Psychologische Diagnostik mentaler Fitness im Sport

Das Ziel seiner Monographie formuliert Alexandre Martin Gerwinat klar in den einleitenden Bemerkungen: Er möchte ein breit angelegtes Instrument zur sportspezifischen quantitativen Diagnostik differenzieller Aspekte der Sportlerpersönlichkeit vorlegen. Die theoretischen Grundlagen dafür findet er im Konzept der mentalen Fitness (im Sport), das insbesondere im Spitzensport zu Hause ist und insbesondere in der Sportpraxis in einem engen Zusammenhang mit der Steigerung bzw. Entwicklung der sportlichen Leistung gesehen wird. Gerade in den letzten Jahren sind Themen der Unterstützung dieser Leistungsentwicklung bzw. der Leistungserbringung zu (einem oder mehreren) sportlichen Höhepunkt(en) nahezu inflationär in die Diskussion eingeführt worden. Dabei ist zu erkennen, dass eine solche Diskussion nicht immer von einem gesicherten und miteinander vereinbarten Begriffsverständnis geführt wird. Repräsentanten der Trainingspraxis lassen da ein anderes Verständnis als Sportpsychologen erkennen. Es gibt aber eine Reihe von Themen, wie die Visualisierung mittels mentalen Trainings, denen alle an der Diskussion und Applikation Beteiligten eine zentrale Bedeutung zumessen und die auch in diesem Handbuch aufgegriffen werden. Der erste, schnell erkennbare Gewinn, den der Leser aus der Lektüre des Buchs ziehen kann, ist die gut fundierte Auseinandersetzung mit und die Aufarbeiten vorliegender Erkenntnis einer nicht geringen Zahl von induktiven und deduktiven Untersuchungen zu Attributen der mentalen Fitness. Diese bilden in der Folge eine Grundlage dafür, die Entwicklung und Trainierbarkeit der mentalen Fitness zu diskutieren, was wiederum wichtig ist, wenn der Autor im nächsten Schritt Instrumente zur Diagnostik der mentalen Fitness analysiert. Dabei ist ihm wichtig, dass im Rahmen einer dynamisch-interaktionistisch ausgerichteten bidirektionalen Betrachtung das Verhältnis von Person(en) und Umwelt untersucht wird. Ergänzend dazu betont er die Betrachtung aktueller Zustände und Prozesse der mentalen Fitness im Kontext vorgelagerter Lern- und Sozialisationserfahrungen von Sportlern, die auch eigene Beobachtungen und Reflexionen einfließen lassen. Die Diskussion der Persönlichkeit des Sportlers und deren Interaktion mit ihrer Umwelt bildet einen zweiten inhaltlichen Schwerpunkt, zu dem ein Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit zugrunde gelegt wird. Diese Faktoren sind Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit/Liebenswürdigkeit und Gewissenhaftigkeit, deren Anwendbarkeit in verschiedenen Studien bereits belegt wurde. Dazu liegen auch Diagnoseinstrumente vor, die für sportliche Untersuchungen bereits zur Anwendung gekommen sind, wenn auch nicht unter sportartspezifischer Sicht. Hier erkennt der Autor aktuell auch keine sich zwingend ergebende Notwendigkeit, sondern verweist darauf, dass es um die ganzheitliche Betrachtung der Sportlerpersönlichkeit geht. Dahingegen engagiert er sich in seiner Präsentation weit mehr für die Themen, die für ihn in diesem Zusammenhang besonders wichtig erscheinen, wie zum Beispiel Motivation und Kognition, Leistungsmotivation, psychologische Fertigkeiten oder Vertrauen. Im empirischen Teil stellt der Autor dann seine in zwei Schritten durchgeführte Studie vor, in der zuerst homogene Skalen konstruiert wurden, um dann in der zweiten Phase die Replikation und Optimierung der Skalenhomogenität zu sichern. Dieses Vorgehen ist eine Voraussetzung dafür, dass der Gesamtfragebogen zur Sportlerpersönlichkeit mittels explorativer und konfirmatorischer Faktorenanalyse überprüft und optimiert werden konnte. Die Ergebnisse liefern eine Struktur der mentalen Fitness, die aus folgenden Dimensionen besteht: - Selbstwahrnehmung (Wettkampfangst, körperliche Erscheinung, subjektive sportliche Kompetenz), - Wettkampfmotivation (Stressreaktionen, Hoffnung auf Erfolg, Aufmerksamkeitsregulation), - Trainer-Athlet-Beziehung (erlebte unbedingte Wertschätzung, positive Wahrnehmung, Vertrauen). Der Autor verweist in seiner Diskussion der Ergebnisse aber auch darauf, dass diese durch weitergehende und ergänzende Studien notwendig erscheinen, da sich verschiedene Probleme wie die Länge des Fragebogens oder die Begrenztheit der Stichprobe auftaten. Die Befunde liefern aber sehr wohl Grundlagen für Replikationsstudien und die Überprüfung eines Modells der mentalen Fitness als Faktor höherer Ordnung. Wünschenswert ist auch die weitergehende Untersuchung psychologischer Fertigkeiten hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zu den Dimensionen mentaler Fitness, was in der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden konnte. Während für die zentrale und auf weitere Dimensionen ausstrahlende Trainer-Athlet-Beziehung entsprechende Befunde ermittelt werden konnten, stehen diese für weitere zentrale Bezugspersonen noch aus: Auch ein Thema möglicher bzw. notwendiger zukünftiger Studien. Gleiches gilt für Themen wie ein positives Motivationsklima in der unmittelbaren Trainingsgruppe. Die vorliegenden Ergebnisse können genutzt werden, um Trainer für das Thema der mentalen Fitness zu sensibilisieren und ihnen erste Hinweise zu geben, mit welchen Teilthemen sie sich auseinandersetzen sollten, wie diese interagieren und wie eine Einflussnahme hin zur Entwicklung einer verbesserten mentalen Fitness aussehen kann. Dabei liegt der spezifische Nutzen in der breiten, ganzheitlichen Betrachtung der Sportlerpersönlichkeit mit ihrer Bündelung kognitiver, motivationaler und sozialer Aspekte mentaler Fitness.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Frankfurt/Main Lang 2011
Ausgabe:Frankfurt/M.: Lang, 2011.- 178 S.
Schriftenreihe:Sport und gesellschaftliche Perspektiven, 2
Seiten:178
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch