Handlungskontrolle und Angst im Stabhochsprung. Eine empirische Analyse des Durchlaufens
Wenn man über die Faktoren nachdenkt, die in leichtathletischen Disziplinen maßgeblichen Einfluss auf die sportliche Leistung nehmen, denkt man zuerst an Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer oder auch die sportliche Technik. Bei einer genaueren Betrachtung verschiedener Disziplinen und bei Hinzuziehung eines typischen Wettkampfverlaufs wird aber auch deutlich, dass psychische Faktoren ebenso von entscheidender Bedeutung sein können bzw. sind. So müssen Leichtathletinnen und Leichtathleten in den Wurf- und verschiedenen Sprungdisziplinen körperlich und psychisch auf die Sekunde fit sein, um ihre individuellen Spitzenleistungen am Wettkampftag in der Qualifikation oder in den ersten drei Versuchen des Finals zu bringen. Im Hochsprung und Stabhochsprung stehen für die einzelnen Höhen jeweils maximal drei Versuche zur Verfügung, muss man sich aber auch mit der eigenen Wettkampftaktik und der der Konkurrenten auseinandersetzen. Und gerade im Stabhochsprung kommt auch ein sehr komplexer Bewegungsablauf hinzu, der die Athletinnen und Athleten in große Höhen katapultiert. Gerade durch diese beiden Aspekte gewinnen psychische Faktoren im Training (sowohl unter sporttechnischen als auch psychologischen Gesichtspunkten) und Wettkampf eine noch größere Bedeutung.
Die praktischen Auswirkungen dieser besonderen Situation sind in diesen Sprungdisziplinen auch im Wettkampf zu beobachten, wenn Sportlerinnen oder Sportler ihren Versuch abbrechen und "durchlaufen", also gar nicht erst ernsthaft versuchen abzuspringen. Die oberflächlichen Erklärungsversuche richten sich dann schnell auf einen Fehler in der Anlaufgestaltung, dass das Durchlaufen aber nicht selten Ausdruck psychischen Stress' ist, wird eher selten thematisiert. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema lassen sich fast nicht finden, sind es doch primär trainingswissenschaftliche Fragestellungen im Technik- oder Krafttraining, die einer eingehenden Analyse unterzogen wurden und werden.
Insofern wendet sich die Arbeit von Ralf Bender einem noch bisher nicht untersuchten Phänomen zu und wählt dafür eine sportpsychologische Perspektive. Ausgehend von Erkenntnissen zur Theorie der Handlungskontrolle (mit Themen wie Handlungssteuerung und Volitionssystem, Angst und Stress innerhalb eines sportlichen Umfelds) wurden für die Studie Experteninterviews zum Problem des Durchlaufens durchgeführt. Dabei wurden sowohl Sportlerinnen und Sportler als auch Trainer befragt. Das Ziel bestand darin, sowohl Hauptursachen für das Durchlaufen zu ermitteln und besser zu verstehen, weshalb dies passiert als auch darin, situative Einflussfaktoren zu erkennen. Letztlich soll mit der Untersuchung ein Beitrag geleistet werden, um Lösungsansätze zu entwickeln und anzubieten, die durch Trainer und/oder Sportpsychologen eingesetzt werden können. Als Grundvoraussetzung für das zuletzt genannte Ziel erweist sich eine sehr vertrauensvolle Beziehung zwischen Sportler und Trainer, da nur so den wirklichen Ursachen des Durchlaufens auf den Grund gegangen werden kann.
Im Ergebnis der Untersuchungen des Autors wurde von ihm das handlungskontrolltheoretische Durchlaufmodell HADUMO entwickelt, das sich primär als operatives Hintergrundwissen versteht. Innerhalb des Modells wird das Durchlaufen als handlungskontrolltheoretisches Problem verstanden, das sowohl durch innere als auch äußere Faktoren und Prozesse beeinflusst wird. Auf der Persönlichkeitsebene und beeinflusst durch situative Merkmale entschiedet sich dann, ob ein Athlet störende Einflüsse "beherrschen" und seinen Sprungversuch erfolgreich durchführen kann. Die damit im Zusammenhang stehenden psychischen Zustands- und Prozessvariablen wurden in den Mittelpunkt verschiedener Analysen gestellt.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Kraft-Schnellkraft-Sportarten Sozial- und Geisteswissenschaften |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Aachen
Meyer & Meyer
2011
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| Ausgabe: | Aachen: Meyer & Meyer, 2011.- 351 S. |
| Schriftenreihe: | Sportforum, 25 |
| Online-Zugang: | https://www.amazon.de/s?k=Handlungskontrolle%20und%20Angst%20im%20Stabhochsprung.%20Eine%20empirische%20Analyse%20des%20Durchlaufens |
| Seiten: | 351 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |