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Prävalenz und Inzidenz von Ruhe-EKG-Veränderungen bei jugendlichen Kaderathleten

Regelmäßiges und intensives sportliches Training ist für diverse kardiale Veränderungen, sowohl elektrischer, struktureller als auch funktioneller Art verantwortlich und bringt zweifelsohne vorteilhafte kardiovaskuläre Effekte mit sich. Dennoch kann Sport auch Trigger für ein akutes kardiales Ereignis sein und der plötzliche Herztod ist nach wie vor die führende Todesursache bei Athleten während des Sports. Eine klare Trennung zwischen physiologischer Anpassung oder aber diversen Pathologien soll durch intensive Vorsorgeuntersuchungen speziell unter zur Hilfenahme des EKGs geschaffen werden und dank der Seattle-Kriterien ist inzwischen eine systematische standardisierte Beurteilung von EKG-Veränderungen bei Sportlern möglich. Dennoch sind bislang relativ wenige aussagekräftige Studien zu EKG-Veränderungen bei Sportlern speziell im Verlauf zu finden. Ziel der Längsschnittstudie war es deshalb, mögliche kardiale Auswirkungen von langjährigem leistungsorientiertem Training gerade bei jungen Athleten und deren Korrelationen im EKG über mehrere Jahre zu analysieren. Die Ruhe-EKGs von 155 jungen Kaderathleten mit einem mittleren Alter von 17 Jahren wurden retrospektiv über maximal fünf Jahre auf das Auftreten etwaiger Veränderungen sowie deren Entwicklung im zeitlichen Verlauf untersucht. Die EKG-Veränderungen wurden anhand der Seattle-Kriterien definiert und hierbei in gewöhnlich, trainingsbedingt und ungewöhnlich, potentiell pathologisch unterteilt. Die Analyse erfolgte sowohl in Abhängigkeit des Geschlechts als auch anhand ihrer Sportart, eingeteilt in die drei Gruppen Ausdauer, Kraft/Technik und Spielsport. Über 98 % der EKGs wiesen eine oder mehrere Veränderungen auf, im Mittel wurden 3,1 Veränderungen pro EKG gefunden. Allerdings waren diese Veränderungen zum überwiegenden Teil physiologischer Natur und die durchschnittliche Anzahl an potentiell pathologischen Veränderungen pro EKG betrug lediglich 0,1. Bei den physiologischen Veränderungen dominierten die Sinusarrhythmie, der inkomplette Rechtsschenkelblock, die frühe Repolarisation sowie die Sinusbradykardie mit Prävalenzen von zum Teil deutlich über 80 %. Sowohl gewöhnliche als auch ungewöhnliche Veränderungen wurden übereinstimmend mit anderen Studien auch bei der hier vorliegenden häufiger bei den männlichen als bei den weiblichen Athleten gefunden. Unter den verschiedenen Sportartgruppen wiesen die Ausdauerathleten die meisten Veränderungen auf. Bei der Analyse der sechs ausgewählten EKG-Variablen in ihrem zeitlichen Verlauf kam es bis auf einen vermutlich technisch bedingten Messfehler zu keinerlei signifikanten Veränderungen, weder in der gesammelten Analyse aller Athleten-EKGs, noch bei der getrennten Analyse in Abhängigkeit von Geschlecht oder Sportartgruppe. Bezüglich der Inzidenz der EKG-Veränderungen zeigten sich die Befunde äußerst variabel und lediglich neun der 155 Athleten wiesen hinsichtlich der Seattle-Kriterien einen konstanten Befund auf. Jedoch drückte sich die Variabilität in einem gleichen Anteil an hinzukommenden wie auch an wegfallenden EKG-Veränderungen aus, entsprechend wiederum hauptsächlich physiologischer Art. Ob es sich hierbei nun um eine tatsächliche Variabilität des Herzens, die in den EKG-Befunden zum Ausdruck kommt, handelt oder aber um Fehler in der Durchführung oder der Interpretation des EKGs, ist aufgrund der hohen Fehleranfälligkeit und Untersucherabhängigkeit des EKGs schwierig einzuschätzen. Daraus folgt eine in diversen Studien weiterhin umstrittene Rolle des EKGs bei sportmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass junge Athleten mit regelmäßigem intensivem Training eine Vielzahl an Ruhe-EKG-Veränderungen aufweisen, welche beim Nicht-Sportler als pathologisch gelten würden. Die hohe Prävalenz verdeutlicht die Anpassungsfähigkeit des jungen Herzens an intensive körperliche Belastung, aber sie bestätigt auch die Notwendigkeit regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen im Leistungssport. Eine korrekte Durchführung und Interpretation durch erfahrene Mediziner vorausgesetzt, scheint hier mit Hilfe des EKGs und der Seattle-Kriterien eine klare Trennung möglich, ab wann die EKG-Veränderungen auch beim Sportler einer weiteren Abklärung bedürfen. Dies ist von immenser Bedeutung, um frühe Anzeichen kardialer Pathologien rechtzeitig zu erkennen und die Wahrscheinlichkeit für bleibende Schäden oder gar den plötzlichen Herztod beim Sportler weiter zu reduzieren.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin Nachwuchssport
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Tübingen Eberhard Karls Universität 2019
Online-Zugang:https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/85956/Dissertation%20Katja%20Fischer.pdf?sequence=1
Seiten:121
Dokumentenarten:Dissertation
Level:hoch