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Thema: Bewegte Schule - Was kann bewegte Schule wirklich bewegen?

Gegenwärtig gibt es eine Vielzahl von Initiativen zur bewegten Schule, besonders in der Primarstufe. Im Bereich der weiterführenden Schulen sowie Förderschulen sind erst wenige Ansätze zu finden. Eine systematische wissenschaftliche Begleitung findet nur vereinzelt statt. Deshalb widmet sich das Themenheft "Bewegte Schule" der Leipziger Sportwissenschaftlichen Beiträge vor allem Untersuchungsergebnissen, die Akzeptanz, Wirkungen und schulische Wirklichkeit der bewegten Schule in der Sekundarstufe l aufzeigen1. Die Entwicklung und Erprobung eines pädagogischen Konzeptes der bewegten Schule sowie eine entsprechende wissenschaftliche Begleitung ist gegenwärtig ein Forschungsschwerpunkt an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Die in einer fünfjährigen Längsschnittstudie gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse werden im ersten Teil des Heftes veröffentlicht. Um die Gesamtsicht zu wahren, erfolgt die Darstellung der Zusammenfassungen nicht bei den einzelnen Beiträgen, sondern an dieser Stelle. Im zweiten Teil des Heftes werden eine konzeptionelle und empirische Überblicksanalyse zur bewegten Schule in Österreich gegeben, ein Vergleich zwischen schulprogrammatischem Anspruch und schulischer Wirklichkeit vorgenommen und Qualitätsanforderungen an eine gute bewegte Schule diskutiert. Längsschnittstudie zur bewegten Schule Das in Sachsen erprobte Konzept der bewegten Schule für die Klassenstufen 5 bis 10 wurde mit einer fünfjährigen Längsschnittstudie (2000 bis 2005) wissenschaftlich begleitet. Im Rahmen einer modifizierten Versuchs- und Kontrollgrup-penanordnung wurden Wirkungen auf die Beteiligten (Schüler, Lehrer und Eltern) sowie den Kontext (soziale Beziehungen, pädagogisches Konzept, inner-und außerschulische Bedingungen) untersucht. Aus der Perspektive der Schüler werden mit den Beiträgen in diesem Heft Ergebnisse zur kognitiven, sozialen, emotionalen und motorischen Entwicklung sowie zur Körperhaltung herausgegriffen. Als wesentliches Fazit der Längsschnittstudie kann festgestellt werden, dass eine bewegte Schule positive Auswirkungen auf ausgewählte Determinanten der Schulleistung haben kann. Im Einzelnen treffen die Autoren (Müller, Petzold, Schlöffel, Walther und Schneider), die alle in der Forschungsgruppe "Bewegte Schule" der Universität Leipzig und der TU Dresden mitarbeiten, folgende zusammenfassende Aussagen: Wirkungen der bewegten Schule auf die kognitive und emotionale Entwicklung der Schüler können wie folgt gekennzeichnet werden: Die Versuchsschüler erzielen bei Orientierungsarbeiten in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch bessere Zensuren im Durchschnitt als die Kontrollschüler. Die Schüler der bewegten Schulen bearbeiten im Konzentrationstest d2 eine größere Anzahl an Zeichen, d. h. sie haben ein schnelleres Bearbeitungstempo als die Vergleichsgruppe, ohne dass zu der Mehrzahl der Testzeitpunkte die Sorgfalt darunter leidet. Schülerbefragungen verdeutlichen, dass das Konzept der bewegten Schule die Schul- und Lernfreude positiv beeinflussen kann. Des Weiteren schätzen die Schüler mehrheitlich ein, dass sie sich nach Bewegungsaktivitäten im Unterricht energievoller, freudiger, ruhiger und ausgeglichener fühlen. Bezogen auf die soziale Entwicklung der Schüler können folgende Aussagen getroffen werden: Betrachtet man den Status und ausgewählte Dimensionen des Sozialverhaltens (Aggression, Ausschluss, Kontaktbereitschaft), so wird deutlich, dass die Versuchsschüler in den beiden letzten Projektjahren (8. und 9. Klasse) häufiger positive Einschätzungen von den Klassenlehrern erhalten als die Kontrollschüler. Die Intervention der bewegten Schule und die damit verbundenen gemeinsamen Bewegungssituationen haben außerdem offensichtlich positive Auswirkungen auf das soziale Klima