Expertise "Sensomotorisches Training - Propriozeptives Training" Teil II
Sensomotorische Übungsinhalte nehmen derzeit einen zentralen Stellenwert in der Praxis des leistungsorientierten sowie des rehabilitativ/praventiven Trainings ein. Allerdings liegt trotz der hohen Relevanz kein einheitliches Verständnis hinsichtlich der Definition, der Wirksamkeit, den Wirkmechanismen, der Abgrenzung zu anderen Trainingsmaßnahmen und der adäquaten Gestaltung des Trainings vor. Deutlich werden die Diskrepanzen u.a. in den in der Literatur formulierten Interventionsinhalten, die vom Balancetraining bis zum Krafttraining reichen, oder in der hohen Variationsbreite an Mess- und Diagnoseverfahren zur Erfassung möglicher Trainingseffekte. Die Grunde fur die problematische Einordnung des sensomotorischen Trainings hinsichtlich der expliziten Nutzlichkeit und Nutzbarkeit und der fehlenden Abgrenzung zu anderen sportmotorischen/rehabilitativen Trainingsverfahren und -maßnahmen liegen vor allem in den heterogenen Studiendesigns, der eingeschränkten Vergleichbarkeit und den deutlichen Qualitätsunterschieden von entsprechenden Untersuchungen. In dieser Arbeit wurde deshalb die derzeitige Studienlage zum sensomotorischen Training innerhalb unterschiedlicher, sportrelevanter Anwendungsfelder systematisch aufgearbeitet. Dabei wurde sich an zwei übergeordneten Zielstellungen orientiert. Zum einen war das die systematische Bewertung der Evidenz zur Wirksamkeit sensomotorischen Trainings im sportlichen Handlungsfeld nach international anerkannten Standards [Higgins & Green, 2006]. Zum anderen wurden empirische Studien zusammengetragen, die das sensomotorische Training aus einer differential- oder lernpsychologischen Perspektive untersuchten. Auf Basis dieser Übersichtsarbeit werden zudem offene Fragestellungen abgeleitet werden, die eine Orientierungsgrundlage für die weiterführende Forschung liefern können.
Derzeit liegen nur wenige Studien vor, die in methodischer Hinsicht (modifizierte van Tulder Skala, interne Validität) [van Tulder et al., 2003] als qualitativ hochwertig eingestuft werden konnten. So lagen fur das Anwendungsfeld Verletzungspravention nach der Auswertung von 20 geeigneten Studien lediglich vier methodisch hochwertige Untersuchungen vor, was einem Anteil von 20 Prozent entspricht. Bei der Therapie von Sportverletzungen lag die Quote der qualitativ hochwertigen Studien bei vier von 17 (24 Prozent) und bei der Veränderung der motorischen Leistungsfähigkeit bei acht von 73 Untersuchungen (11 Prozent). In den vier zur Therapie von Sportverletzungen vorliegenden qualitativ hochwertigen Studien wurden insgesamt acht Outcomes erhoben, ohne dass dabei eine eindeutige Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenzielparametern vorgenommen wurde. Fur den Anwendungsbereich der Veranderungen der motorischen Leistungsfähigkeit waren es insgesamt elf Outcomes innerhalb der acht eingeschlossenen Untersuchungen.
Nachweislich wirksam war das sensomotorische Training in der Prevention von Sportverletzungen. Infolge von Kreuzbandrupturen konnten zudem Effekte hinsichtlich der alltagsbezogenen Kniegelenksfunktionalität, der Sprungleistung und dem Muskelreaktionsverhaltens festgestellt werden. Keine Auswirkungen zeigten sich hier allerdings bei der Knielaxität, der Maximalkraft der Kniestrecker und der sportartspezifischen Kniefunktionalität. Im Anwendungsfeld der sportmotorischen Leistungsfähigkeit waren die sensomotorischen Trainingsinhalte bei der Verbesserung der Laufökonomie, der Schnellkraftfähigkeit sowie der Gleichgewichtsfähigkeit wirksam, während fur die Sprung- und Sprintleistung, die maximale Sauerstoffaufnahme sowie fur die Muskelaktivierung ausgewählter Muskelgruppen keine Effekte festgestellt wurden.
Im Fazit konnte fur die Wirksamkeit sensomotorischen Trainings in den verschiedenen Anwendungsfeldern festgestellt werden, dass nur wenige qualitativ hochwertige Studien vorliegen, anhand derer eine eindeutige Evidenzbewertung vorgenommen werden kann. Die Auswertung dieser Studien ergab für die Verletzungspraventioneine gute Effektivitat sensomotorischer Interventionsmaßnahmen, während für die überwiegende Anzahl der erhobenen Outcomes in den Studien zur Therapie nach Sportverletzungen und zur Leistungsverbesserung keine Wirksamkeit festgestellt wurde.
Nur wenige Studien lagen zudem fur die psychologische Perspektive sensomotorischen Trainings vor, so dass empirisch gestützte Aussagen zu differential- oder lernpsychologischen Aspekten nach wie vor kaum möglich sind. Die Durchführung weiterer qualitativ hochwertiger Studien, die sich inhaltlich mit den Fragen der Wirksamkeit sensomotorischen Trainings bei vor allem therapeutischen Interventionen und dem Training sportmotorischen Fähigkeiten auseinandersetzen, erscheint demzufolge ebenso notwendig wie die Untersuchung von Aspekten der psychologischen Übungs- und Lerngestaltung zu einer Förderung der Effektivität oder Effizienz der Interventionen.
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| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Biowissenschaften und Sportmedizin Sozial- und Geisteswissenschaften |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Köln
Sportverlag Strauß
2009
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| Seiten: | 95 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |