Zur Wirkung des Dehnungstrainings als Verletzungsprophylaxe - eine Analyse der empirischen Untersuchungen unter besonderer Berücksichtigung der Verletzungsarten
Es hat sich gezeigt, dass bei der Beurteilung der Frage, ob ein Dehnungstraining Verletzungen vermeiden kann, ausschlaggebend ist, welche Aussagefähigkeit man den einzelnen Untersuchungen zubilligt. Ein entscheidender Filter ist, von welchen Verletzungen man glaubt, dass diese durch Dehnungstraining vermieden werden können. Hält man dies vor allem für Muskelzerrungen und -faserrisse für möglich und weniger für Verletzungen und Überlastungsschäden anderer Strukturen (Bänder, Schleimbeutel, Gelenke, Knochen), verlieren eine ganze Reihe von Metaanalysen ihre Bedeutung, auch solche, die in wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Veröffentlichungen viel Resonanz hatten, wie z.B. diejenige von Herbert & Gabriel (2002). Bei allen Untersuchungsergebnissen ist zudem immer wichtig mit zu nennen, ob es sich um kurz- oder langfristige Effekte des Dehnens handelt. Auf Probleme bei der Trennung dieser Effekte wurde hingewiesen. Untersuchungen, bei denen die Effekte ausschließlich einem Langzeitdehnen zugerechnet werden können, fehlen aufgrund der Tatsache, dass in den vorliegenden Untersuchungen das Dehnungstraining nicht in einer gesonderten Trainingseinheit, sondern direkt vor der Belastung absolviert wurde:
Ein weiterer Filter ist die Frage, ob Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen der Beweglichkeit und dem Verletzungsrisiko, also Untersuchungen, in denen kein Dehnungstraining durchgeführt wurde, zur Beurteilung herangezogen werden können. Diese lassen allenfalls Trainingsempfehlungen für ein Langzeitdehnen zu, nicht aber für ein Kurzzeitdehnen. Zu fordern sind bei dieser Fragestellung vor allem Untersuchungen mit einer multifaktoriellen Datenerhebung und -auswertung.
Wie sich gezeigt hat, ist es zu früh zu resümieren, Dehnen hätte keine Bedeutung bei der Vorbeugung von Verletzungen, es sei denn man betont bei dieser Aussage ausdrücklich, dass mit Verletzungen vor allem solche von Knochen, Gelenken, Bändern, Sehnen und Schleimbeuteln gemeint sind und nicht Muskelzerrungen. Für Zerrungen liegen keine Untersuchungen vor, die eine Aussage mit einer solchen Tragweite rechtfertigen könnten. Zwei Untersuchungen (Cross & Worrell 1999; Dabedo et al. 2004) zeigen eher, dass Zerrungen durch Dehnungstraining reduziert werden können. Auch hier ist nicht zu entscheiden, ob dies den kurz- oder den langfristigen Effekten zuzuschreiben ist.
Welche Perspektiven eröffnen sich für diesen Forschungszweig? Hier sind zunächst einmal die tierexperimentellen Studien zu nennen, bei denen es allerdings wie bei den Untersuchungen am Menschen zurzeit Untersuchungen gibt, die einen positiven Einfluss des Dehnens bei der Verletzungsprophylaxe vermuten lassen (Koh, Peterson, Pizza & Brooks 2003; Pizza, Koh, McGregor & Brooks 2002), als auch gegenteilige Ergebnisse (Black & Stevens 2001; Black, Freeman & Stevens 2002). Es ist zu hoffen, dass dieser Forschungszweig in den nächsten Jahren weitere Ergebnisse liefert. Vielleicht gibt es Schwellenwerte, die bei Black und Stevens (2001) und bei Black et al. (2002) nicht erreicht wurden und die es erst noch auszutarieren gilt. Dazu ist allerdings anzumerken, dass bei der Übertragung der Ergebnisse von Untersuchungen zum Langzeitdehnen auf den Menschen die unterschiedlichen Eiweißsyntheseraten von Tieren und Menschen bedacht werden müssen (Klee 2003, S. 77).
Außerdem könnten Untersuchungsdesigns, in denen ein Bein mit einem Dehnungstraining behandelt wird und das kontralaterale als Kontrolle dient, helfen, Störvariablen auszuschließen. Ein solches Versuchsdesign ist bei den tierexperimentellen Studien sehr verbreitet und wird auch bei Untersuchungen zum Dehnungstraining am Menschen bereits eingesetzt.
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Veröffentlicht in: | Sportwissenschaft |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
2006
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| Online-Zugang: | https://circuit-training-dehnen-dr-klee.de/dokumente/Klee_Dehnen_Verletzungen_2006.pdf |
| Jahrgang: | 36 |
| Heft: | 1 |
| Seiten: | 23-38 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch |