Motorische Leistungsfähigkeit als soziales Erbe. Mehr Chancen durch mehr Bewegung. Eine Vergleichsstudie
Schon in den neunziger Jahren stellten Wissenschaftler fest, dass sich in westlichen Industriegesellschaften zunehmend zwei Grundmuster des Kinderlebens entwickeln. Kindern aus der Mittel- und Oberschicht werden, dank der finanziellen Möglichkeiten ihrer Familien zunehmend mehr Angebote der musischen, kulturellen, sportlichen Förderung zuteil, ihre Freizeit ist gefüllt von derartigen, auf "Förderinseln" außerhalb ihrer unmittelbaren Lebensumgebung stattfindenden Veranstaltungen. Kinder aus Familien, die diese Möglichkeiten nicht besitzen, sind auf Angebot, am besten kostenlose oder sehr kostengünstige, in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung angewiesen. Da die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen, insbesondere in urbanen Lebensräumen, hier zunehmend Restriktionen hervorbringen werden Aktivangebote zur Förderung der motorischen Entwicklung der Mädchen und Jungen, sind das Herumtollen oder sich Bewegen zur Erkundung des Nahraums längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Ist diese Tendenz schon erschreckend, so wird sie bzw. werden ihre Konsequenzen noch dadurch drastisch verschärft, dass an Stelle des Spiels, des Sports, der Bewegung sitzende "Herausforderungen" wie fernsehen, Computer, Video getreten sind - bewegungsintensive Outdooraktivitäten werden gerade bei Kindern mit einem solchen sozialen Hintergrund zunehmend und sehr schnell durch bewegungsarme Indooraktivitäten verdrängt, bei denen außerdem soziale Kontakte schnell verlorengehen bzw. gar nicht erst aufgebaut werden.
Diese Ungleichentwicklung führt immer stärker zu einer Benachteiligung von Kindern aus sozial schwächeren Familien. Auch wenn einzelne Studien bereits auf diesen Sachverhalt hingewiesen haben, ist das Ausmaß der Entwicklung, die Intensität und der Umfang der negativen Konsequenzen für die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern im Vor- und Grundschulalter bisher nicht eingehend untersucht worden. Ebenso fehlten bisher Aussagen darüber, welche Kontextfaktoren dazu beitragen, dass Kinder in eine solch fatale Situation geraten, die eine wichtige Weichenstellung für ihr ganzes Leben darstellen kann. Und letztlich sind zwar die vielfältigen sozialisierenden und gesundheitsfördernden Potenziale von Sport und Bewegung hinreichend bekannt, wie sie aber gezielt eingesetzt werden können und sollten, um dieser alltäglichen Chancenungleichheit entgegenzuwirken, ist bisher unzureichend untersucht worden.
Die vorliegende Arbeit von Katharina Eckert nimmt sich dieses Komplexes von wichtigen Fragen und Themen an und arbeitet sie wissenschaftlich auf. Sehr wichtig und anerkennenswert ist aber, dass die Autorin nicht dabei stehen bleibt, für das Thema ein, sicherlich notwendige, wissenschaftliche Grundlegung vorzustellen. Sie formuliert schon sehr zeitig, dass es ihr immer darum gegangen ist, Interventionsmaßnahmen und Handlungskonsequenzen zu erarbeiten, die in der praktischen Arbeit in den Kommunen, Schulen, Vereinen und Familien eingesetzt werden können. Die dazu durchgeführten und vorgestellten zwei Interventionsstudien liefern diese praktischen Vorschläge.
Schon in den Eingangsbefragungen der Eltern der beteiligten Kinder an den Studien wurden wichtige körperliche, sportliche, soziale und auch mediale Faktoren wie BMI, Schulbildung der Eltern, Mitgliedschaft in Sportvereinen, wöchentliches sportliches Aktivitätsniveau und Medienkonsum der Kinder erhoben. Ergänzende Tests der sportlichen Leistungsfähigkeit (Ausdauerleistungsfähigkeit und Niveau der koordinativen Fähigkeiten) ergänzten die erhobenen Befunde. Die Interventionen umfassten beim ersten Untersuchungsdesign eine tägliche 20minütige Bewegungszeit unter Anleitung über einen Zeitraum von zehn Wochen und im zweiten Design ein umfassenderes Bewegungsangebot mit einer 4. Wöchentlichen Sportstunde, mit Mobilitätstagen und Walkingstunden.
Sowohl die Befragungen als auch die Auswertung der Interventionen lassen erste Schlüsse auf das komplexe Bedingungsgefüge der kindlichen motorischen Entwicklung zu. Sie liefern Hinweise auf die Bedeutung einzelner Faktoren, wie das Bildungsniveau der Eltern und der sich daraus ergebenden sozio-ökonomischen Stellung, was wiederum Einfluss auf die Vielfalt des Angebots an Freizeitaktivitäten für Kinder haben kann. Sie liefern auch Hinweise auf positive Wirkungen gezielter Interventionen sowohl im sportlichen, gesundheitlichen als auch sozialen Bereich. Die Autorin macht aber auch sehr entschieden darauf aufmerksam, dass mit ihrer Arbeit bisher nur eine Tür einen Spalt weit aufgestoßen wurde, um im Armutsdiskurs das Thema soziale Chancenungleichheit auch im motorisch-sportlichen Bereich wahrzunehmen und nach Lösungen zu suchen. Dabei verweist sie auf die Vielschichtigkeit und Komplexität des Themas, das bereits bei der Ausbildung von ErzieherInnen, SportlehrerInnen undÜbungsleiterInnen beginnt, und beispielsweise die Stadtplanung nicht nur tangiert, sondern massiv fordert. Ihr ist es gelungen, das Thema in die Diskussion einzuführen, es ist zu wünschen, dass es im Interesse der Gesundheit und Leistungsfähigkeit der nach folgenden Generationen als ständige Aufgabe aufgegriffen und begriffen wird, in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Sport gemeinsam nach nachhaltigen Lösungen zu suchen.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften Leitung und Organisation Theorie und gesellschaftliche Grundlagen |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Hamburg
Kovac
2008
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| Schriftenreihe: | Schriften zur Sportwissenschaft, 77 |
| Seiten: | 356 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |