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Nicht-bewusste Handlungssteuerung im Sport

Zwischen dem Sport und der Sportwissenschaft auf der einen Seite und der Kognitionspsychologie und Wissenstheorie auf der anderen Seite haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr interessante Beziehungen entwickelt, von denen ein beidseitiger Nutzen ausgeht. Themen wie die nicht-bewusste Wahrnehmung, implizites Gedächtnis oder implizites Lernen sind sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die angewandte Forschung im Sport von großem Interesse. Eine nicht-bewusste Handlungssteuerung kann beispielsweise in Spiel- und Kampfsportarten, aber auch in Sportarten wie dem Rennschlitten- oder Bobsport, die mit sehr hohen Geschwindigkeiten "umgehen" müssen, angenommen werden, wenn in einem sehr dynamischen Aktionsumfeld, unter Zeitdruck und oftmals in einer Interaktion mit sportlichen Gegnern Handlungen initiiert, durchgeführt, gesteuert werden müssen. Diese sportlichen Handlungen zeichnen sich dabei sowohl in ihrer Erlernung als auch ihrer wiederholten Ausführung durch eine Komplexität aus, die nicht nur als ein Zusammensetzen singulärer Bewegungsfertigkeiten anzusehen ist. Sportwissenschaftler und Trainer haben in der Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen, der wissenschaftlichen Anwendung in der Praxis wie auch in Training und Wettkampf der Frage nachzugehen, ob es dabei zu einer bewussten Handlungssteuerung kommt, ob erworbenes Wissen genutzt wird, ob die funktionale Bedeutung einzelner Bewegungsmerkmaleüberhaupt erkannt werden (können bzw. müssen) oder welcher Grad der Automatisierung von Bewegungshandlungen wünschenswert und praktisch möglich ist. Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen sowie dem Entstehen von intuitiven Handlungen bzw. Entscheidungen schließen sich an und sind in das Umfeld nicht-bewusster Handlungssteuerung zu stellen. Um sich diesem für die Sportwissenschaft zunehmend wichtigen Thema wissenschaftlich fundiert zu nähern, wurde 2005 an der Universität Kassel ein Symposium durchgeführt. Dafür wurden Autoren gewonnen, die Forschungsansätze aus der experimentell orientierten Kognitionspsychologie sowie aus der Erkenntnis- und Wissenstheorie vorstellten und diese in einen sportlichen Handlungsrahmen stellten. Diese bilden auch den ersten inhaltlichen Schwerpunkt der hier vorgestellten Materialien des Symposiums. Andere Autoren vertreten dahingegen die sportwissenschaftliche Perspektive und stellen eine nicht-bewusste Handlungsregulation beispielweise im Zusammenhang mit sportlichen Handlungen und deren Erlernung oder in das komplexe Handlungsgeschehen im Verlauf von Wettkämpfen in Sportspielen. Daraus entsteht ein sehr anspruchsvoller, aber auch sehr interessanter Lesestoff, der für Wissenschaftler und Trainer neues Wissen und Denkansätze liefert. Inhalt Wissen wir, was wir tun? - Verteilte Rollen von Bewusstem und Unbewusstem in der Handlungskontrolle (B. Hommel) Direkte Parameterspezifikation: Die Verarbeitung unterschwelliger Reize zur Handlungssteuerung - ein Überblick (U. Ansorge) Verankerung als Mechanismus unbewusster Handlungssteuerung (J. Becker, J. Bittner, S. Erkel & S. Giebel) Warum nicht jeder, der weiß, wie es geht, auch weiß, wie es geht - Bewusstseinsphänomenologische Überlegungen zur Instruierbarkeit des Könnens (G. H. Neuweg) Implizite Auswahl und Ausführung von komplexen Bewegungen im Sport (M. Raab & N. Tielemann) Multimodale Konvergenz und Multisensorische Integration zur Wahrnehmungsoptimierung beim Bewegungslernen (A. Effenberg) "Ich sehe was, was du nicht siehst!" - Inattentional Blindness: Forschungsüberblick und Perspektiven zur Fokussierung der Aufmerksamkeit im Sportspiel (D. Memmert) Kreativität und Gewohnheit - Eine philosophische Problemskizze zur nicht-bewussten Handlungsinitiierung (D. Stederoth) Wenn schon, denn schon! - Zentrale Ressourcen oder funktionale Integration von supra-posturalen Aufgaben beim Balancieren? (V. Lippens & J. Schröder) Forschungsmethodische Überlegungen zur Untersuchung von Bewegungspriming (J. Micus & A. Kibele)
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften Trainingswissenschaft
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Schorndorf Hofmann Verlag 2006
Ausgabe:Schorndorf: Hofmann, 2006.- 196 S.
Seiten:196
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch