Der ganz große Wurf. Mentale Strategien einer Weltmeisterin im Alltag nutzen

Steffi Nerius' letzter Wettkampf spielt in diesem Buch zu mentalen Strategien im Sport und im Alltag eine herausragende Rolle. An diesem 18. August 2009 mit dem WM-Speerwurffinale der Frauen im Berliner Olympiastadion waren physische und psychische Qualitäten zum gleichen Zeitpunkt erforderlich, um am Ende des Wettkampfs die umjubelte Goldmedaillengewinnerin zu werden. Jahrelanges sportliches und auch mentales Training sollte (und konnte) sich auszahlen, wenn es ihr gelingen würde, alles "auf den Punkt zu treffen": die körperliche Kraft und die sportliche Technik, verbunden mit einer extrem hohen Motivation für diesen Wettkampf, die aber nicht in einer Verkrampftheit enden durfte, mit einer Konzentration auf den Augenblick und einen sportlichen wie psychologischen Plan für den Ablauf sowohl der Qualifikation als auch der sechs Würfe im Finale. Der Wettkampf wurde ein perfekter, konnte sie ihre Konkurrentinnen doch gleich mit dem ersten Wurf beeindrucken. Und so wurde der abschließende Wurf des Wettkampfs, der auch ihr letzter Wurf in der sportlichen Karriere insgesamt war, zu einem psychologischen Glücksgefühl und Glückserlebnis. Und dabei, so erfährt der Leser, ging es ihr in der Wettkampfvorbereitung nicht primär um die Goldmedaille oder eine Medaille, ihre Fokus war auf eine Leistung (eine Wurfweite) gerichtet, die ihrem aktuellen, sehr hohen Leistungsniveau entsprach. Das zu erreichen war ihr wichtig, wohin dies am Ende in der Platzierung führen würde, hatte nur eine sekundäre Bedeutung. Ein solcher Wettkampf kann so perfekt laufen, muss aber nicht. Die Konkurrentinnen haben auch nicht geschlafen, sondern intensiv trainiert und wollen auch einen Topplatz erreichen. Die vielen Zuschauer oder der immense Erfolgsdruck gerade bei einem Heimwettkampf können die Konzentration schwinden lassen, jeder Sportler kann Fehler machen, die Auswirkungen auf das sportliche Ergebnis haben oder Wetter und Wind können einem in Outdoorsportarten einen Strich durch die Rechnung machen. So ist es angeraten, nicht zwingend davon auszugehen, dass man erfolgreich sein wird, sondern mit einem Plan B vorbereitet zu sein, anderen zum Sieg gratulieren, seinen Misserfolg erklären und annehmen zu können, Schlussfolgerungen für die Zukunft ziehen zu können. Auch das ist ein Thema des Rückblicks von Steffi Nerius auf ihre sportliche Laufbahn. Verbunden mit beiden Situationen ist eine im Sport wie im Leben insgesamt notwendige Bereitschaft, Neues zu erkennen, sich darauf einzulassen, es auszuprobieren, neue Antworten zu finden und sich stets neu motivieren zu können. Hier sind mentale Techniken sehr hilfreich, um verschiedene Optionen zur Situationslösung parat zu haben und abrufen zu können. Im Sport wie im Alltag kann ein erfolgreiches Herangehen darin bestehen, Procedere für die Vorbereitungsphase zu entwickeln, es auszuprobieren und als Standardprogramm einzusetzen: Dazu kann man sich die optimale Bewegungslösung noch einmal vor dem geistigen Auge ablaufen lassen, kann aber auch Entspannungselemente einbauen, bevor man sich zur Aufwärmung als letztem Schritt vor dem eigentlichen Wettkampf begibt. Außerdem entwickeln viele Sportlerinnen und Sportler eigene Strategien, um bestimmte mentale Prozesse zu unterstützen, die insbesondere im Wettkampf, in Stresssituationen hilfreich sein können. So kann zum Beispiel das Abspielen einer bestimmten Musik Emotionen erwecken oder das Rhythmusgefühl ansprechen, beides Themen mit großer Bedeutung in vielen Sportarten. Die vorausschauende Auseinandersetzung mit typischen Wettkampfsituationen, die schnell zu Stress und Fehlern führen können, ist ein weiterer Aspekt, der wichtig ist und für den es entsprechende individuelle Strategien zu entwickeln gilt. Was passiert, wenn ich von drei Qualifikationsversuchen zwei nicht erfolgreich absolviert habe, wie sehen dann meine Selbstgespräche aus, wie motiviere ich mich für den dritten Versuch und vermeide es, durch den möglichen psychischen Druck Fehler im sportlichen Bewegungsablauf zu machen? Hier bietet das Buch unserer erfolgreichen Speerwerferin einen spannenden Blick hinter die Kulissen des Leistungssports und in die Gedankenwelt ihrer Protagonisten. Natürlich sind Sportler im Wettkampf auf sich allein gestellt, aber es gibt natürlich auch während eines Wettkampfs, der sich über gut eine Stunde oder manchmal gar länger erstreckt, Möglichkeiten der Kommunikation mit der zentralen sportlichen und oftmals auch psychologischen Bezugsperson, dem Trainer. Das Zusammenspiel von Sportlern und Trainern im Training und Wettkampf gründet sich auf Vertrauen. Der Trainer ist die Person, mit der gemeinsam das Training geplant und ausgewertet wird, mit dem über sportliche, psychische oder auch persönliche Themen und Probleme kommuniziert wird, mit dem gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. Dazu bedarf es eines von beiden Partnern angenommenen und gelebten Grads an Offenheit und mit zunehmendem Alter auch Selbstständigkeit. Der anfänglich vom Trainer sportlich und in der Persönlichkeitsentwicklung geführte Athlet wird zunehmend selbstständiger, entwickelt eigene Ideen und Vorschläge und bringt diese auch selbstbewusst in die Kommunikation ein. Diese Prozesse stellen für alle eine Herausforderung dar, gilt es doch, in den verschiedenen Entwicklungsphasen das Verhältnis und die Aufgabenverteilung immer wieder neu zu justieren, Verantwortung anzunehmen oder auch abzugeben. Diese aktive Anteilnahme an der Persönlichkeitsentwicklung hat auch für Steffi Nerius große Bedeutung gehabt, und hat letztendlich dazu geführt, dass sie heute selbst als Trainerin arbeitet.
© Copyright 2011 Veröffentlicht von Patmos-Verl.. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften Kraft-Schnellkraft-Sportarten
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Ostfildern Patmos-Verl. 2011
Ausgabe:Ostfildern: Patmos Verl.; 2011.- 157 S.
Seiten:157
Dokumentenarten:Buch
Level:mittel