in den Klassen. Fast alle Schüler fühlen sich wohl und begründen das vor allem damit, dass sie gut mit den Mitschülern zurechtkommen. Für die motorische Entwicklung der Schüler ergeben sich bezogen auf mögliche Effekte der Intervention der bewegten Schule folgende Aussagen: Bei den konditioneilen Fähigkeiten deutet sich an, dass die Belastungsreize der Bewegungsaktivitäten zu gering sind, um nachweisbare positive Wirkungen zu erzielen. Für die koordinativen Fähigkeiten dynamisches Gleichgewicht und räumliche Orientierungsfähigkeit konnten dagegen Hinweise auf Vorteile der Probanden der Versuchsschulen gefunden werden. Es können unter dem Einfluss des Konzeptes der bewegten Schule keine signifikant unterschiedliche körperliche Entwicklungen zwischen "bewegten" und "nicht bewegten" Schülern festgestellt werden. Dennoch wurde deutlich, dass zumindest bei den Mädchen nicht normale, vornehmlich hohlrunde, Rückenbefunde konstant bei niedrigen 6 % blieben und der Anstieg auffälliger Rückenbefunde bei der Interventionsgruppe geringer ausfällt als bei den Kontrollschülern. Im Konzept der bewegten Schule in Sachsen stellt der Teilbereich des bewegten Lernens einen besonderen Schwerpunkt dar. In den vergangenen Jahren wurde eine Reihe von didaktisch-methodischen Anregungen für die unterschiedlichen Fächer der Grundschule sowie der Klassen 5 bis 10/12 entwickelt und erprobt. Die in diesem Zusammenhang durchgeführte Schülerbefragung zum bewegten Lernen erbringt folgende Aussagen: Die Schüler schätzen ein, dass sie durch Formen des bewegten Lernens mehr Freude am Lernen haben und sich besser konzentrieren können. Durch häufige Partner- und Gruppenarbeit wird eine positive Beeinflussung des Sozialverhaltens zwischen den Schülern erreicht. Aber auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis verbessert sich. Anhand schriftlicher und mündlicher Lehrerbefragungen kann konstatiert werden: Nach mehreren Projektjahren stellen die Lehrer bei den Schülern positive Veränderungen hinsichtlich des Sozialverhaltens, des Lernverhaltens und der Lernmotivation, der Schulfreude sowie der Belastbarkeit fest. Vor allem die Schüler der 5. und 6. Klasse reagieren mit Begeisterung auf die Möglichkeit, Lernen mit Bewegung zu verbinden und fordern diese zunehmend ein. Einige Kollegen bemerken, dass sie jetzt offener auf die Schüler zugehen. Gespräche der Lehrer untereinander führen zu Neugier auf bewegungsorientierte Methoden, helfen Erfahrungen auszutauschen und wirken sich positiv auf das Klima im Kollegium aus. Als persönlichen Gewinn heben die Lehrkräfte den Zuwachs an Methodenvielfalt, die größere Toleranz gegenüber dem Bewegungsbedürfnis der Schüler und ein verbessertes Lehrer-Schüler-Verhältnis hervor. Die Eltern stehen dem Projekt der bewegten Schule durchaus positiv gegenüber. Sie haben den Wunsch informiert und einbezogen zu werden. Die Eltern sehen projektbezogene Chancen bezüglich positiver Einflüsse auf die Entwicklung ihrer Kinder, bemerken aber auch Reserven bei der Umsetzung an den einzelnen Schulen. Nach Meinung der Versuchsschullehrer im Förderschulbereich profitieren Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen von zusätzlichen Bewegungsaktivitäten für ihre Entwicklung besonders. Es sind aber einige Modifizierungen für Schulen zur Lernförderung notwendig, z. B. Entkopplung von motorischen und kognitiven Mehrfachanforderungen, erst allmähliches Erweitern eines Grundrepertoires an Formen des bewegten Lernens, sensibles Vorgehen bei Formen mit Körperkontakten oder dem Lösen von Gestaltungsaufgaben, klares Absprechen von Regeln für den Übergang von bewegten zu "ruhigen" Formen. Christina Müller
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Ausdauersportarten
Veröffentlicht in:Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Sankt Augustin Academia 2006
Jahrgang:47
Heft:1
Seiten:1-191
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch