Hochleistungssport im internationalen Vergleich
Die Systeme des Hochleistungssports der erfolgreichsten Nationen bei Olympischen Spielen zeichnen sich schon seit längerer Zeit durch höchste Komplexität aus. So wie das Bildungs- und Erziehungssystem einer Nation, aber auch das Militär von größter Bedeutung, aber auch nahezu ohne jede Bedeutung sein kann, so zeigt sich auch bei den übrigen Austauschbeziehungen des Hochleistungssports zu seiner Umwelt, dass die Qualität der Austauschverhältnisse sehr unterschiedlich sein kann. Dies gilt für das Verhältnis von Sport und Wirtschaft in ähnlicher Weise wie für das Verhältnis der Massenmedien zum Hochleistungssport, für den Beitrag, den die Politik zu Gunsten des Hochleistungssports erbringt und für die Funktion der Wissenschaft, die diese in Bezug auf den sportlichen Erfolg erfüllt. Wird die Gesellschaft in ihren wichtigsten Merkmalen in die Interpretation mit einbezogen und betrachtet man die jeweils dominanten nationalen Kulturen in ihrem Einfluss zu Gunsten oder zu Lasten des Hochleistungssports, so wird ersichtlich, dass trotz aller Internationalität, durch die sich der Hochleistungssport auszeichnet, spezifische Nationalkulturen des Sports existieren, die durch eigenständige Traditionen und spezifische Merkmale gekennzeichnet sind. Es werden aber auch Angleichungsprozesse sichtbar, die angesichts der globalen Verfasstheit der Institutionen und Organisationen des Sports nicht überraschen können. Institutionelle Angleichungsprozesse,[2] wie man sie in der Politik und in der Wirtschaft beobachten kann, finden schon seit längerer Zeit auch in den Hochleistungssportsystemen der erfolgreichsten Nationen statt.[3] Angleichung ausgelöst durch Druck, aber auch Angleichung hervorgerufen durch Imitationsprozesse ist allenthalben zu beobachten. Von einer autonomen Verfasstheit der Systeme des Hochleistungssports kann dabei schon längst nicht mehr die Rede sein. Die Einflussnahme, insbesondere aus dem Bereich der Politik, ist evident. Die Suche nach effizienter Steuerung führt nahezu zwangsläufig zu hierarchischen Strukturen. Auch diesbezüglich lässt sich ein Prozess der internationalen Angleichung erkennen. Ähnlich wie in der Wirtschaft und in der Politik gibt es für das System des Hochleistungssports auch vermehrt einen Legitimationszwang, dem man dadurch begegnet, dass Modernisierung vorgegeben wird, ohne dass in der Praxis selbst entscheidende Veränderungen eintreten. Das so genannte Talk-Action-Phänomen[4] zeigt sich somit auch in einem gesellschaftlichen Teilsystem, von dem man annehmen müsste, dass es sich eigentlichin erster Linie durch "Action" auszeichnet. Unklare Ursache-Wirkung-Zusammenhänge, heterogene Umwelterwartungen und der Mangel an eindeutigen Problemlösungstechnologien führen zu Prozessen wechselseitiger Beobachtung und Imitation. Dies ist im Hochleistungssport gerade auch deshalb der Fall, weil man mit einem Problem konfrontiert ist, dessen Ursachen vielfältig und mögliche Lösungswege meist unklar sind. Sportorganisationen sind deshalb nicht selten nachahmende Organisationen: Erfolgreiche Modelle werden relativ schnell imitiert und über die Organisationsgrenzen hinweg adaptiert. Die Leistungssportnationen unterliegen aber auch einem immensen normativen Druck. Dieser resultiert aus den Professionalisierungsprozessen, wie sie insbesondere bei ihrem Personal zu erkennen sind. Auf diese Weise kommt es nicht zuletzt zu einer Kontinuität von Reformansprüchen. Auch im Hochleistungssport ist man ständig auf dem Sprung, permanent werden neue Reformen verlangt, Reformen werden zur Routine. Doch das Bemühen um Effizienz wird dabei nicht selten zu einer Reform um der Reform willen. Die Gefahr ist dabei gegeben, dass angesichts der fortdauernden Modernisierungsbemühungen weniger konkrete und intendierte Ergebnisse hervorgerufen werden, als vielmehr indirekte und zum Teil der Intention entgegenwirkende Effekte. In allen beobachteten Hochleistungssportsystemen ist deshalb die Frage nach effektiver Steuerung zur eigentlichen Herausforderung geworden. Immer dann, wenn der Hochleistungssport zu einem bestimmten Zeitpunkt, und das sind vor allem die Olympischen Spiele, auf dem Prüfstand steht, wird diese Frage erneut aufgeworfen. Ist man erfolgreich, sieht man sich mit seiner Steuerungskompetenz bestätigt, treten Misserfolge ein, ruft der Reformdruck Modernisierungsbemühungen hervor, deren Gelingen jedoch immer davon abhängig sein wird, dass die nicht gewollte Option des Misserfolges auch für Erfolgreiche wahrscheinlich bleibt. Der internationale Hochleistungssport ist und bleibt auf diese Weise ein Nullsummenspiel. Zur Logik des Siegers gehört der Verlierer.
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| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Organisationen und Veranstaltungen Sozial- und Geisteswissenschaften Nachwuchssport |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Bonn
2004
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| Online-Zugang: | https://www.bpb.de/apuz/28259/hochleistungssport-im-internationalen-vergleich |
| Dokumentenarten: | elektronische Publikation |
| Level: | mittel |