Doping und Enhancement. Interdisziplinäre Studien zur Pathologie gesellschaftlicher Leistungsorientierung

Die Diskussion über Doping und Dopingmissbrauch wird primär im Sport bzw. im Zusammenhang mit dem Sport geführt. Immer neue Tatsachen aus einer nicht geringer, sondern größer werdenden Zahl von Sportarten werden öffentlich. Die voranschreitende Verbreitung der Einnahme von Dopingmitteln nicht nur im Leistungssport, sondern auch im "normalen" Wettkampf- und auch im Freizeitsport oder sich verändernde Einstellungen gerade in jüngeren Generationen zum menschlichen Körper und dessen "Optimierung" unabhängig von sportbezogenen Zusammenhängen verschärfen Fragen nach dem Umgang nicht nur einzelnen Teilbereiche mit dem Doping bzw. der Leistungssteigerung, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Parallel dazu nehmen die Anforderungen an die Leistung und die Leistungsfähigkeit zum Beispiel in der Ausbildung und im beruflichen Alltag nahezu kontinuierlich zu, woraus auch der Schluss gezogen werden könnte - und manchmal offensichtlich auch gezogen wird - dass es nahezu unausweichlich ist die "natürliche" individuelle Leistungsfähigkeit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden zu steigern, um im täglichen Wettbewerb bestehen oder sich sogar einen Vorteil verschaffen zu können. Während sich die Diskussion im sportbezogenen Doping oftmals um die Steigerung von Ausdauer und Kraft oder die Verbesserung der Belastbarkeit und Verkürzung von notwendigen Erholungsphasen dreht, sind Fragen des Neuroenhancements in einem größeren gesellschaftlichen Kontext zu analysieren und zu diskutieren. Um zu einem entsprechend komplexen Verständnis zur gesellschaftlichen Relevanz in der Neuroenhancement-Diskussion zu gelangen, sollten und müssen die Prozesse sportbezogenen Dopings in den letzten drei, vier Jahrzehnten in Deutschland und der dazu geführte öffentlichen Diskurs in den Medien, in Sportorganisationen, in der Wissenschaft, aber auch in der Politik nachvollzogen und aufgearbeitet werden. Eng verbunden damit ist die Diskussion zu führen, wie die Gesellschaft aktuell und in der Zukunft ihr Leistungsverständnis definiert, welche Leistungserwartungen sie für den Einzelnen, aber auch für kleinere oder größere Gruppen der Gesellschaft formuliert. Hier kann der Sport mit seinen Erfahrungen und mit seinem Wissen, zu dem was wünschenswert wäre, was aber bisher keine Realität geworden ist einen wichtigen Diskussionsbeitrag leisten. Er kann auf verschiedenste Versuche, Kampagnen und Ideen verweisen, mit denen Sportorganisationen (gerne auch gemeinsam mit Bildungseinrichtungen und der Politik) versucht haben, Doping einzuschränken und/oder zu verbieten. Es gibt Erfahrungen wie "aufgeregt", ja manchmal marktschreierisch die Diskussion in den Medien abläuft und wie es dann auch schwerfällt, eine sachliche Aufarbeitung und eine der Verbandsgerichtsbarkeit entsprechende Entscheidung, bis hin zur lebenslangen Sperre, zu finden. Diese Frage greift die Arbeit genauso auf wie die Frage, ob nicht gerade im Sport der Umgang mit Doping und die Sanktionierungsmöglichkeiten nicht die existentiellen Gefahren adäquat widerspiegelt, die sich für den Sport, für Sportarten oder Sportverbände aus dem Doping ergeben können. Angesichts einer Diskussion um eine Leistungs-, wenn nicht gar Höchstleistungsgesellschaft ist es aber kein einfaches Unterfangen, den Einzelnen dazu zu bewegen, auf leistungssteigernde oder leistungserhaltende Mittel und Methoden zu verzichten, wenn denn davon so viel abhängen kann. Beispiele aus dem Sport zeigen, dass selbst der offene Umgang mit den gesundheitlichen Risiken, die mit dem Doping verbunden sind, nicht durchgängig zum Verzicht und zur aktiven Opposition führt. Die Ursachen werden von Andreas Singler in seinen abschließenden 12 Thesen zum Performanceenhancement und Neuroenhancement deutlich gemacht, denen er umgehend 12 Antithesen entgegenstellt. Diese sind wie ein Schmelztiegel der gesamten Leistungsdebatte, werden doch Argumente und Gegenargumente ausgetauscht, wird doch die Scheinheiligkeit in mancher (angebliche) Begründung sehr schnell klar. Sehr transparent wird die gesellschaftliche Dimension des Gesamtproblems leistungssteigernder Mittel, die kein Problem des Sports allein ist, um einzig Schuldige zu finden. Es muss um einen kritischen gesellschaftlichen Diskurs unter Einbeziehung soziologischer, sozialpsychologischer und psychologischer Überlegungen gehen, um die Mechanismen zu verstehen, die Menschen dazu bringen Risiken auszublenden und gesellschaftliche Werte zu missachten. Dazu leistet die Arbeit einen wichtigen Beitrag.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sportgeschichte und Sportpolitik Biowissenschaften und Sportmedizin Theorie und gesellschaftliche Grundlagen
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Göttingen Cuvillier 2012
Ausgabe:Göttingen: Cuvillier, 2012.- 205 S.
Schriftenreihe:Würzburger Beiträge zur Sportwissenschaft, 6
Seiten:205
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch