Menschliche Körper in Bewegung. Philosophische Modelle und Konzepte der Sportwissenschaft
Grundlage des vorliegenden Buches ist die im Februar 2000 an der Universität Bremen durchgeführte Tagung "Menschliche Körper in Bewegung".
Ausgangspunkt der Tagung ist die zeitgenössische westliche Weise der Körpertechnologisierung. Der menschliche Körper ist kaum mehr etwas, das im privaten und öffentlichen Leben übergangen und lediglich als notwendige Realisierungsbedingung eines eigentlich woanders begrabenen Glücks behandelt werden könnte. Man kümmert sich um seinen Körper; es existiert ein stummer Zwang, ihn zu stylen, ihn zu perfektionieren. Sich freiwillig schwitzend zu bewegen, hält nicht nur das wichtigste Instrument der Lebensbewältigung fit, sondern zelebriert den Körper auch selbst als Zweck. Das Geschäft mit dem Körper ist längst aus den Kinderschuhen märchenhafter Schneewittchen-Fragen ("Wer ist die Schönste im ganzen Land?") entwachsen; es ist boomender Wirtschaftszweig. Immer besorgt um den Markt der Möglichkeiten, wird der Körper Objekt wissenschaftlicher Begutachtung, unternehmerberaterischer Tätigkeit, öffentlicher Sorgenfalten seitens der Hüter der guten alten Kultur, etc. pp. Kurz: Der Körper ist zum Kapital geworden, mit dem sich in Arbeit und Freizeit wuchern lässt. Die eigenen körperlichen Fähigkeiten zu trainieren und zu verbessern, den eigenen Körper zu gestalten, ist das eine und als solches nichts neues; das andere und neue ist, die Evolution gleichsam selbst in die Hand nehmen zu wollen, um einen Körper ohne Fehl und Tadel zu schaffen. Der Körper scheint unter Zuhilfenahme geeigneter Techniken zerstückelbar und ganz neu wieder zusammensetzbar - ggf. muss man neue Ersatzteile kaufen. Gebauer sieht im Sport "eine eindrucksvolle Analogie, ja sogar eine Vorform" zur Gentechnologie. In einem gewissen Sinne ist der Umgang mit dem Körper zur Religion geworden. Die antiquierte Sorge ums Seelenheil wird abgelöst durch die heilige Jagd nach einer guten Körpermaschine. Diese Umgangsweise mit dem Körper schafft damit nicht nur Mehrwert, sondern steht zugleich in der Gefahr, die Gewinner dieser Entwicklung hinterm Allerheiligsten zu verschleiern und die Verlierer - Alte, Krüppel, Nostalgiker, Traditionalisten im Sinne Webers, ... - zu Ohnmächtigen zu degradieren.
Problematischer Gegenstand der Tagung ist die vermutete und zu hinterfragende positive Eigenlogik der momentanen Körpertechnologisierung. Dies soll mittels zwei Schwerpunkten thematisiert werden. Zum einen: Wofür steht die Bezugnahme auf den Leib und auf Bewegung in der Philosophie? Zum anderen: Wie konzipieren und thematisieren diejenigen Einzelwissenschaften, die unabweisbar mit Körperbewegung konfrontiert sind - Sportwissenschaft, Behindertenpädagogik, Gesundheitswissenschaften, ... - diesen ihren Gegenstand? Und damit sofort: Wie realisiert sich das spannungsvolle Verhältnis philosophischer und einzelwissenschaftlicher Konzeptionen von körperlicher Bewegung?
Die Tagung soll der Frage nachgehen, ob die Bezugnahme auf den Leib einen Maßstab der Kritik gegenüber Strategien der Körpertechnologisierung abgeben kann. Ein Indiz für eine mögliche positive Antwort liegt darin, dass in aktuellen Bewegungskulturen jenes alte Motiv der konstitutiven Endlichkeit des Menschen wieder aufscheint: man erfährt in der Bewegung (und weiß nicht schon vorher gemäß vorausgesetzter Maßstäbe), ob sie zufriedenstellt. "Die Virtuosität des Sich-Bewegens wird wohl am auffälligsten von den jugendkulturellen Szenen der Skater, Streetballer, Surfer, Snowboarder, Mountainbiker oder BMXer akzentuiert. Diese Akteure zeigen in der Öffentlichkeit, dass man auch ohne vorrangige Orientierung an einerÜberbietungsperspektive dem Ideal des 'Besserwerdens' folgen und sich mit ganzer Leidenschaft dem Einüben oder der Perfektionierung von 'Tricks' hingeben kann." (J. Schwier)
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Sportgeschichte und Sportpolitik |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Frankfurt/Main, New York
2001
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| Ausgabe: | Frankfurt/Main, New York: Campus Verlag, 2001.- 336 S. |
| Seiten: | 336 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | mittel |