KiSS aus Kindersicht - eine Evaluation der Kindersportschulen (KiSS) in NRW
(KiSS seen with children's eyes - an evaluation of Children's Sport Schools (KiSS) in North Rhine Westphalia)
Das vorliegende Forschungsprojekt hatte die Frage nach Interessen, Neigungen und Meinungen der Kindersportschüler zum Thema. Dabei sollten die Kinderaussagen insbesondere nach den von der Steuerungsgruppe vorgeschlagenen Kriterien des Wohnumfeldes (Stadt-Land-Vergleich) und der Dauer der Mitgliedschaft in den Kindersportschulen untersucht werden (vgl. S.55). Bei der Auswertung der Kinderaussagen konnten aber keine Stadt-Land-Unterschiede festgestellt werden. Ebenso waren keine Auffälligkeiten hinsichtlich der Mitgliedschaftsdauer der Kindersportschüler festzustellen. Dafür aber konnten bedeutsame Aspekte aus den Aussagen der Kindersportschüler herausgearbeitet werden.
Im exemplarischen Untersuchungsfeld wurde deutlich, dass die Kindersportschüler ein besonderes Interesse an den vielseitigen spiel-, sport- und bewegungsorientierten Angeboten in den Kindersportschulen haben. Von überdurchschnittlichem Interesse sind dabei die Lauf- und Bewegungsspiele, die von den Kinder durchgängig favorisiert werden. Diese Feststellung wird von dem bedeutsamen Aspekt gestützt, dass von den Kindersportschüler das Laufen/Rennen (unter Einbeziehung des Fußballspiels) als wichtigste Sporterfahrung genannt wird (vgl. S.83).
Die in den Kindersportschulen gesammelten Bewegungserfahrungen tragen somit dazu bei, dass die Kindersportschüler Spaß und Freude an den von ihnen ausgeübten Sporttätigkeiten haben. Sie verbringen ihre Freizeit gerne in Kindersportschulen, obgleich es sich dabei um Einrichtungen handelt, in denen unter Aufsicht und Anleitung von qualifizierten Übungsleitern Sport getrieben wird.
Literaturbearbeitung und Untersuchungsteil ergänzen sich in diesem Punkt hinsichtlich der Darstellung von Kinderfreizeit, die sich trotz bewegungsunfreundlicher Modernisierungsprozesse (z.B. Medialisierung, Verhäuslichung, Verinselung) durch bewegungs-, spiel- und sportbezogene Aktivitäten und Hobbys auszeichnet (vgl. 31 f.).
Des Weiteren beziehen sich die Bewegungserfahrungen der Kindersportschüler auf die (Turn-) Geräte. Von ihnen werden vielfältige Möglichkeiten genannt, wie die Geräte einzusetzen und zu nutzen sind. Das umfassend angelegte Angebot der Kindersportschulen spiegelt sich in den unterschiedlichen Interessengebieten der Kinder wider (z.B. Ringe, Barren, Trampolin, Seile) (vgl. S.82).
Aus Sicht der Kindersportschüler ist die Sportart Fußball der favorisierte Sport in der KiSS (vgl. S.83). Dieser Trend spiegelt sich in den Bestandserhebungen von 2003 und 2004 des Deutschen Sportbunds wider, denn auf der Rangliste der Spitzenverbände belegt der Fußballbund nur knapp vor dem Turnerbund den ersten Platz (DSB, 2003, S.6; 2004, S.8). Bezogen auf die Altersgruppe der 3-14-jährigen ist das Ergebnis umgekehrt (vgl. S.39). Hier scheint das Turnen an verschiedenen Geräten bei den jüngeren Kindern beliebter zu sein als der Fußball. Bei den meisten Kindersportschülern zeigt sich, dass sie eine positive Einstellung zum (Geräte-) Turnen haben (vgl. S.82). Im Vergleich dazu signalisiert nur ein Teil der Kindersportschüler deutliches Interesse am Fußball, während sich der andere Teil von diesem Ballsport distanziert (vgl. S.85).
Hinsichtlich des weit gefächerten Sportartenangebots, das auf die Vermittlung einer allgemeinen sportmotorischen Grundlagenausbildung (z.B. motorische, soziale und kognitive Aspekte) ausgerichtet ist (vgl. S.33 f., 48 ff.), wird dementsprechend von den Kindern ein umfassend angelegtes Sportrepertoire aufgezählt, das in den Kindersportschulen erlernt wird (z.B. Basketball, Handball, Hockey, Tennis, Judo, Volleyball) (vgl. S.83).
Von den Kindersportschülern werden Eintrittsgründe benannt (vgl. S.77), die in Zusammenhang mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen stehen und eventuell auf die Folgen moderner Modernisierungsprozesse (z.B. Medialisierung) zurückzuführen sind (vgl. S.10 ff.). Daraus entstehen Probleme modernen Kinderlebens (z.B. Bewegungsmangel, Übergewicht) (vgl. S.14 ff.), die von der KiSS mit Hilfe von gesundheitserzieherischen und sportpädagogischen Maßnahmen versucht werden zu kompensieren. Das Angebot wird deshalb an eine ganzheitliche Entwicklung angepasst.
Kindersportschüler haben von sich ein sehr selbstbewusstes sportliches Bild, das in ihrem eigenen Ermessen liegt. Dabei werden von den Kindern zum größten Teil sportmotorische Fähigkeiten in Bezug auf ihre Selbsteinschätzung genannt. In ihrem Interesse liegen aber auch soziale Aspekte (z.B. Umgang miteinander), die für das sportliche Selbstbild von Bedeutung sind (vgl. S.90).
Kindersportschüler sind in hohem Maße zufrieden mit den Kindersportschulen, was sich wiederholt im breit gefächerten sportlichen Inhalt, insbesondere den Lauf- und Bewegungsspielen, äußert (vgl. S.78 ff.). Verbesserungswünsche beziehen sichüberwiegend auf den allgemeinen Zustand der Trainingssportstätten. Da diese Sporthallen nicht im Eigenbesitz der Kindersportschulen, sondern öffentliche Gebäude sind, können diese Verbesserungswünsche nur bedingt beeinflusst werden. Des Weiteren handelt es sich bei den Verbesserungsvorschlägen um sehr individuelle Wünsche und Vorlieben der Kindersportschüler, die im gesamten Kontext wenig berücksichtigt werden können (vgl. S.84 ff.).
Die Übungsleiter der Kindersportschulen werden von den Kindern in höchsten Tönen gelobt. Die häufig genannten Eigenschaften "nett" und "lustig" vermitteln ein positives Bild über den Übungsleiter als Bezugsperson (vgl. S.88). Lediglich bezogen auf den Erziehungsstil/Umgangston des Übungsleiters bei Störungen/unsachgemäßem Verhalten während der Sportstunde, werden negative Merkmale über den Übungsleiter (z.B. zu streng, schreit zu viel) von den Kindersportschülern genannt (vgl. S.89 ff.). Bei genauerer Betrachtung halten die Kinder aber autoritäres/strenges Verhalten in erforderten Situationen für notwendig.
Kritik wird seitens der Kindersportschüler auch am Umgang miteinander während der Sportstunde geübt. Da wird das "nervende", "mogelnde" und "drängelnde" Verhalten von anderen Kindersportschülern als verbesserungswürdig hingestellt (vgl. S.79 f.).
Das Forschungsprojekt vermag nicht eindeutig zu sagen, ob Kindersportschulen als institutionelle Freizeitangebote unter pädagogischer Anleitung den Kindern zu wenig Handlungsfreiheiten zum selbständigen Spielen und Bewegen anbieten. Der Hinweis eines Drittels der befragten Kindersportschüler auf den Schulsportunterricht kann in diesem Zusammenhang auch als Lern- und Erfahrungsraum gesehen werden, in dem die Kinder verschiedene Sportarten ausprobieren und erlernen können. Mit dieser Vorstellung würde die Kindersportschule für den Erwerb kultureller und sozialer Kompetenzen stehen (vgl. S.31).
Eindeutiger sind die Aussagen von einem Drittel der Kinder, die positive Aspekte mit der KiSS in Verbindung bringen (z.B. Spaß haben, ist etwas Schönes, bereitet Freude) (vgl. S.73 f.).
Der in den Kindersportschulen aufkommende Spaß und die Freude an der Bewegung vermitteln den Kindersportschülern eine positive Einstellung zum Sport, so dass sich im Anschluss an die KiSS 23 von 24 befragten Kindern vorstellen können, ein vereinsbezogenes und sportartspezifisches Angebot in Anspruch zu nehmen (vgl. S.92). Dabei handelt es sich zum Teil um parallel zur KiSS ausgeübte Sportarten, da fast die Hälfte der Kindersportschüler im Sinne einer Mehrfachmitgliedschaft in einer weiteren Sportart aktiv ist und diese auch nach Beendigung der KiSS weiter ausüben möchte (vgl. S.93).
In diesen Fällen ist eine Vermittlung der Kinder in andere Abteilungen oder Vereine nicht zwingend erforderlich, da sie sich bereits für eine Sportart entschieden haben. Die Frage stellt sich aber, ob die Kinder nach Beendigung der KiSS mit einer zweiten Sportart beginnen möchten. Daher muss jedes Kinder, unabhängig seines sportlichen Engagements, von den Übungsleitern in der Übergangsphase besonders betreut und beraten werden. Im eindeutigen Trend für eine weiterführende Sportart liegt bei den Kindersportschülern der Fußball (vgl. S.94).
Das Sportverhalten der Kinder in ferner Zukunft ändert sich zugunsten einer freizeitlichen Option des Sporttreibens außerhalb des Sportvereins (z.B. Joggen, Golf, Fitnessstudio, Tennis). Weil die Kindersportschüler sich in den Aussagen an dem Sportverhalten ihrer Eltern orientieren, gehen sechs Kinder davon aus, aufgrund familiärer und beruflicher Situation in Zukunft keine Zeit mehr für den Sport zu haben. Sieben Kinder dagegen bejahen eine sportliche Zukunft, während fast die Hälfte der Kindersportschüler unschlüssig bleibt.
Die Ergebnisse der letzten Fragedimension geben leider nur wenig Aufschluss über die wirkliche Einstellung der Kindersportschüler zum Sporttreiben in ferner Zukunft. In der Auswertung aller Kinderaussagen ist deutlich eine positive Einstellung zum Sport zu erkennen. Dies spiegelt sich auch in dem Wunsch von 23 Kindern wider, nach Beendigung der KiSS weiter sportlich aktiv zu sein. Eine sportartübergreifende Grundlagenausbildung, wie sie in der KiSS gelehrt wird, könnte die Kinder im Gegensatz zu ihren jetzigen Aussagen dazu veranlassen, Sport ein Leben lang zu treiben.
Die Forschungsergebnisse der Studie veranlassen zu der Frage, welche nützlichen Erkenntnisse aus Sicht der Kinder für das Projekt "KiSS" in Zukunft gesammelten werden konnten. In Anbetracht der Tatsache, dass eventuell ein Gütesiegel für die Kindersportschulen in NRW erstellt werden soll, um auf einheitliche Qualität in den KiSS hinzuweisen, lassen sich die Kinderaussagen dahingehend auswerten, dass sie insgesamt übereinstimmen und sich bezogen auf den sportlichen Inhalt (sportartübergreifende Angebote) und die Umsetzung (das spielende, sporttreibende und sich bewegende Kind) aus Kinderperspektive gleichen.
Unstimmigkeiten in der Auswertung konnten in nur zwei Bereichen festgestellt werden:
(1) Bedeutungsprobleme mit dem Wort "KiSS"
(2) Einseitige Spielerfahrungen
Einhergehend mit der Feststellung, dass drei der sechs befragten Kinder der Bocholter Kindersportschule den Begriff "KiSS" oder Kindersportschule nicht kennen und die anderen drei Kindersportschüler das Wort nicht in ihrem Sprachwortschatz benutzen, kommt die Annahme auf, dass keine Identifikation mit der KiSS in Bezug auf den Namen stattgefunden hat. Bezogen auf die Identifikation der Kindersportschüler mit der KiSS muss aber mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, möchte sich das neue Organisationsmodell in Zukunft in Nordrhein-Westfalen etablieren, so dass herausgestellt werden kann:
I. Kindersportschulen müssen den Kindern und dem Umfeld aktiv die Bedeutung des Begriffs "KiSS" vermitteln, um so eine Identifikation herstellen und sich einer breiten Öffentlichkeit repräsentieren zu können.
Das von den Kindersportschülern aus Rheine favorisierte Spiel "Affenkäfig" veranlasst zu der Annahme, dass kein Austausch der Übungsleiter bezüglich neuer Ideen untereinander stattfindet. Daher kann festgehalten werden:
II. Die Übungsleiter der einzelnen Kindersportschulen müssen in Kontakt zueinander stehen und sich regelmäßig austauschen, um so eine gleiche Basis garantieren zu können (z.B. neue Spielideen).
Wie aus den Aussagen der Kinderinterviews deutlich wurde, ist fast die Hälfte der befragten Kindersportschüler parallel zur KiSS in einer anderen Sportart aktiv, so dass von einer Mehrfachmitgliedschaft der Kinder gesprochen werden kann. Aufgrund dessen können Kindersportschüler nach Beendigung der KiSS nur bedingt in andere Abteilungen und Verein überführt werden. Folgendes Statement kann daher getroffen werden:
III. Kindersportschulen stellen für Kindersportschüler eine Ergänzung und Erweiterung zu sportartspezialisierten Angeboten dar. Kindersportschulen können daher nur begrenzt die Kinder nach Abschluss in Vereine und Abteilungen vermitteln.
Diese Tatsache beeinflusst zum Teil das Bemühen des neuen Organisationsmodells Kindersportschule, den Kindern eine breite sportbezogene Grundlagenausbildung zu vermitteln, um ihnen im Anschluss an die KiSS die Auswahl einer Sportart zu erleichtern. Durch dieses neue Vergehen erhofft man sich, der zu frühen Spezialisierung auf nur eine Sportart zu entgehen und die Kinder somit für längere Zeit an der Verein zu binden, ohne dass sie die Sportart wechseln oder ganz aus dem Vereinsleben austreten.
Durch die neuen Erkenntnisse aus Kindersicht müssen die Kindersportschulen den hohen Anspruch ablegen, den Kindern alleine als Orientierungszeit zu dienen, in der sie erst ihre sportlichen Interessen und Neigungen herausfinden. Kindersportschüler können sich nach Eigenaussagen schon frühzeitig für eine Sportart entscheiden, die so viel Begeisterung und Freude bei ihnen auslöst, dass sie nach Abschluss der KiSS weiterhin diese Sportart ausüben möchten.
Das primäre Ziel der Kindersportschulen sollte daher sein, die Kindersportschüler zum lebenslangen Sporttreiben (außerhalb oder innerhalb eines Vereins) zu motivieren. Zu hoch angesetzte Ziele führen ansonsten zu einer Erwartungshaltung, die nicht erreicht werden kann. Dadurch ausgelöste Frustration und Resignation seitens der Kindersportschulen können das Projekt Kindersportschule in Nordrhein-Westfalen für die Zukunft gefährden.
Wie in der Konzeption der KiSS zu lesen ist "[...] Kinder haben ein Recht auf den erfüllten Augenblick [...]" (Lehrplankomission, o.J., S. 5) können die Kindersportschulen stolz darauf sein, den Kindern, zumindest für einen absehbaren Augenblick, Spaß und Freunde an der Vermittlung von Sport und Bewegung zu bieten.
© Copyright 2004 Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Nachwuchssport |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Düsseldorf
2004
|
| Online-Zugang: | https://www.yumpu.com/de/document/read/11041708/kiss-aus-kindersicht-eine-evaluation-der-bokissde |
| Seiten: | 116 |
| Dokumentenarten: | Diplomarbeit |
| Level: | hoch |