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Leistungssport mit fünf- bis siebenjährigen Mädchen in technisch-kompositorischen Sportarten - Spannungsfelder aus der Perspektive von Eltern und Trainerinnen

Das leistungsorientierte Training beginnt in den technisch-kompositorischen Sportarten wie dem Gerätturnen und der Rhythmischen Sportgymnastik aufgrund des frühen Hochleistungsalters in der Regel bereits im Kindesalter, was immer wieder Ausgangspunkt sportpädagogischer Betrachtungen und Diskussionen ist (Grupe, 1998). Im Nachwuchsbereich geht es im Kern darum, ,,sportliche Erfolge im Hochleistungsalter systematisch vorzubereiten" (DOSB, 2013, S. 8). Die inhaltlichen Orientierungen liefern in erster Linie die von den jeweiligen Sportfachverbänden herausgegeben Rahmentrainingskonzeptionen wie auch die Kader- und Wettkampfkriterien der jeweiligen Sportart. Diese sind zum einen auf die Optimierung des Lehr-Lernprozesses im Sinne der Zielsetzung der langfristigen Leistungsentwicklung ausgerichtet und zum anderen verorten sie das Handeln der Akteure in einen pädagogisch-ethischen Rahmen (DTB, 2011; DOSB, 2013). Als gestaltenden Akteuren kommt den Eltern und Trainer*innen eine große Bedeutung zu (Lüsebrink, 1997; Frei et al., 2000; Alfermann et al., 2002; Weber, 2003) und sie werden in besonderer Weise in ihrer pädagogischen Verantwortung adressiert. Die Eltern sind diejenigen, die das Sportengagement anregen und die leistungssportliche Karriere1 von Kindern und Jugendlichen durch vielfältige Unterstützungen ermöglichen. Im Nachwuchsleistungssportkonzept 2020 des DOSB heißt es dazu, dass sich die Eltern - insbesondere, wenn sie ihre Kinder intensiv im Leistungssport begleiten - reflektierend , mit ihren Hoffnungen und Wünschen auseinandersetzen und darüber ihre pädagogische Handlungskompetenz erweitern sollen (DOSB, 2013, S. 23). Den Trainer*innen obliegt primär die Aufgabe der Vermittlung sportartspezifischer Fertigkeiten und weitere, wie z. B. die Bindung der Kinder an den Sport. Vor allem für die erste Förderphase werden vielfältige pädagogische Ansprüche formuliert und diese Phase als herausfordernde und spannende Ausbildungs- und Erziehungsaufgabe beschrieben (Condovici & Dörrer, 1999, S. 46; DOSB, 2013, S. 12ff.). Der Tenor der einschlägigen Konzepte ist stets, dass gerade der Leistungssport mit Kindern am Anfang der Karriere einer reflexiven Zuwendung seitens der gestaltenden Akteure bedarf. Welche "Wirklichkeit" sich für den Bereich des Einstiegs der Kinder bietet, was für die Akteure von besonderer Relevanz ist und inwiefern die Alltagspraxis eine reflexive Zuwendung erfährt, kann empirisch noch nicht beantwortet werden. Dies stellt insofern ein Problem dar, als dass die Gefahr besteht, dass sich normative Ansprüche in der Praxis als wenig tragfähig erweisen, sofern sie an der Wirklichkeit vorbei konzipiert werden. Der aktuelle Forschungsstand verweist diesbezüglich auf eine mitunter bestehende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Durch Beobachtungen der Alltagspraxis im Gerätturnen mit Kindern kann Richartz etwa eine "Breite der Streuung" (2012, S. 144) bei der Umsetzung pädagogischer Qualitätsmerkmale beschreiben. Insofern ist es von Relevanz, mehr über die Perspektiven von Eltern und Trainer*innen in Erfahrung zu bringen und "hinter die Kulissen" des Alltagshandelns zu blicken. An dieser Stelle setzt die qualitative Studie an, die diesem Beitrag zugrunde liegt. Im Kern ist es das Ziel, Orientierungen in der Alltagspraxis im Sinne von Wissensbeständen von Eltern und Trainer*innen zu rekonstruieren. Die Studie verortet sich in einem sozialkonstruktivistischen Paradigma. Die Eltern und Trainer*innen agieren in diesem Verständnis zwar in einem Handlungsfeld mit vorgegeben Strukturen, gestalten dieses aber vor dem Hintergrund ihrer individuellen Relevanzsysteme mit (Schütz & Luckmann, 2017). Um diese zu rekonstruieren, wurde ein qualitatives Forschungsvorgehen gewählt und methodisch auf leitfadenorientierte Interviews zurückgegriffen. Interviewt wurden zehn Elternteile (vorwiegend Mütter) und sechs Trainerinnen (bis auf eine Ausnahme alle mit B-Lizenz) von fünf- bis siebenjährigen Kindern, die im ersten Jahr nach der Talentfindung in leistungsorientierten Trainingsgruppen (Vereine und Turntalentschulen) mit dem Ziel der leistungssportlichen Anschlussfähigkeit in den Sportarten Gerätturnen weiblich und Rhythmische Sportgymnastik trainiert wurden. Die Interviews wurden transkribiert und in Anlehnung an Kodierverfahren der Grounded Theory Methodologie (Breuer, 2009) ausgewertet. Die im folgenden dargestellten Ergebnisse erweisen sich als einzelfallübergreifende homologe Strukturen.
© Copyright 2019 Turnen trainieren und vermitteln. 10. Jahrestagung der dvs-Kommission Gerätturnen vom 3. - 5. September 2018 in Göttingen. Veröffentlicht von Feldhaus, Ed. Czwalina. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft technische Sportarten Nachwuchssport
Tagging:Eltern
Veröffentlicht in:Turnen trainieren und vermitteln. 10. Jahrestagung der dvs-Kommission Gerätturnen vom 3. - 5. September 2018 in Göttingen
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hamburg Feldhaus, Ed. Czwalina 2019
Schriftenreihe:Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, 287
Online-Zugang:https://www.feldhaus-verlag.de/sportwissenschaft/sportarten/weitere/1452/turnen-trainieren-und-vermitteln
Seiten:95-100
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch