Höchstwert oder Mittelwert aus mehreren Versuchen: Welche Messergebnisse wählen wir zur Bestimmung der Maximalkraft, der Sprintschnelligkeit und der Sprungkraft aus
Im Anschluss an einen Gastvortrag von A. Güllich über "Potenzierungseffekte durch Krafttraining" hat H.-V. Ulmer kritisiert, Güllich habe für die Überprüfung seiner Theorie aus mehreren Versuchen den Mittelwert gebildet und nicht den Bestwert ausgewählt. Zuerst in der Diskussion, anschließend in einer schriftlichen Zusammenfassung argumentiert Ulmer (2001):
- Da Maximalkraft definiert sei als "höchstmögliche Kraft, die man willkürlich erzeugen kann", folge unweigerlich, dass man auch den höchsten gemessenen Wert berücksichtigen müsse und nicht den Mittelwert aus mehreren Messungen.
- Messfehler seien dabei weit gehend auszuschließen, Unterschiede in den Messergebnissen kämen weitaus mehr durch biologische Einflussgrößen oder durch die Motivation zu Stande als durch Messfehler.
- Eine Analyse der Verteilung der Messfehler nütze nichts, zumal die Überprüfung auf Abweichung von der Normalverteilung bei kleinen Stichproben problematisch sei.
Da Ulmer den Spitzenwert nicht nur in empirischen Arbeiten heranzieht, sondern auch im Examen entsprechende Antworten fordert, seine Ansicht aber falsch ist, weil sie den Regeln der klassischen Testtheorie widerspricht, wird entgegnet:
1. Aus der Definition kann man in gar keinem Fall ableiten, dass der Höchstwert heranzuziehen sei. Ulmer verwechselt schlichtweg "höchste Kraft, die man willkürlich erzeugen kann" mit "höchste Kraft, die man messen kann". Allein die Unregelmäßigkeiten in Kraft-Zeit-Kurven verbieten die Berücksichtigung des Höchstwertes. Kraft-Zeit-Kurven erfordern eine Glättung, bei dem der höchste Kurvenpunkt (meistens) verschwindet.
2. Ulmer hat eine laienhafte Vorstellung von Messfehlern, wenn er diese lediglich auf das Messinstrument bezieht oder auf den, der die Messung durchführt. Davon abgesehen, dass auch solche Messfehler genauso zu einer Über- wie zu einer Unterschätzung der "wahren" Maximalkraft führen, ist ihm anscheinend unbekannt, dass man in der Testtheorie drei Mängelquellen unterscheidet:
- Mängel in der instrumentellen Konsistenz,
- Mängel in der Merkmalskonstanz,
- Mängel in der Bedingungskonstanz.
Was Ulmer unter "biologisch bedingter Streuung" versteht, ist sogar die führende Mängelquelle, ist aber nicht durch Streuung der wahren Werte, sondern durch die der Messfehler bedingt. Gleiches gilt für den Einfluss der Motivation, auch sie sorgt für unterschiedliche Messergebnisse, nicht für unterschiedliche wahre Werte.
3. Wie Ulmer das zweite Axiom der klassischen Testtheorie negiert, nach dem die Messfehler aus wiederholten Messungen normal verteilt sind und der Mittelwert entsprechend null ist, so ist ihm wohl auch das dritte Axiom unbekannt, dass nämlich wahrer Wert und Messfehler unkorreliert sind. Nur so ist erklärlich, dass er das Argument der Verteilungsprüfungen aufnimmt. Diese ist nämlich ganz und gar unmöglich, weil jedes Messergebnis sich aus einem wahren Wert (W) und einem Messfehler (ex) zusammensetzt, die Messfehler aber unbekannt sind. Wie soll man etwas überprüfen, was nicht bekannt ist? Ulmer verwechselt schlichtweg Messfehler und Messergebnisse. Letztere kann man überprüfen, doch hilft das Wissen um deren Verteilung überhaupt nichts, weil die Verteilung der Messergebnisse nichts über die der Messfehler besagt.
4. Wer sich im Sport auskennt, wird von vorneherein eine hohe Zuverlässigkeit von Spitzenwerten bezweifeln. Diese zeichnen sich nämlich in der Regel dadurch aus, dass sie nicht reproduzierbar sind. Messergebnisse sind aber nur reliabel, wenn sie (annähernd) wiederholbar sind. Ulmer argumentiert ohne Kenntnisse, zumindest ohne Berücksichtigung von zentralen Aussagen der Testtheorie. Seine Argumente stehen dazu im Gegensatz. Damit stellt er sich außerhalb jener Spielregeln, die im Spiel "Wissenschaft" gelten. Weil wegen der Bedeutung der Frage eine vertiefte Auseinandersetzung zwingend ist, wird auf unseren umfassenden Beitrag zu dieser Problematik hingewiesen.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Naturwissenschaften und Technik |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Mainz
Johannes-Gutenberg-Universität
2001
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| Seiten: | 21 |
| Dokumentenarten: | Forschungsergebnis |
| Level: | mittel |


