispielsweise in Form einer positiven Verstärkung von Versuchen, bei denen die intermuskuläre Koomdiation gut auf das modifizierte Bewegungsmerkmal abgestimmt ist, scheinen denkbar. Des Weiteren kann als Hinweis für die Trainingspraxis abgeleitet werden, dass eine Modi-fikation von Bewegungsmerkmalen langfristig mit entsprechenden Trainingsumfängen geplant werden sollte. Messplatztraining in zeitlicher Nähe zu wichtigen Wettkämpfen sollte in Hinblick auf die dargestellten Prozesse mit Vorsicht eingesetzt werden. Ferner erscheint es sinnvoll, die Athleten auf mögliche temporäre ergebnisbezogene Leistungsreduktionen in der initialen Phase einer expliziten Techniktrainingsintervention hinzuweisen, um moti-ationalen Problemen vorzubeugen. Auf Basis der Ergebnisse von Olivier et al. (2011) und Underwood (2009) erscheint es fraglich, ob das Messplatztraining mit objektivierten Rückmeldungen für bestimmte Zielstellungen (z. B. Verbesserung der Gleichgewichtsregulation) überhaupt ein geeignetes Mittel darstellt. Messplätze sollten in diesen Fällen dann nur als Diagnostikinstrument nicht aber als Trainingsmittel zur Bereitstellung von Rückmeldungen an den Athleten eingesetzt werden. Das Training sollte in diesem Kontext möglicherweise eher mit impliziten Methoden gestaltet werden (Nagel & Lippens, 2009; Wulf, 2007; Chapter 6). Insgesamt sind weitere Forschungsarbeiten notwendig, um die Effekte von messplatzge-stütztem Feedbacktraining auf Veränderungen in Bezug auf attentionale bzw. nicht-attentionale motorischer Kontrollprozesse und die Wirkung auf verlaufs- und ergebnisorientierte Leistungen aufzuklären.
© Copyright 2012 13. Frühjahrsschule "Informations- und Kommunikationstechnologien in der angewandten Trainingswissenschaft" am 13./14. April 2011 in Leipzig. Veröffentlicht von IAT. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Naturwissenschaften und Technik Trainingswissenschaft Kraft-Schnellkraft-Sportarten
Veröffentlicht in:13. Frühjahrsschule "Informations- und Kommunikationstechnologien in der angewandten Trainingswissenschaft" am 13./14. April 2011 in Leipzig
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Leipzig IAT 2012
Schriftenreihe:Frühjahrsschule "Informations- und Kommunikationstechnologien in der angewandten Trainingswissenschaft", 13
Online-Zugang:https://open-archive.sport-iat.de/sponet/21_Krause_3.pdf
Seiten:162-176
Dokumentenarten:Kongressband, Tagungsbericht
Level:hoch